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Berliner Senator ist unzufrieden mit Lese-Fähigkeit

09.12.2008: Berliner Morgenpost

Es ist alles eine Frage der Interpretation: Während die Lesestudie Iglu die Berliner Grundschüler auf Platz 14 der 16 Bundesländer sieht, findet Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner auch positiven Aspekte. "Berliner Schüler lesen im deutschlandweiten Durchschnitt", heißt es aus der Bildungsverwaltung.

An der internationalen Studie hatten sich im Frühjahr 2006 42 Staaten beteilt. In Deutschland wurden 7900 Schüler aus 405 Schulen getestet. 625 Schüler stammten von 25 Berliner Grundschulen. Iglu testet das Lese- und Textverständnis bei den Grundschülern. Dieses gilt als Basiskompetenz für weiteres Lernen. Es wird untersucht, ob Schüler Gelesenes auch verstanden haben und daraus richtige Schlussfolgerungen ziehen können.

Danach hatten Grundschüler aus Thüringen im internationalen Vergleich Spitzenplätze belegt, im Deutschlandvergleich schneiden sie am besten ab. Den dritten bis sechsten Platz teilen sich nahezu fast punktgleich die vier Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. Dann folgen das Saarland und Baden-Württemberg. Berlins Schüler landeten auf dem 14. von 16 Plätzen. Auch das Brandenburger Ergebnis ist unterdurchschnittlich: Märkische Viertklässler belegen nur den 12. Platz. Auch die schlechtesten deutschen Bundesländern erreichten alle noch Punktwerte im Rahmen des internationalen Leistungsniveaus. Deutschland hatte mit seinen Grundschulen bei der internationalen Wertung, die bereits vor einem Jahr veröffentlicht wurde, einen guten elften Platz belegt und das obere Leistungsdrittel erreicht. Die Iglu-Gesamtauswertung vor einem Jahr hatte erneut die in Deutschland besonders ausgeprägte Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft belegt. Danach bekommen Kinder aus der Oberschicht selbst bei unterdurchschnittlichen Grundschulleistungen in der Regel viel leichter eine Empfehlung zum Besuch des Gymnasiums als hochbegabte Kinder aus der Unterschicht. Dies gilt besonders für Berlin. Selbst wenn Berlin im nationalen Durchschnitt liege, sagte Bildungssenator Jürgen Zöllner: "Wir können keineswegs zufrieden sein". Wie bei der PISA-Untersuchung werde auch bei IGLU der "sehr hohe Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund deutlich", sagte Zöllner. Der starke Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg insgesamt in Deutschland sei eine "besondere Herausforderung für Berlin". Die Berliner Ergebnisse im Einzelnen:- Rund ein Viertel der Schüler (24,9 Prozent) lesen so schlecht, dass sie in den beiden untersten Stufen der Studie landeten. - Nirgends sonst in Deutschland ist es so wichtig wie in Berlin, dass die Kinder aus bildungsnahen Familien stammen. - Auch die Iglu-Studie kommt zu dem Schluss, dass Berlin im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich viel Geld ausgibt - und trotzdem schlecht abschneidet. Berlin investiert in jedes Grundschulkind 4700 Euro; der Bundesschnitt liegt bei 4000 Euro. Gleichzeitig ist die Unterrichtszeit deutschlandweit am größten. - Berlin hat mit 49,3 Prozent den höchsten Anteil an Schülern mit Migrations-Hintergrund. - Dementsprechend ist auch der Anteil der Kinder, in deren Familien Deutsch gesprochen wird, in Berlin mit 53,9 Prozent am geringsten. Dieses Fazit zieht Zöllner "Iglu hat die besonders schwierige Ausgangslage vieler Kinder in Berlin verdeutlicht. Der starke Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg ist eine besondere Herausforderung für Berlin", sagt Bildungssenator Zöllner. Diese Nachteile könnten nur ausgeglichen werden, wenn alle Möglichkeiten des Bildungsprogramms, des Schulunterrichts und der, so Zöllner, etwa 1300 Stellen zur Sprach- und Strukturförderung ausgeschöpft würden. Zöllner kündigte in diesem Zusammenhang an, die Qualität in Kitas und Schulen schnell zu verbessern. Dafür werde Anfang 2009 ein Paket mit Maßnahmen vorgelegt. Das allerdings hatte der Senator bereits nach der Pisa-Studie angekündigt. Der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, monierte die weiterhin starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft. Die frühe Auslese müsse beendet und die individuelle Förderung auf allen Bildungsstufen gestärkt werden, unterstrich Mutlu. FDP-Landeschef Markus Löning erklärte, die mangelhafte Lesekompetenz sei das Ergebnis "fehlender frühkindlicher Förderung". Er forderte die Einführung einer Startklasse ein Jahr vor dem regulären Schuleintritt. Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Sascha Steuer, forderte den rot-roten Senat auf, die Sprachförderung vor dem Schuleintritt auszubauen und verpflichtend zu machen. Auch müssten die Schulreifeuntersuchungen wieder eingeführt werden. Der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, André Schindler, betonte, künftig müssten Ergebnisse im Vordergrund stehen, nicht die Mittel, die hineingesteckt würden. Deutschland hatte sich 2001 erstmals an Iglu beteiligt. Damals ließen allerdings nur sechs Bundesländer ihre Daten gesondert ausweisen. Dies waren Bayern, Bremen, Brandenburg, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen. Bei dem jüngsten Test im Frühjahr 2006 machten alle Bundesländer mit. Bis auf Hessen konnten sich alle Länder, die auch beim ersten Test teilgenommen hatten, leicht verbessern. Insgesamt hatten in Deutschland 12.000 Schüler an Iglu teilgenommen - international über 400.000. Bereits bei der vor drei Wochen vorgestellten PISA-Studie rangierte Berlin in den drei getesteten Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz auf Plätzen im unteren Drittel. mit dpa; ddp

www.morgenpost.de/berlin/article995183/Berliner_Senator_ist_unzufrieden_mit_Lese_Faehigkeit.html

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