Grußworte anlässlich der "Ersten offiziellen Kinderführung" an der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
05.05.2010: Am 5.05.2010 um 15:00 Uhr wurde die Erweiterung des Bildungsangebotes der Stiftung Berliner Mauer um die Erste offizielle KINDERFÜHRUNG "Nepomuck und Bärlihupf" -- Fluchtgeschichten für Kinder -- gefeiert. Nachfolgend hierzu die Grußworte von Özcan Mutlu, MdA:
Liebe Schülerinnen und Schüler, sehr geehrte Damen und Herren,
"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft"
Dieses Zitat von Wilhelm von Humboldt hat in unserer Zeit nicht an Bedeutung verloren, im Gegenteil. Daher ist es auch heutzutage sehr wichtig, dass unsere Zukunft, nämlich unsere Kinder, kindgerecht, spielerisch und ansprechend an die Vergangenheit herangeführt werden. Genau dies passiert beispielhaft hier an der "Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde".
Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen die erste offizielle Kinderführung der Stiftung Berliner Mauer zu feiern und möchte mich gleichzeitig für das stetige bildungspolitische Engagement Ihrer Institution bedanken.
Mit der Geburt eines Menschen beginnt auch der Prozess des lebenslangen Lernens. Kulturelle und historische Bildung ist ein bedeutungsvoller Bestandteil dieses Prozesses. Sie vollzieht sich beim Spielen, beim Experimentieren, beim Erkunden von allem, was neu und "anders" ist. So lernen Schülerinnen und Schüler Offenheit und Respekt für Themen, die neu, anders, fremd und faszinierend sind.
Kulturelle Bildung überzeugt durch ihren ganzheitlichen Ansatz. Sie ist Persönlichkeitsbildung, trägt zum sozialen Lernen bei, fördert Kreativität und Fantasie und lässt Kinder neue Welten, Perspektiven und Horizonte entdecken.
Öffentliche Institutionen wie Ihre übernehmen heute - neben Elternhaus, Kita und Schule - immer mehr die kulturelle und historische Bildung von Kindern und Jugendlichen. Sie stellen gleichermaßen Anregungen, Erfahrungsräume und Vorbildfunktion für sie dar.
Es ist beeindruckend, wie sehr sich die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde dem Bildungsauftrag unserer Schülerinnen und Schüler gewidmet hat. Als ich mir angeschaut habe, was das Programm des Museums alles anbietet, war ich beeindruckt. Dieses auch noch erfolgreich umzusetzen, hat meinen absoluten Respekt und Dank verdient.
Die Erinnerungsstätte "Notaufnahmelager Marienfelde" ist ein Ort der Erinnerung, aber auch ein Ort der Information, der Reflexion und Diskussion. Es steht wie kein anderer Ort für die Flucht von Millionen Menschen aus der DDR und ihre Aufnahme in der Bundesrepublik. Die Geschichte des Aufnahmelagers endete aber nicht mit der deutschen Einheit 1990.
Hierher kamen und kommen heute so genannte (Spät-)Aussiedler vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die dem Land Berlin zugeteilt worden sind. Die ständige Ausstellung der Erinnerungsstätte dokumentiert am authentischen Ort die Flucht im geteilten Deutschland in ihren historischen und gegenwartsbezogenen Dimensionen. Auch heute, 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, ist dieser authentische Lernrot ein wichtiger Ort, um den Jugendlichen die nach 1989 geboren sind, zu zeigen und es erlebbar zu machen, was die Teilung Deutschlands konkret bedeutet hat.
Als Bildungspolitiker interessieren mich natürlich besonders die Wege, wie die Schülerinnen und Schüler praxisnah und aktiv an schwierige Themen der Vergangenheit geführt werden. Dass ihnen unter anderem die Möglichkeit gegeben wird, selbstständig in der Ausstellung zu arbeiten und kleine Führungen den Mitschülerinnen und Mitschülern anschließend zu geben, ist genau das, was ich mir unter praxis- und erlebnisorientierter Pädagogik vorstelle.
Ebenfalls haben wir als Bildungspolitiker natürlich immer auch die Lehrerinnen und Lehrer im Auge. Wie können wir sie didaktisch so vorbereiten, dass historische und kulturelle Bildung nicht im Frontalunterricht in der Schule abgespult wird, sondern dass Ihnen Möglichkeiten gegeben wird, die Themen erlebbar zu machen? Hier ist die Stiftung Berliner Mauer ein toller Kooperationspartner. Ihre Lehrerfortbildungen beinhalten Informationen zum Lernen am historischen Ort. Dazu werden die Geschichte des Ortes sowie das museumspädagogische Angebot vorgestellt und diskutiert.
Die Vernetzung zwischen Schule und Museen ist von sehr großer Bedeutung und entfaltet wichtige Synergien für unsere Kinder.
Meine vorgegebene Redezeit reicht leider nicht, um alle Ihrer beeindruckenden Angebote zu kommentieren und zu loben, aber wenn mir noch eine Minute gegönnt ist, möchte ich gerne aus persönlichen Gründen Ihr Themenfeld Migration in Geschichte und Gegenwart aufgreifen. Besonders dieses ist in unser multikulturellen Gesellschaft und Schülerschaft ein wichtiges und auch geschichtlich zu behandelndes Thema.
Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Was bedeutet das Verlassen eines Landes für den eigenen Lebensweg, die persönlichen Bindungen, den beruflichen Werdegang? Wie gelingt oder warum scheitert Integration?
Diese Fragen stellen sich uns tagtäglich. Sie zeigen anhand verschiedener Migrationsbewegungen auch die Hintergründe und Vielfältigkeit der Migration. Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Engagement, freue mich nun sehr auf die 1. offizielle Kinderführung mit Euch und "Nepomuck und Bärlihupf" und wünsche der Stiftung Berliner Mauer, der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde und allen Beteiligten weiterhin viel Erfolg!
Özcan Mutlu




