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Europa: Her mit den Französischlehrerinnen!

28.02.2008: Frankfurter Rundschau

VON GEMMA PÖRZGEN

Die deutsche Hauptstadt schmückt sich gerne mit ihrer Internationalität. Viele Wirtschaftsleute, Wissenschaftler und Künstler aus dem Ausland zieht es für ein paar Jahre nach Berlin. Dazu passt, dass die Stadt seit 1992 ein dichtes Netz staatlicher Europa-Schulen aufgebaut hat. Fast 6000 Kinder werden dort ab der 1. Klasse zweisprachig unterrichtet und lernen neben Deutsch von Anfang an eine Fremdsprache mit. Neun Sprachkombinationen bieten die verschiedenen Berliner Europa-Schulen an. Unterricht gibt es in Deutsch - jeweils in Kombination mit beispielsweise Englisch, Französisch, Türkisch oder auch Polnisch.

Das Schulkonzept ist so erfolgreich, dass deutsche und ausländische Eltern Schlange stehen, um einen der begehrten Schulplätze für ihr Kind zu ergattern. "Bewusst wird kein Schulgeld erhoben", heißt es beim Senat. "Wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot, entscheidet das Los und nicht der Geldbeutel der Eltern oder deren Einflussnahme." Das Problem ist nur: Schon seit Jahren gibt es an den Schulen Ärger um die Bezahlung der muttersprachlichen Lehrkräfte, die dieses hochgelobte Modell mit ihrem Engagement eigentlich erst möglich machen. Deshalb hat sich nun schulübergreifend die Elterninitiative "Fair Pay" gebildet, die von Bürgermeister Klaus Wowereit und dem Berliner Senat fordert, deutsche und ausländische Lehrer endlich gleichzustellen und ihnen gleiche Aufstiegschancen einzuräumen. In einem Schreiben der Initiative an Wowereit heißt es, die deutsche Hauptstadt riskiere im steigenden Konkurrenzkampf um internationale Lehrer, ihre besten Kräfte zu verlieren. "Die Konsequenz wird ein spürbarer Qualitätsverlust in der Berliner Schullandschaft sein, der damit als Standort gerade auch für internationale Familien an Attraktivität verliert."

Der bildungspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Özcan Mutlu, unterstützt die Elternitiative. "Es kann nicht sein, dass wir uns mit Europa-Schulen schmücken, aber die Lehrer nicht entsprechend bezahlt werden." Mutlu rügt, dass durch die ungleiche Bezahlung ein bundesweit einzigartiges Schulprojekt gefährdet werde. "Für uns ist das ein Unding. Nur weil Lehrer aus Portugal oder Frankreich kommen und dort ihren Abschluss gemacht haben, werden sie schlechter bezahlt", sagt Mutlu. "Wir sollten anerkennen, was sie in Berlin geleistet haben." Anspruch und Wirklichkeit aber klafften hier eklatant auseinander. Angesichts der verbesserten Haushaltslage in Berlin sollte es doch möglich sein, so Mutlu, dieses Problem zu lösen.

Die Niederländerin Annemiekens Akkermans ist des Kampfes bereits müde. Die engagierte Lehrerin der internationalen Nelson-Mandela-Schule hat ihre Kündigung eingereicht, obwohl sie eigentlich gerne weiter unterrichten würde. "Es ging mir in dem Beruf nie ums Geld. Aber so wie hier behandelt zu werden, ist unfair", sagt sie. "Wir haben eine Schule und sollen den gleichen Job machen. Aber wie soll das bei solchen Unterschieden funktionieren?" Dass sie für den Ganztagsjob monatlich netto 1300 Euro verdiente, während deutsche Kollegen für die gleiche Arbeit auf das Doppelte kamen, empfindet sie als Mangel an Respekt.

Viele deutsche Lehrer hätten in Pädagogik weitaus geringere Kenntnisse erworben oder unterrichteten als studierte Germanisten plötzlich Mathematik. Gerade, wenn sie an das schlechte Abschneiden deutscher Schulen in der Pisa-Studie denkt, leuchtet ihr die Geringschätzung ausländischer Ausbildungswege nicht ein, sagt Akkermans.

