600 Hilfslehrer in den Klassen
22.02.2010: Berliner Zeitung
Aus Personalnot: In Berlin steht oft ein Vertretungslehrer an der Tafel. Wenn Pädagogen krank sind, sollten Vertreter mal aushelfen. Inzwischen sind sie Teil des Schulsystems
von Martin Klesmann
Berlin - An Berliner Schulen sind derzeit 592 Vertretungslehrer sowie andere Honorarkräfte eingesetzt, damit trotz Erkrankung von Pädagogen der Schulunterricht gesichert werden kann. Dies geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des Grünen-Bildungspolitikers Özcan Mutlu hervor. "Die Qualifikation der eingesetzten Vertretungslehrer ist individuell unterschiedlich", führt Bildungsstaatssekretärin Claudia Zinke (SPD) aus. Voraussetzung sei "das Absolvieren beziehungsweise der Nachweis eines Hochschulstudiums". Zuletzt hatten sich Klagen über nicht hinreichend qualifizierte Aushilfslehrer gehäuft.
Für Vertretungslehrer steht den Schulen Geld aus der so genannten Personalkostenbudgetierung zur Verfügung, aus der zusätzlich noch die 140 voll ausgebildeten Kräfte der "Lehrer-Feuerwehr" bezahlt werden. Vom verbliebenen Geld wurden zu zwei Dritteln direkt Aushilfslehrer bezahlt, zu einem Drittel sind es laut Zinke Personen mit Honorar- und Werkverträgen für Schulprojekte. 97 Prozent aller Schulen beteiligen sich. Laut Zinke sei es zu "zeitaufwändig", die Qualifikation aller eingesetzten Vertretungslehrer auszuwerten. Grünen-Politiker Özcan Mutlu sagte: "Es ist sehr bedenklich, dass die Bildungsverwaltung überhaupt keine Auskunft darüber treffen kann, wie qualifiziert eingesetzte Vertretungslehrer überhaupt sind." Es zeige sich, dass die von der Bildungsverwaltung eingeplante 100-prozentige Ausstattung mit Lehrkräften nicht ausreiche, um den Unterrichtsbedarf abzudecken.
In den nächsten zehn Jahren gehen zudem 10 000 der knapp 30 000 Berliner Lehrer in Pension. Fraglich ist, ob Berlin überhaupt genug qualifizierte Nachwuchslehrer wird gewinnen können. Denn anders als in Berlin werden Lehrer in Westdeutschland und auch in Brandenburg verbeamtet, verdienen deshalb netto deutlich mehr. "Wir werden in den nächsten Wochen in Zeitungen um junge Lehrer werben - auch in Berlin", sagte etwa Stephan Breiding, Sprecher des Potsdamer Bildungsministeriums. Mittelfristig würden gerade im Berliner Umland junge, qualifizierte Lehrern gesucht. "Verbeamtete Junglehrer verdienen in Brandenburg netto dann 250 bis 500 Euro mehr", sagte Breiding. Berliner Politiker äußern die Befürchtung, dass sich in Berlin frisch ausgebildete Lehrer in Brandenburg verbeamten lassen und später nach Berlin wechseln. Dann müssten sie als Beamte übernommen werden, obwohl Berlin seit 2004 Pädagogen nicht mehr verbeamtet. Die Berliner Junglehrer-Initiative "Verbeamtung jetzt" fordert eine Rückkehr zum Beamtenstatus.
Zwar ist das Einstiegsgehalt für Lehrer in Berlin zuletzt massiv angehoben worden - am Gymnasium verdient ein Lehrer sofort 3 846 Euro brutto. Doch dieser Gehaltssprung kann jährlich widerrufen werden - und noch ist ungeklärt, wie die Lehrer in den neuen Tarifvertrag im öffentlichen Dienst eingebunden werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat den Fraktionschefs aller Parteien im Abgeordnetenhaus vorgeschlagen, dass die gut 5 000 angestellten Lehrer künftig zwei Stunden weniger unterrichten sollen. Wer mehr unterrichten will, bekäme zusätzliches Geld. Das soll den Standort für Lehrernachwuchs attraktiver machen. SPD, Linke und Grüne zeigten sich gesprächsbereit.
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/156447/156448.php
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