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PISA - eine Chance für die Bildung, oder unser Schulsystem, eine Qualitätsfalle?

Seit Dezember letzten Jahres scheint es für die deutsche Bildungspolitik eine neue Zeitrechnung zu geben - wir befinden uns demnach im Jahre 1 nach der internationalen PISA-Studie. Zweiunddreißig Länder haben sich zum Ziel gesetzt, "vergleichende Daten über die Ressourcenausstattung, individuelle Nutzung sowie Funktions- und Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme" zu ermitteln und daraus entsprechende Schlüsse für das politisch-administrative Handeln zu ziehen.

PISA ist auf drei Erhebungszyklen angelegt. In jedem Zyklus werden die Fähigkeiten in einem von drei Bereichen vertieft untersucht; im Jahre 2000 war es die Lesekompetenz. Die mathematische Grundbildung wird 2003, die naturwissenschaftlichen Kompetenzen werden 2006 im Mittelpunkt der Studie stehen. Für die Bundesrepublik wurden zusätzlich länder- und schulartspezifische Daten erhoben, die im Juli d. J. vorgestellt wurden. PISA - Eine Ohrfeige für die deutsche Bildungspolitik? Bekanntlich fiel das deutsche PISA-Ergebnis äußerst ernüchternd aus. In den untersuchten Bereichen lagen deutsche Jugendliche deutlich unter dem internationalen Durchschnitt. Überflügelt wurden sie dabei von so unterschiedlichen Ländern wie Finnland, Australien oder Süd-Korea. Die unerfreulichen Resultate kamen nicht überraschend, PISA bestätigt im Grunde, präzisiert und ergänzt in den Kernaussagen die Ergebnisse früherer Studien. Bei genauerer Betrachtung stellen sich die Befunde sogar noch negativer dar. Die Testergebnisse der besten und der schwächsten Jugendlichen liegen in allen Bereichen weit auseinander. Bei der Lesekompetenz erreichen 13% der Getesteten lediglich die niedrigste Kompetenzstufe I und nahezu zehn Prozent nicht einmal diese (funktionelle Analphabeten), wogegen die Ergebnisse der besten Schüler immer noch signifikant unter den internationalen Spitzenwerten liegen. Das heißt: Knapp ein Viertel der SchülerInnen kann am Ende der achten Klasse nur mit Mühe lesen oder versteht Texte nur auf einen elementarem Niveau.

Am skandalösesten ist jedoch, dass in kaum einem anderen Land ein so deutlicher Zusammenhang zwischen den Leistungen der Schülerinnen und Schüler und ihrer sozialen Herkunft besteht. Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen schneiden am schlechtesten ab. In ganz besonderem Maße trifft dies auf Jugendliche mit Migrationshintergrund zu. Stellt man in Rechnung, dass die getesteten Jugendlichen den größten Teil ihrer Schullaufbahn schon hinter sich haben, kommt man um die Schlussfolgerung nicht herum, dass unser Schulsystem sowohl mangelnde Sprachkompetenz in Migrationsfamilien als auch die unterschiedlichen Einkommens- und Bildungshintergründe der Elternhäuser bei den Kindern fortschreibt. Soziale Unterschiede werden in Deutschlands Schulsystem eher vertieft als abgebaut. Was machen andere Länder besser oder anders? Woran liegt das und was machen andere Länder anders oder besser? Schauen wir uns kurz einen der "Spitzenreiter" an, z.B. Finnland. Kleine Finnen besuchen in der Regel eine freiwillige einjährige Vorschule, dann werden sie mit sieben Jahren eingeschult. Sie verbringen eine neunjährige gemeinsame Schulzeit. Erst im Alter von sechzehn teilen sich die Bildungswege in einen gymnasialen und einen berufsbildenden Zweig. Kombinationen sind möglich. Die neunjährige Grundschule ist ganztags; anstelle von Zensuren werden Beurteilungen erstellt, ob das Klassenziel im jeweiligen Fach erreicht wurde. "Sitzenbleiben" ist sehr selten. Bei uns hingegen wird in der Regel schon nach vier Grundschuljahren über den weiteren Weg des Kindes entschieden, eine allen Kindern und Jugendlichen gemeinsame langjährige Schulbildung gibt es nicht. Ganztagsbetreuung ist zudem nirgendwo die Regel, auch nicht bei der Vorschulerziehung, die ohnehin institutionell und finanziell sträflich vernachlässigt wird.