Drei Jahre lang hat die EU-Bürgerin, die in Berlin Englisch und Kunst unterrichtete, beim zuständigen Schulamt vergeblich um die Anerkennung ihrer Qualifikation gerungen. "In den Niederlanden wäre ich sogar überqualifiziert als Lehrerin", sagt die 41-Jährige. Es hat Akkermans viel Geld und Zeit gekostet, ihre niederländischen Zeugnisse übersetzen zu lassen, den Briefwechsel und zahlreiche Gespräche mit den deutschen Behörden zu führen. "Sie sahen nicht das Problem, sondern sahen mich als Problem", war ihre Erfahrung. So wie ihr ergeht es vielen ausländischen Lehrern, die dann lieber an besser zahlende Privatschulen oder wieder ins Ausland wechseln.

"Die unterschiedliche Vergütung macht schlechte Stimmung", berichtet auch Ilse Kraus, Schulleiterin an der deutsch-englischsprachigen Charles-Dickens-Schule. Schließlich seien gerade die ausländischen Lehrer gefordert, Unterrichtsmaterial und Lehrpläne für ihren Unterricht selbst zu erarbeiten. Ohnehin sind alle Europa-Schulen in sonstigen Fragen längst gewohnt, sich selbst zu helfen, um das Schulkonzept mit Leben zu füllen: Eltern-Fördervereine finanzieren zweisprachige Bibliotheken, organisieren fremdsprachige Erzieher oder bezahlen die Schulsekretärin, die an bilingualen Schulen auch mehr als Deutsch sprechen muss. An der deutsch-portugiesischen Grundschule "Neues Tor" hatte in den ersten Jahren die portugiesische Regierung die muttersprachlichen Lehrer entsandt. Seit der Senat die Schule vor zwei Jahren übernahm, stellt sich nun auch dort das Problem der unterschiedlichen Besoldung.

Aus Sicht der Berliner Senatsverwaltung stellt sich das anders dar, wie Pressesprecher Kenneth Frisse erläutert: Grundsätzlich werde man im Öffentlichen Dienst nach seiner Qualifikation bezahlt. Dabei sei der Senat an Recht und Gesetz gebunden, sagt Frisse und sieht sich durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes vor einigen Jahren in dieser Sicht bestätigt. So zählt für die Besoldung allein der Ausbildungsweg, nicht das Tätigkeitsfeld. "Ausländische Lehrkräfte haben die Möglichkeit, sich ihre Ausbildung unter bestimmten Voraussetzungen entsprechend anerkennen und mit einem Berliner Lehramt gleichstellen zu lassen." Das bedeutet, dass für ausländische Lehrer und Lehrerinnen das zweite Staatsexamen zur entscheidenden Besoldungshürde wird.

Michael Hertz, Schulleiter an der deutsch-englischsprachigen Nelson-Mandela-Schule, kennt diese Argumentation bereits seit Jahren. "Die Verwaltung denkt da sehr deutsch und versteht die Probleme internationaler Schulen kaum", so seine Erfahrung "Wir brauchen da ein anderes Denken und andere Visionen." Aber Hertz hält der Senatsverwaltung auch zugute, dass sie unter den schwierigen Bedingungen leerer Kassen in der Stadt etwas geschaffen habe, was es woanders gar nicht gebe. "In Paris oder London sehen Sie solche Schulen nur in privater Hand."

Zahlreiche Elternvertreter haben sich mit der Verwaltung bereits über Jahre auseinandergesetzt. Sie stellen fest, dass einige Beamte sogar Verständnis für die Probleme zeigen, aber offenbar der politische Wille zur Suche nach einer Lösung fehlt. "Den Behörden sind alle Hände gebunden. Sie fürchten, dass dann Lehrer vor Gericht ziehen", sagt der Elternvertreter der deutsch-portugiesischen Grundschule Neues Tor, Johannes Holz . "Was rechtlich nicht geht, muss man politisch lösen."

Deshalb haben sich jetzt erstmalig die Eltern der verschiedenen Berliner Europa-Schulen zusammengetan, um den politischen Druck in Berlin zu verstärken. 500 Protestbriefe erreichten in den vergangenen Wochen das Büro von Klaus Wowereit. Von einer positiven Entwicklung für die ausländischen Lehrer könnten dann möglicherweise auch verwandte Schulmodelle in anderen Bundesländern profitieren.

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