Olympia-Reform: Längst überfällig, aber leider zu mutlos

Zur Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erklären Monika Lazar, Obfrau im Sportausschuss des Deutschen Bundestags, und Özcan Mutlu, Sprecher für Sportpolitik:

So gigantisch sich Olympische Spiele in letzter Zeit gegeben haben, so mäßig fallen die IOC-Reformen aus. Das Ziel hinter der Olympic Agenda 2020 von IOC-Präsident Thomas Bach ist klar: Er versucht, die laute und internationale Kritik am IOC aufzufangen. Umweltzerstörung, Diskriminierung, Geschacher bei der Olympia-Vergabe, Begünstigung von grotesker Misswirtschaft in den Bewerberstädten – die Liste der Vorwürfe ist lang.

Die Reformvorschläge für das IOC gehen in die richtige Richtung. Die Stärkung nachhaltiger Spiele und das klare Bekenntnis zur Aufnahme eines Verbots sexueller Diskriminierung in die Olympische Charta sind richtige Lehren aus Sotschi, die aber nicht weit genug gehen. Die Athletinnen und Athleten sollten generell unterstützt und nicht gehindert werden, ihre Meinung im Sinne der Präambel der Olympischen Charta zu äußern. Zu begrüßen ist ferner die Stärkung der Befugnisse der Ethikkommission und die Bildung einer Kommission Umwelt/Nachhaltigkeit, die mit der UNEP kooperieren soll.

Reihenweise sind dem IOC in den vergangenen Jahren die Bewerberstädte abgesprungen. Ob sich hier eine Trendwende abzeichnet und die Menschen wieder für Olympia zu begeistern sind, ist noch lange nicht sicher. Zum Beispiel findet sich das Wort Menschenrechte in keinem der 40 Vorschläge wieder, obwohl das Thema spätestens seit Peking 2008 die sportpolitische Debatte dominiert hat. Die Vertreibung von Bürgerinnen und Bürgern in Sotschi und der Konflikt in der Ukraine scheinen die Reformbefürworter im IOC nicht sonderlich zu stören.

Zwar sollen auch die Host-City-Verträge offener ausgestaltet werden. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ein solcher Vertrag künftig auf Augenhöhe zwischen Bewerberstadt und IOC ausgehandelt werden wird. Es ist weiterhin die „Friss oder Stirb“-Mentalität des IOC zu befürchten. In den Vorschlägen fehlt auch eine Auseinandersetzung mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des olympischen Sports, im Gegenteil soll diese durch die Einführung von nationalen Top-Sponsoren noch ausgebaut werden.

Weitere Großbaustellen werden nicht im Ansatz angegangen. Dazu gehört, dass das IOC sich wie ein gemeinnütziger Sportverein kleidet, aber wie ein multinationaler Sportkonzern handelt. Es ist nicht einzusehen, warum das IOC für sich eine Steuerbefreiung einfordert. Wir sehen hier weiterhin großen Reformbedarf. Hier sollte der Grundsatz gelten: Wer bestellt, der zahlt auch die Zeche.

Das IOC wehrt sich immer wieder gegen einen Vergleich mit der FIFA, die zurzeit einen massiven Imageschaden hinnehmen muss. Es ist ziemlich deutlich, dass das Ausmaß an Korruption und Intransparenz unter FIFA-Präsident Blatter ungleich gewaltiger ist. Eine weiße Weste hat das IOC daher aber nicht. Ob diese Reform daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Denn entscheidend ist nicht, was auf dem Papier steht, sondern wie die tatsächliche Umsetzung ausschaut.

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