Allzeit westwärts
15.07.2004: Die EU-Vollmitgliedschaft ist für die Türkei auch eine Frage der Ehre / Frankfurter Allgemeine Zeitung
Von Wolfgang Günter Lerch
Warum strebt die Türkei so sehr nach Westen, daß noch nicht einmal das Angebot einer "privilegierten Partnerschaft", die Vorteile für beide Seiten hätte, dem Genüge tut? Ein möglichst enges Verhältnis zu Europa hinderte die Türkei ja nicht daran, ihre Reformen und den Modernisierungsprozeß fortzusetzen, wie das auch Länder tun, die niemals Mitglied in der EU werden können, weil sie auf weit entfernten Kontinenten liegen. Die Zusammenarbeit mit dem ohnehin schon assoziierten Mitglied Türkei ließe sich auf allen Feldern so eng und freundschaftlich wie möglich gestalten. Dies muß sogar geschehen angesichts der Tatsache, daß zweieinhalb Millionen Türken oder Deutsche türkischer Abstammung in Deutschland leben.
Es wird neben den materiellen und politischen Vorteilen, die Ankara an eine EU-Vollmitgliedschaft knüpft, oft vergessen, daß dahinter eine historische Vision steht. Sie hat sich in der gesamten türkischen Elite so sehr verfestigt, daß sie offenkundig auch zu einer Frage der Ehre geworden zu sein scheint. Alles, was unter der Ebene der Vollmitgliedschaft bleibt, scheint als ehrenrührige Zurückweisung und Diskriminierung aufgefaßt zu werden, obwohl es kein Menschenrecht auf Mitgliedschaft in der EU oder ähnliches gibt. Es ist eine nüchterne, politische Frage, die auch Probleme der Kulturphilosophie berührt, nicht nur bei den Europäern, sondern auch bei den Türken selbst.
"Auf das Volk zu" (halka dogru) und "In Richtung Westen" (batiya dogru) waren die beiden wichtigsten Parolen jener intellektuellen Zirkel, die sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, vor allem jedoch nach dem endgültigen Zusammenbruch des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges Gedanken über eine völlige Neuorientierung der Türkei machten. Die erste Parole diente zum Beispiel dem Denker Ziya Gökalp (1876-1924) aus Diyarbakir dazu, ideologisch vom untergegangenen universalistisch-islamischen Reich zum türkischen Nationalstaat zu gelangen. Dessen von Kemal Atatürk aufgegriffenes Konzept sah vor, einen modernen Staat westlicher Prägung zu schaffen, dessen Träger das einfache Türkenvolk sein sollte, das im Osmanischen Reich oft nur als Kanonenfutter betrachtet worden war. Das türkische Volk mit seiner urtümlichen anatolischen Sprache, wie sie die Volksdichtung der "ozanlar" über Jahrhunderte hinweg bewahrt hatte, wurde für Gökalp zur Grundlage des "Türkismus". Andere Autoren, wie Ahmet Hikmet Müftüoglu (1870-1927), entdeckten das "echt Türkische" in den Weiten Mittelasiens, von wo die Türken einstmals gekommen waren.
Damit einher ging die radikale, endgültige Wendung nach Westen. Für Gökalp und viele andere gab es zwar viele Kulturen - etwa die türkische -, aber nur eine einzige Zivilisation (medeniyet). Dies war die westliche, wie sie sich seit der Aufklärung und der Französischen Revolution herausgebildet hatte. Die Vorstellung, daß es eine alternative islamische Zivilisation gebe, die der westlichen ebenbürtig sei, ist ein Gedanke, den die moderne türkische Elite heute abweist. Sogar die (viel kleinere) vormals islamistisch eingefärbte Elite mit ihrem Stolz auf das osmanische Erbe scheint nun ganz auf Westkurs zu gehen.
Man tut dies um so mehr, als die von Gökalp und Atatürk vorgegebene Ausrichtung nach Westen schon in spätosmanischer Zeit geprägt wurde. Seit Sultan Mahmud (gestorben 1839) bildete bei allen Reformen der Westen, Europa, das Vorbild, sei es beim Militär, sei es im Bildungswesen, sei es bei der Emanzipation der Minderheiten, die besonders in den beiden Reformerlassen von 1839 und 1856 im Mittelpunkt stand. Ein neuer Zentralismus, der sich vom eher lockeren osmanischen Zentralismus unterschied, bildete den Nationalstaat vor, der dann seit 1923 verbindliches Modell wurde. Außerdem fügte man diese westliche Ausrichtung in eine umfassende Vision der türkischen Universalgeschichte ein, die den Westen als deren generelle "historische Richtung" ausmachte. Immer seien die türkischen Stämme von ihrer Urheimat im Altai-Gebirge und am Fluß Orchon in der heutigen Mongolei, wo die ersten türkischen Sprachdenkmäler bezeugt sind, westwärts gewandert und gezogen: als Hunnen und Juan-juan, Kiptschaken und Oghusen, als Seldschuken oder Mameluken, Goldene Horde und am Ende als Osmanen - bis vor Wien. Die Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU wird von der Elite als Schlußstein dieser universalgeschichtlichen Vision empfunden. Die Türken wären damit am "Ende der Geschichte" angelangt.




