Warum Sprachförderung bei Migranten scheitert
25.11.2008: Berliner Morgenpost
Von Florentine Anders
Die jüngste Pisa-Studie hat gezeigt, dass vor allem Migranten am Berliner Bildungssystem scheitern. Über die Gründe und Konsequenzen sprach Morgenpost Online mit dem bildungspolitischen Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu. Er unterstützt die Forderung von Grünen-Parteichef Cem Özdemir nach Türkischunterricht in deutschen Schulen.
Morgenpost Online: Herr Mutlu, ohne Migrantenkinder stünde Berlin im Pisa-Ranking der Bundesländer an fünfter Stelle. Das hat Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) errechnet. Sollten wir sie beim nächsten Test weglassen?
Özcan Mutlu: Man kann nicht die Gruppe, die einem nicht passt, einfach herausrechnen. Diese Aussage ist eine Kapitulation. Es ist nicht die Aufgabe der Bildungsverwaltung, Rechtfertigungen oder Schuldige zu finden, sondern allen Kindern, gleich welcher Herkunft, eine gute Bildung zu sichern. In keinem anderen Bundesland ist der Bildungserfolg so stark abhängig von der sozialen Herkunft. Auch das hat Pisa gezeigt. Andere Bundesländer schaffen es offenbar besser, dieses Problem zu lösen. Auch bei der Lesekompetenz der Kinder nichtdeutscher Herkunft ist Berlin in der Pisa-Studie Schlusslicht, weit hinter den Stadtstaaten Hamburg und Bremen.
Morgenpost Online: Was läuft denn in Berlin schief bei der Förderung der Kinder nichtdeutscher Herkunft?
Özcan Mutlu: Die Stadt investiert einiges an Geld in die Förderung, aber ohne sichtbaren Effekt. Es gibt beispielsweise 760 zusätzliche Lehrerstellen für Deutsch als Zweitsprache. Schon vor zehn Jahren wurde die Sprachförderung eingeführt, die Ergebnisse der Schüler werden aber eher schlechter als besser. Die Deutsch-Stunden für Migrantenkinder müssen unbedingt evaluiert werden, das fordere ich seit Jahren. Vermutlich kommt die Förderung nicht bei den Kindern an, weil die Stellen von den Schulleitern eher als Vertretungsreserve eingesetzt werden. Diesem Missbrauch muss die Senatsverwaltung endlich einen Riegel vorschieben.
Morgenpost Online: Der Grünen-Chef Cem Özdemir fordert mehr Türkisch-Unterricht an den Schulen. Was ist Ihre Meinung dazu?
Özcan Mutlu: Ich unterstütze diese Forderung. Zumal die jüngste Pisa-Studie auch gezeigt hat, dass die Berliner Einwanderer-Kinder der zweiten Generation noch schlechter lesen können als die der ersten Generation. Das ist die Generation, die hier geboren ist und weder Deutsch noch Türkisch richtig gelernt hat. Diesen Kindern fehlt das Fundament der Muttersprache, auf dem sie eine Fremdsprache aufbauen könnten. Die Erfahrungen der deutsch-türkischen Europaschule in Berlin sind sehr gut. Das sollte man ausbauen. Berlin kann gut eine zweite deutsch-türkische Europa-Schule gebrauchen oder mehr zweisprachige Züge an Grundschulen. Der Vorteil ist, dass die Klassen zur Hälfte von türkischen und von deutschen Kindern besetzt werden. Außerdem würden die Schulen in Kreuzberg oder Neukölln dadurch auch attraktiver für bildungsbewusste türkische Familien, denn die legen viel Wert auf die Zweisprachigkeit der Kinder. Schließlich verbessert das die Berufschancen erheblich. Diese Ansicht hat sich auch in den deutschsprachigen Familien durchgesetzt.
Morgenpost Online: Viele Eltern türkischer Herkunft interessieren sich aber auch zu wenig für die Schulbildung der Kinder.
Özcan Mutlu: Das stimmt. Hier muss unbedingt etwas passieren. Die Eltern dürfen nicht aus der Verantwortung entlassen werden, wenn sie nicht zum Elternabend erscheinen. Leider ist hier immer noch die Meinung verbreitet, dass die Schule allein für die Bildung verantwortlich ist. Es gibt aber auch erfolgreiche Modelle, zum Beispiel das Elterncafé der Heinrich-Zille-Grundschule, wo Schulen es geschafft haben, die Eltern einzubeziehen. Solche Modelle müssten viel stärker gefördert werden, oft müssen sich die Schulen die Gelder dafür selbst organisieren, außerhalb des Schulbudgets. Außerdem müssten die anderen Schulen stärker aufgefordert werden, derartig erfolgreiche Modelle in Sachen Migrantenförderung zu übernehmen.
www.morgenpost.de/berlin/article985585/Warum_Sprachfoerderung_bei_Migranten_scheitert.html




