Zukunftsfähiges Bildungssystem heute gestalten!
Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher, und Elfi Jantzen, kitapolitische Sprecherin, erklären:
Zukunftsfähiges Bildungssystem heute gestalten
Bildung neu denken "Ich will’s wissen - jeder Mensch ist begabt, fördern wir ihn!", unter diesem Kampagnenmotto hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vom Oktober 2005 bis Februar 2006 ihre bildungspolitischen Ziele vorgestellt und gemeinsam mit BildungsexpertInnen weiterentwickelt. Die Konferenz "Ich will´s wissen! - Konzepte für eine zukunftsfähige Schule" zum Abschluss der Bildungskampagne hat den Kurs grüner Bildungspolitik bestätigt: Individuelle Förderung aller Kinder, frühkindliche Bildung in Kitas, Chancengerechtigkeit verbessern, Sprachförderung ausbauen, nicht nur Wissen sondern auch notwendige Kompetenzen vermitteln und den LehrerInnenberuf reformieren.
Der UN-Sonderberichterstatter Muñoz hat der deutschen Bildungspolitik erhebliche Defizite bescheinigt und bemängelt, dass Menschen mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial benachteiligten Familien die VerliererInnen im deutschen Bildungssystem sind. Muñoz kommt genauso wie diverse PISA-Studien zuvor zu dem Schluss, dass vor allem das selektive Schul-system einer der Gründe dafür ist. Individuelle Förderung wird an den Schulen eher als hinderlich gesehen. Viele erfolgreiche PISA-Länder beweisen, dass in der individuellen Förderung mit einer entsprechenden Lernkultur die bestmöglichen Ergebnisse erzielt werden können. Dort ist die Schule für die Kinder da - nicht umgekehrt. Die LehrerInnen sind LernberaterInnen und -begleiterInnen, die das Kind unterstützen und gezielt individuell fördern.
Auch Andreas Schleicher, Europa-Koordinator der PISA-Studie, unterstrich auf unserer Konferenz unter dem Stichwort "Schule neu denken" die Notwendigkeit grundlegender Bildungsreformen. Die gibt es natürlich nicht zum Nulltarif, gute und zukunftsfähige Bildung hat ihren Preis. Durch die geplanten Steuerreformen werden auch in Berlin Mehreinnahmen erwartet. Wir wollen 20 Prozent davon - das sind mindestens 100 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren - in die Bildung investieren. Wir haben im Rahmen unserer Bildungskampagne viele Schulen und Kindertagesstätten besucht, die neue kreative Wege gehen; wir haben Informationsstände gemacht und mit Bürgerinnen und Bürgern, Eltern und Jugendlichen gesprochen. Und wir haben Veranstaltungen vor Ort durchgeführt und dabei mit ExpertInnen diskutiert. Als Resümee dieser Kampagne haben wir mittel- und langfristige Ziele definiert.
Bildung wird das Schwerpunktthema unserer Arbeit in den kommenden Jahren sein. Kommt es nach den Wahlen am 17.9. zur grünen Regierungsbeteiligung zählen zu unserem Schulprogramm für die ersten 100 Tage:
· Den Unterrichtsausfall in Berlin wollen wir durch einen guten Unterricht ersetzen und auf ein Minimum reduzieren werden. Dafür möchten wir eine Personalreserve für dauerkranke Lehrkräfte einrichten. So kann schnell Abhilfe geschaffen werden, wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer krank ist. · Schulen sollen sich ihren Stadtteilen öffnen, sich zu Stadtteilzentren entwickeln und mit anderen Einrichtungen kooperieren können. Sie sollen KünstlerInnen, HandwerkerInnen, WissenschaftlerInnen und andere Professionen in die Schulen holen können, um Kinder mit Lebenswelten jenseits von Schule bekannt zu machen. (Antrag 15/4390) · Wir wollen die Eigenverantwortung der Schulen stärken. Daher sollen die Schulen Budgets bekommen, die sie frei verwalten können. Auch über die Personalmittel, damit sie sich genau das Personal "an Bord" holen, was für ihre Bedürfnisse am dringendsten notwendig ist. Dasselbe gilt für die Fortbildung der Lehrkräfte. Schulen sollen mit Fortbildungsbudgets die für ihre Lehrkräfte notwendige Fortbildung einkaufen können. Für die Managementaufgaben müssen die Schulleitungen qualifiziert werden. · Wir wollen das Sitzen bleiben abschaffen. Es fördert die Kinder nicht, ist ein immenser Kostenfaktor und verursacht in der ganzen Bundesrepublik jährlich 3,7 Milliarden Euro Mehr-kostend. · Wir wollen die Sprachförderung intensivieren und früher beginnen. SchülerInnen mit Sprachförderbedarf wollen wir im letzten Jahr vor dem Schuleintritt gezielt und bereits in der Kita fördern. Dazu wollen wir die Sprachstandserhebung vorziehen und die Fort- und Weiterbildung der ErzieherInnen intensivieren. (Antrag 15/4768) · Um das selektive Schulsystem zügig zu durchbrechen, sollen verschieden Schulformen sich zu integrativen Schulen verbinden können; zum Beispiel integrative Haupt-Realschulen.
