Sechs Jahre oder nur vier - das ist die Frage
23.04.2008: Berliner Morgenpost
Schulstreit Die Element-Studie ist veröffentlicht. Bizarr: Befürworter und Gegner einer längeren Grundschulzeit fühlen sich bestätigt
Von Regina Köhler
Die Debatte spitzt sich zu. Seit Wochen wird bereits heftig über Vor- und Nachteile der sechsjährigen Grundschule in Berlin gestritten. Befürworter wie Gegner beriefen sich dabei auf eine Studie, die noch nicht einmal veröffentlicht war.
Jetzt liegen die Ergebnisse dieser so genannten Element-Studie vor und die Auseinandersetzung geht in die zweite Runde. Bei der Studie handelt es sich um eine von der Bildungsverwaltung in Auftrag gegebene Untersuchung, die die Leistungsstände der Berliner Schüler in den Klassen fünf und sechs festgestellt und ihre Entwicklung beobachtet hat. Dabei wurden sowohl Schüler der Grundschule, als auch solche der grundständigen Gymnasien einbezogen.
Unterschiedliche Schlussfolgerungen Die Ergebnisse der Studie werden nun sehr unterschiedlich interpretiert. Während der Verfasser der Untersuchung, der Bildungsforscher Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität, der Berliner Grundschule vorwirft, leistungsstarke Schüler nicht entsprechend zu fördern, zieht Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) ganz andere Schlussfolgerungen.
Die Element-Studie belege die erfolgreiche Förderung in Grundschulen, heißt es seinerseits: "Eine Schere zwischen Grundschulen und grundständigen Gymnasien öffnet sich nicht. Im Gegenteil: Bei den Leistungsschwächeren scheint die Grundschule im großen Umfang Bildungsnachteile zu kompensieren. Die Untersuchung zeigt aber, dass auch die Leistungsstärkeren adäquat gefördert wurden." Der Senator will allerdings auch nicht auszuschließen, dass leistungsstärkere Schüler an grundständigen Gymnasien einen Vorteil haben.
Ziel sei es, alle Schüler optimal zu fördern, lautet Zöllners Fazit. Man werde sich deshalb die Ergebnisse der Element-Studie sowie den Unterricht in der Grundschule genauer ansehen und prüfen, wie man die Arbeit an den Grundschulen verbessern kann.
Fachlehrer an die Grundschulen
Zöllner schlägt vor, die Grundschullehrer gezielt weiterzubilden und mehr Fachlehrer in den Grundschulen einzusetzen. Auch durch Kooperationen mit den Gymnasien könne die Arbeit weiter verbessert werden, meint der Bildungssenator.
Bildungsforscher Rainer Lehmann hält den "beschwichtigenden Umgang" mit den Ergebnissen der Element-Studie für falsch. Die Bildungsverwaltung würde sich auf die durchschnittlichen Lernzuwächse in Mathematik und Leseverständnis berufen, sagt er. Dabei seien die Lernerfolge in den unterschiedlichen Teilen des Leistungsspektrums erhoben worden. "Diesbezüglich hat sich gezeigt, dass die Grundschule vor allem die Schüler im unteren Leistungsbereich fördert und sich um diese Klientel sehr bemüht."
Die grundständigen Gymnasien würden dagegen im oberen Leistungsbereich gewinnen. Wer das leugne, toleriere auf Kosten der sozialen Gleichheit ein erschreckend niedriges Leistungsniveau, so Lehmann.
André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, bezeichnet die Reaktion der Bildungsverwaltung auf die Element-Studie als peinlich. Offensichtliche Schwächen des Systems würden ignoriert. "Wir haben Handlungsbedarf, das muss gesagt werden", fordert er.
Bessere personelle Ausstattung
Ziel müsse es sein, die leistungsstarken Schüler an den Grundschulen sowie die an den grundständigen Gymnasien gleichermaßen gut zu fördern. Grundschulen sollten besser ausgestattet werden, damit sie in einen Wettbewerb mit den grundständigen Gymnasien treten können. Eine bessere personelle wie materielle Ausstattung der Grundschulen fordert auch Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Anders als Schindler ist er jedoch überzeugt, dass der Leistungszuwachs der Fünft- und Sechstklässler in Grundschulen und grundständigen Gymnasien trotz eines unterschiedlichen Niveaus nahezu identisch ist - das zeige die Studie. "Statt die sechsjährige Grundschule in Frage zu stellen, muss stetig und intensiv in die Fortbildung der Lehrer investiert werden", sagt Mutlu. Zöllners Empfehlungen zur Verbesserung des Unterrichts an den Grundschulen hält der Bildungspolitiker für richtig. "Sie müssen aber auch umgesetzt werden, Absichtserklärungen helfen niemanden", so Mutlu.
Mehr Plätze an grundständigen Gymnasien Sascha Steuer, Bildungsexperte der CDU, stimmt indes den Schlussfolgerungen von Bildungsforscher Lehmann zu: "Die Studie belegt eindeutig, dass die Lernzuwächse der Schüler an den grundständigen Gymnasien wesentlich höher sind als die der Grundschulkinder."
Schüler, die am Ende der vierten Klasse im Prüfbereich Leseverständnis einen Testwert von 90 Punkten hätten, erreichten in den Grundschulen am Ende der sechsten Klasse einen Testwert von etwa 105 Punkten, an den grundständigen Gymnasien dagegen 113 Punkte. "Diese Zuwächse entsprechen einem Unterschied von bis zu zwei Schuljahren."
Laut Steuer gilt die Aufmerksamkeit der Grundschulen vor allem den leistungsschwächeren Schülern. Die guten Schüler würden dadurch aus dem Blick geraten. Er fordert deshalb den Ausbau der grundständigen Gymnasien. "Es kann nicht sein, dass leistungsstärkere Schüler in ihrer Entwicklung gebremst werden, nur um das Mittelmaß der Grundschulklasse zu heben."
Auch die FDP-Fraktion fordert Rot-Rot auf, die künstliche Verknappung der Plätze an grundständigen Gymnasien zu beenden und sie entsprechend der Nachfrage anzubieten. So sagt Bildungsexpertin Mieke Senftleben: "Eltern müssen die Möglichkeit haben, selbst die optimale Schule für ihr Kind zu wählen."
Aus der Berliner Morgenpost vom 23. April 2008