Ursache der schlechten Resultate sind unter anderem folgende, die Schulpolitik prägenden pädagogischen Annahmen: Zunächst wird davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche begabt sind oder eben nicht und das demzufolge die individuelle Förderung schwacher Schüler von Anfang an und im selben Klassenverband mit den Leistungsstärkeren auf Kosten Letzterer gehen muss. Daraus wird dann gefolgert, dass die frühzeitige Trennung der Kinder nach Leistung in homogene Lerngruppen bzw. institutionell getrennte Schulzweige der Unterrichtsqualität am ehesten förderlich sei. Da aber die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Kinder eng mit ihrer sozialen Herkunft zusammenhängen, kann eine Bildungspolitik, die auf solchen Annahmen gründet, eigentlich kaum anders, als soziale Schieflagen wieder und wieder zu reproduzieren.

Bildungspolitische Patentrezepte a´la "Problem-Maßnahme-Lösung", sind wünschenswert. Es gibt sie aber nicht. Manche Verbesserungen könnten verhältnismäßig rasch in Angriff genommen werden, wie der Ausbau von Ganztagsangeboten, Verminderung der Klassenstärken zumindest in sozialen Brennpunkten und in der Schulanfangsphase, verstärktes Augenmerk auf interkulturelle Erziehung und bessere Beratungs- und Fortbildungsangebote für Lehrende. Solche Forderungen sind nicht neu, setzte man sie konsequent um, wäre das schulpolitisch vielleicht schon die halbe Miete. Aber eben auch nicht mehr. Die bisherigen Ergebnisse der PISA-Studie fordern eigentlich zu weiterem Nachdenken auf. Wie förderlich ist unser Schulsystem mit seinen Auslesemechanismen? Es gibt Stimmen, die vor einem Wiederaufleben schulstruktureller Grundsatzdebatten warnen. Strukturreformen für sich alleine nützen tatsächlich nichts und müssen sehr wohl im Einklang mit der Qualität des Unterrichts betrachtet werden. Dennoch, selbst die beste Unterrichtsqualität bleibt in ihrer Wirkung beschränkt, wenn nicht eine bessere (andere) als die gegenwärtige Schulstruktur und Lehrende sie unterstützen. Nimmt man diese Ergebnisse wirklich zur Kenntnis, kommt man langfristig um ein Infragestellen unseres gegliederten Schulsystems bzw. seiner Auslesemechanismen nicht herum.

Zugegebenermaßen können nicht alle Bildungsprobleme mit Strukturreformen gelöst werden. Mehr Mittel, Extrementierfreude, eine zeitgemäße Lehrerbildung und ein allgemeiner Einstellungswandel in Sachen Bildung sind mindestens ebenso wichtig. In der Zukunft wird mehr Geld notwendig sein, um unser Bildungssystem zu verbessern. Die Politik muss jetzt Prioritäten setzen und in die Zukunft unserer Kinder investieren. Das Augenmerk gleichzeitig auch auf politisch leichter durchsetzbare Reformen von geringerer Reichweite zu legen, steht dazu in keinerlei Widerspruch. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als auf mehreren Ebenen zu denken, um aus der attestierten bildungspolitischen Qualitätsfalle herauszukommen. Von Bedeutung ist, dass die Diskussion über die Zukunft unserer Schulen keine Expertendiskussion zwischen Bildungsplanern und BildungspolitikerInnen bleibt, sondern in die Familie, Schulen und Betriebe hinein getragen wird. Patenlösungen gibt es eben nicht, sehr wohl aber viele Schritte, die in die richtige Richtung gehen.

Vorerst friedlich
21.01.2012 | Berliner Zeitung (Presse) [mehr]
Marode Schulen müssen warten Gelder dürfen nicht ausgegeben werden
17.01.2012 | Tagesspiegel (Presse) [mehr]
Fahndung ins Leere
23.12.2011 | Der Tagesspiegel (Presse) [mehr]


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