Jedes sechste Kind hat Sprachprobleme
21.10.2008: Berliner Morgenpost
Von Florentine Anders
Jedes sechste Vorschulkind kann trotz Kitabesuch nicht ausreichend Deutsch sprechen. Sprachtests ergaben in diesem Jahr, dass 15,7 Prozent aller getesteten Kita-Kinder einen Sprachförderbedarf haben. Das geht aus der Antwort auf eine kleine Anfrage der CDU-Abgeordneten Emine Demirbüken-Wegener hervor. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine deutliche Verbesserung. Damals hatten unter den Kitakindern 22,3 Prozent erhebliche Defizite. Doch für 2302 Kinder, die keine Kita besuchen, liegen noch gar keine Test-Ergebnisse vor, obwohl die verbindliche Förderung schon seit zwei Monaten laufen sollte.
Eltern ignorieren Test-Pflicht
Das Parlament hatte im Frühjahr beschlossen, dass Kinder mit Defiziten ein ganzes Jahr vor Schuleintritt gefördert werden sollen, nicht wie bisher nur ein halbes Jahr. Im Schnellverfahren sollten alle Vierjährigen auf ihre Sprachfähigkeit geprüft werden, damit die Förderung schon am 1. September starten kann. Mindestens drei Stunden täglich sollen Kinder mit Sprachschwächen, die bisher nur zu Hause waren, durch den Pflichtbesuch einer Kindertagesstätte Deutsch lernen. Doch die meisten von deren Eltern haben sich nicht rechtzeitig in den Kitas zum Test gemeldet. Dabei sind gerade in dieser Gruppe erfahrungsgemäß die Sprachprobleme besonders groß. Die Senatsverwaltung führt eine ganze Reihe von Gründen für diese Verzögerung auf: So seien die Anschreiben von den Bezirksämtern von den Eltern ignoriert worden; ein großer Teil der Kinder lebe bei den Großeltern im Ausland, oder die Eltern würden sich vorübergehend nicht in Deutschland aufhalten.
Der Testzeitraum wurde daraufhin verlängert bis Ende September. Doch auch jetzt sieht die Datenlage nicht viel besser aus. In Neukölln liegen gerade Testergebnisse für 69 Kinder vor, die keine Einrichtung besuchen. 28 Kinder sind nachweislich im Ausland. Und von 105 im Bezirk gemeldeten Kindern gibt es trotz Nachforschungen bis heute keine Spur. Briefe mit der Androhung von Bußgeld würden zurückkommen, sagt Hendrik Schmidt vom Schulamt. Für die Prüfung der Adressen gebe es aber nur eine Person im Amt. Das könne ein halbes Jahr dauern, dann sei der vorgesehene Förderzeitraum für die Kinder aber schon fast abgelaufen.
Jugendämter sollen ermitteln
Das Schulamt will jetzt das Jugendamt einschalten. "Vielleicht sind einige der Familien dort registriert", sagt Schmidt. Wenn nicht, soll das Jugendamt bei den Ermittlungen helfen. "Es ist ein Skandal, dass der gesetzliche Anspruch auf Sprachförderung vor der Schule vom Senat nicht umgesetzt wird", sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. Die Bezirke seien nicht ausreichend vorbereitet und die Eltern nicht ausreichen informiert worden, so Mutlu. Zudem fordert der Grünen-Abgeordnete, die Kitas mit fortgebildeten Erziehern zur Sprachförderung auszustatten, damit sie die nötige Zusatzleistung überhaupt erbringen können. Schließlich würden die Ergebnisse der getesteten Kinder belegen, dass die Sprachentwicklung in den Kitas nicht ausreiche. Trotz Sprachlerntagebuch, Bildungsprogramm und kostenlosem Kitajahr würden immer noch mehr als 15 Prozent der Kinder die Mindestanforderungen für den Schulbesuch nicht erfüllen.
"Offenbar haben die Eltern nicht verstanden, dass sie die Pflicht haben, ihre Kinder zum Test vorzustellen", sagt Mieke Senftleben (FDP). Die Ämter müssten die Meldedaten überprüfen, statt einfach ein zweites Erinnerungsschreiben hinterherzuschicken. Tatsächlich ist das zweiseitige Informationsschreiben der Senatsverwaltung für Eltern nichtdeutscher Herkunft relativ kompliziert. Bei vielen Eltern habe sich aber auch noch nicht die Einsicht durchgesetzt, dass die Kindertagesstätten unverzichtbarer Bestandteil des Bildungsweges sind, sagt Emine Demirbüken-Wegener. Hier müsse der Senat vor allem bei den Migranten mehr Aufklärung betreiben. Zudem könne es nicht sein, dass es so lange dauere, die Kinder zu finden. Ganz offensichtlich funktioniere das Netzwerk Kinderschutz nicht.




