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"Bildungspolitischer Offenbarungseid"

Lehrer ohne Lehramtsausbildung: Eltern, Verbände und Opposition werfen dem Senat verfehlte Personalpolitik vor Von Christa Beckmann und Regina Köhler

"Bildungspolitischer Offenbarungseid", "Notlösung", "Flickschusterei": Das Vorhaben, zum kommenden Schuljahr auch Hochschulabsolventen ohne pädagogische Ausbildung als Lehrer einzustellen, hat der Berliner Bildungsverwaltung heftige Kritik eingebracht. "Jetzt fällt dem Senat seine verfehlte Personalpolitik auf die Füße", sagte Jörg-Uwe Quandt vom Verband Bildung und Erziehung. Das Land habe Nachwuchslehrer für viel Geld ausgebildet und dann kaum jemanden davon eingestellt. Viele dieser hochqualifizierten Kräfte seien in andere Bundesländer abgewandert, wo ihnen Stellen und dazu noch zu wesentlich besseren Bedingungen geboten würden. Statt mehr Referendariatsplätze zu schaffen, seien in den vergangenen drei Jahren 400 dieser Ausbildungsplätze in Berlin gestrichen worden. Zudem gebe es nur noch einen Einstellungstermin pro Jahr.

"Das Ganze ist die übliche Flickschusterei", kritisierte Quandt. Schon heute würden an vielen Grundschulen Ein-Euro-Jobber für Förderunterricht eingesetzt, weil Lehrer fehlten. "Wir brauchen aber gerade in den Grundschulen voll ausgebildetes Personal mit viel Praxisbezug." Andernfalls brauche sich niemand über demotivierte Jugendliche in den Hauptschulen wundern.

Personalpolitisches Versagen wirft auch die Opposition dem Senat vor. Man wisse seit Jahren, daß ein eklatanter Lehrermangel auf Berlin zukommt, sagte Özcan Mutlu, schulpolitischer Sprecher der Grünen. "Wir haben deshalb im Parlament immer wieder beantragt, die Zahl der Referendariatsplätze und die der Lehramtsstudienplätze deutlich zu erhöhen." Sämtliche Anträge seien jedoch abgelehnt worden. Das Vorhaben Bögers kritisiert Mutlu als absolute Notlösung. "Wir fordern den Senator auf, alle Maßnahmen zu unterlassen, die zu Qualitätseinbußen an Berlins Schulen führen." An Grundschulen dürften deshalb auf keinen Fall Quereinsteiger als Lehrer eingesetzt werden. "Gerade für die Lernanfänger brauchen wir die besten Lehrer."

Auch Mieke Senftleben, Schulexpertin der FDP, kritisierte, daß der reale Bedarf an Lehrerstellen von der Bildungsverwaltung offenbar seit Jahren nicht registriert worden ist. "Jetzt aber pädagogisch nicht ausgebildete Hochschulabsolventen einstellen zu wollen, ist der völlig falsche Weg." Berlin müsse erst einmal die Referendare einstellen, die da sind, forderte Senftleben. "Wir brauchen vernünftig ausgebildete Lehrer."

Der Koalitionspartner PDS hält nicht nur eine begleitende pädagogische Ausbildung der Seiteneinsteiger für unverzichtbar. PDS-Schulexpertin Siglinde Schaub forderte auch mehr Investitionen, um für Lehrer in Berlin attraktivere Einstellungsbedingungen zu schaffen: "Wir müssen den Nachwuchslehrern zumindest eine volle Stelle und nicht nur einen Zwei-Drittel-Vertrag anbieten." Eine Rückkehr zur Verbeamtung wie in anderen Bundesländern hält die PDS-Fachfrau dagegen für nicht sinnvoll.

Die Berliner Elternpartei "Die Bildungspartei" bezeichnete die Pläne des Senats als "personal- und bildungspolitischen Offenbarungseid". Mit "unpräzisen und nicht realitätsbezogenen" Statistiken habe Bildungssenator Klaus Böger in der Vergangenheit immer wieder versucht, die dramatische Situation an den Schulen zu beschönigen.

Aus der Berliner Morgenpost vom 8. Mai 2006

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