Mittelfristige Ziele: · Damit Schule gut funktioniert, brauchen wir neue Arbeitszeitmodelle, die alle Aufgaben und Tätigkeiten berücksichtigen und sich nicht allein an den Unterrichtsstunden orientieren. Alle Aufgaben und Tätigkeiten der LehrerInnen sollen transparent und bewertbar sein. LehrerInnen müssen im Rahmen von Präsenzzeiten für SchülerInnen auch außerhalb des Unterrichts zur Verfügung stehen. Gleichzeitig würde das auch die Teamarbeit in der Schule fördern. Die Neuregelung der Lehrerarbeitszeit wollen wir anhand von Arbeitszeitmodellen erproben lassen und nach erfolgreichem Abschluss flächendeckend einführen. · Der Anteil der Schülerinnen und Schüler an höherer Bildung mit Abitur soll gesteigert werden. Wir wollen mittelfristig die Abiturquote auf 40 Prozent erhöhen, bei gleichzeitiger Halbierung der Schulabbrecherquote.
Langfristig wollen wir eine Schule nach skandinavischem Vorbild, eine 10-jährige gemeinsame Schule, die von individueller Förderung geprägt ist, in der jede Schülerin und jeder Schüler aufgenommen und je nach seinen Begabungen, Schwächen und Stärken individuell gefördert wird. Dazu muss sich die LehrerInnenausbildung wie auch das gesamte Bild des Lehrberufes verändern.
Gute Bildung für alle - von Anfang an! Bildung als Schlüsselressource fängt bei den Kleinsten an. Frühe Förderung und Bildung sind ein entscheidendes Instrument zur Verbesserung von Chancengerechtigkeit und der Vermeidung von Armutskarrieren. Kitas - gute Qualität vorausgesetzt - fördern die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern. Für Kinder mit Migrationshintergrund sind Maßnahmen im frühesten Alter, z.B. zum Spracherwerb, der beste Integrationsansatz. Gute Kindertagesbetreuung ist die wichtigste Vorraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und schließlich: Mütter und Väter sind über Kitas und ErzieherInnen besser für Familienbildung und -beratung und weitere Unterstützungsangebote erreichbar. Gezielte (Sprach)Förderung
Die jährlichen Sprachstandserhebungen vor Schuleintritt zeigen: Viele Kinder mit Migrationhintergrund, aber auch deutscher Herkunftssprache beherrschen die deutsche Sprache nicht so, dass sie dem Unterricht folgen und sich aktiv beteiligen können. Sprachförderung muss deshalb bereits im Kindergarten mehr Beachtung geschenkt werden. Dabei muss Sprachförderung in einem umfassenden Sinne praktiziert werden und konzeptionell eingebunden sein. Die Einführung der Sprachlerntagebücher, die von den Kindern, ihren ErzieherInnen und Eltern geführt werden und die Fortschritte der Kinder dokumentieren, ist ein weiterer Baustein für eine frühzeitige und bessere Förderung der Kinder. Zugang sichern
Kindertagesstätten als eigenständige Lern- und Lebensorte sind wichtig für alle Kinder, insbesondere aber für Kinder aus bildungsmäßig und sozial benachteiligten Familien. Bündnis 90/Die Grünen wollen, dass auch die 5 bis 10 Prozent der Berliner Kinder, die heute noch keinen Kindergarten besuchen, Zugang zu früher Förderung bekommen. Kinder mit Sprach- und Entwicklungsverzögerungen sollen die Kita möglichst früh sowie ganztags besuchen können, auch wenn die Eltern nicht berufstätig sind. Dazu müssen die Bedarfskriterien für einen Kita-Platz erweitert werden. Um Kindern aus einkommensarmen Familien den Zugang zu sichern, muss der Besuch der Kita als Bildungsreinrichtung für die Eltern mittelfristig beitragsfrei werden. Ein erster Schritt ist das von uns GRÜNEN lange geforderte und von rot-rot jetzt endlich beschlossene kostenfreie letzte Kindergartenjahr.
