Alphabetisierungsoffensive - jetzt!
07.10.2008: Dr. 16/1806
Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen
Der Senat wird aufgefordert, Berlinerinnen und Berlinern, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht des Lesens und Schreibens mächtig sind und Hilfe brauchen, gezielt und mit konkreten Konzepten der nachholenden Alphabetisierung zu unterstützen. Hierzu sind die folgenden Maßnamen dringend erforderlich:
1. Die empirischen Befunde für Berlin müssen aktualisiert und Strukturen zur Alphabetisierungsarbeit müssen gemeinsam mit Expertinnen und Experten aufgebaut werden. Die Maßnahmen müssen sich an den Bedarfen der Zielgruppe orientieren.
2. Ein solides Finanzierungsmodell für die Arbeit im Bereich der Analphabetismus ist zu erarbeiten und zu sichern. 1.500 Plätze in Alphabetisierungsmaßnahmen stehen angesichts von ca. 164.000 Analphabeten in Berlin in einem eklatanten Missverhältnis zur Notwendigkeit der Anstrengungen. Die Zahl der Plätze muss daher deutlich erhöht werden.
3. Die Angebotsstruktur der Träger muss dem wachsenden Bedarf in Berlin angepasst werden. Hierzu ist eine Zusammenarbeit mit allen Akteuren, also den Bildungsträgern, der Agentur für Arbeit und den Sozialstadträten und Sozialstadträtinnen von Nöten. Um bedarfsgenaue Angebote machen zu können, ist es sinnvoll ein Förderzentrum für Analphabeten unter Einbeziehung der bisherigen Akteure einzurichten. Dieses kann die Angebote der Alphabetisierung und Fördermöglichkeiten z.B. der Jugendhilfe, der Jugendberufshilfe und der Arbeitsmarktinstrumente bündeln und adäquat beraten.
4. Eine Verzahnung der Arbeit der Erwachsenenbildner und Erwachsenenbildnerinnen mit der Arbeit der Kitas und der Schulen ist ebenfalls notwendig. Der Entstehung von (funktionalem) Analphabetismus ist bereits in den Schulen u.a. durch gezielte Auswertung der Vergleichsarbeiten entgegenzuwirken. Dabei sollten die Lehrkräfte von den Erfahrungen der Alphabetisierer profitieren. Das Fortbildungscurriculum muss, was Diagnosefähigkeit und Methodik anbelangt, auf den neuesten Stand gebracht werden. ErzieherInnen und Lehrkräfte müssen in der Aus- und Fortbildung sowohl methodisch als auch didaktisch gestärkt werden.
5. Der Ausgleich von Lese- und Schreibschwächen sowie von Problemen im mathematischen Grundverständnis gehört in den Regelunterricht und muss in allen Fächern erfolgen. Zu prüfen ist auch die systematische Kooperation von Schulen mit dem BMBFgeförderten Web-Portal Zweite-Chance-Online.de des Deutschen Volkshochschulverbands und des Bundesverbands Alphabetisierung.
6. Um die Forschung auf diesem Gebiet zu befördern, sind zusammen mit den Berliner Hochschulen, analog zu der Pass-alpha-Studie für Dresden, Untersuchungen und Studien zur Situation in Berlin durchzuführen.
7. Zur Begleitung und Evaluierung der Alphabetisierungsangebote ist eine dauerhafte Arbeitsgruppe vom Senat zusammen mit den Expertinnen und Experten der Alphabetisierungsarbeit in Berlin einzurichten.
Dem Abgeordnetenhaus ist bis zum 31.Dezember 2008 zu berichten.
Begründung: Der Bundesverband Alphabetisierung e.V. schätzt die Zahl der Analphabeten in Berlin auf etwa 164.000. Diese Zahl ist für die Hauptstadt alarmierend und nicht hinnehmbar. Präventive Maßnahmen zur Vermeidung von Analphabetismus sind in Berlin kaum vorhanden. Der Senat schaut zu und zieht sich auf Allgemeinplätze zurück. Das Tabuthema Analphabetismus darf nicht länger Tabuthema bleiben.
Trotz Schulbesuch und Sprachförderung verlassen zu viele Jugendliche, die Schule ohne sich die nötige Lese- und Schreibkompetenz angeeignet zu haben. Sie gehören zur Risikogruppe der Analphabeten. Hier sind dringend Maßnahmen von Nöten. ErzieherInnen und Lehrkräfte müssen in der Aus- und Fortbildung sowohl methodisch als auch didaktisch auf diese Aufgabe vorbereitet werden.
Um für Berlin in der nachholenden Alphabetisierung zu Verbesserungen zu kommen, sind ein Bündel an Maßnahmen erforderlich. Die Einrichtung einer Senatsarbeitsgruppe zusammen mit den Experten und Expertinnen der Alphabetisierungsarbeit soll sicherstellen, dass der Prozess begleitet und evaluiert wird. Ziel soll es sein, die empirischen Befunde für Berlin zu aktualisieren und Strukturen zur Alphabetisierungsarbeit aufzubauen, die sich an den Bedarfen der Zielgruppe orientieren. 1.500 Plätze in Alphabetisierungsmaßnahmen sind angesichts von 164.000 Analphabeten ein Tropfen auf den heißen Stein. Hier bedarf es der verstärkten Kooperation von bezirklichen Jugend- und Sozialämtern mit den Volkshochschulen und der Sicherstellung von mehr finanziellen Mittel, um die Arbeit auszubauen und den Betroffenen gezielt zu helfen.
Berlin, den 7. Oktober 2008
Eichstädt-Bohlig Ratzmann Mutlu und die übrigen Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Der Antrag kann nachfolgend heruntergeladen werden.