Kitas zu Kinder- und Familienzentren entwickeln Erziehungsunsicherheiten und -probleme und geringe Austausch- und Kontaktmöglichkeiten sind Alltag in vielen Familien. Eltern brauchen deshalb Beratung und Unterstützung, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und ihren Kindern ein Höchstmaß an Bildung und sozialen Kompetenzen zu ermöglichen. Kindertageseinrichtungen bieten sich dafür geradezu an. Sie sind ein idealer Ort, Angebote der Tagesbetreuung mit Angeboten der Familienförderung zu verbinden. Als Kinder- und Familienzentren können sie Elterncafés, Babysitter-Dienste und Familienberatung für alle Eltern anbieten, sowie Integrationskurse für Mütter und Väter mit Migrationshintergrund. So entstehen Orte, wo Eltern zusammenkommen und gemeinsam ihre Fragen klären können. Orte, wo sie sich informieren und auf das Wissen von ExpertInnen zurückgreifen können. Das ist wichtig für alle Eltern, besonders jedoch für Familien in schwierigen sozialen Verhältnissen und Migrantenfamilien. So wird gebündelt, was nötig ist, um aus dem Teufelskreis von Armut und Bildungsferne auszubrechen.
Qualität verbessern - Bildungsauftrag der Kitas stärken Eine wichtige Voraussetzung für mehr Qualität der Bildung und Erziehung in den Kindertagesstätten sind strukturelle Rahmenbedingungen (räumliche Gegebenheiten, Gruppengrößen, Freistellung für Leitungsaufgaben u.a.) sowie das erziehungswissenschaftliche und praktische Rüstzeug der ErzieherInnen. Bei der Umsetzung der zwischen Senat und Trägern vereinbarten Qualitätsentwicklung und Evaluation müssen die ErzieherInnen durch Fachberatung und Qualifizierung unterstützt werden. Die Entwicklung pädagogischer Konzepte und die Evaluation erfordern ebenso wie die verstärkte Einbeziehung der Eltern in die Bildungsprozesse der Kinder mehr Zeit, die den ErzieherInnen für die individuelle Förderung der Kinder fehlt. Notwendige Zeiten für Kooperation, Vor- und Nachbereitung, Beobachtung und Dokumentation müssen deshalb in der Personalbemessung berücksichtigt werden.
Auch die Aus- und Fortbildung der ErzieherInnen müssen verbessert werden, um Fortschritte in der interkulturellen Kompetenz, der Sprachförderung und Diagnosefähigkeit zu erzielen. Sie braucht neue Lehrpläne und Unterrichtsziele, die dem Bildungsauftrag der Kindertagesstätten gerecht werden. Perspektivisch muss die ErzieherInnenausbildung auf Fachhochschulniveau erfolgen, die eine wesentlich stärkere wissenschaftliche Fundierung beinhaltet.
Mehr Information: Initiativen der Fraktion Bündnis90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus, Anträge, Anfragen: www.ich-wills-wissen.info




