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An den Grundschulen läuft etwas schief

18.03.2010: Berliner Zeitung

In der neuen Schuleingangsphase müssen immer mehr Kinder eine Klasse wiederholen von Martin Klesmann

Berlin - Seit vier Jahren lernen Kinder an Berliner Grundschulen in der Schuleingangsphase in altersgemischten Gruppen. Jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL) nennt sich das, gemeinsam werden 1., 2. und mitunter auch 3. Klasse unterrichtet. So sollen Kinder besser gefördert und gerade schwächere Schüler mitgenommen werden.

Zahlen, die nun vorliegen, scheinen allerdings das Gegenteil zu beweisen: Denn die Zahl der Kinder, die in der 3. Klasse sitzen bleiben, hat sich innerhalb der vergangenen drei Schuljahre deutlich erhöht. Von 230 Sitzenbleibern im Schuljahr 2007/08 stieg die Zahl auf 518 Klassenwiederholer zum laufenden Schuljahr 2009/10. Dies teilte die Bildungsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des Grünen-Politikers Özcan Mutlu mit. Besonders gravierend: Der Anteil der Migrantenkinder, die sitzen blieben, stieg von 96 auf 223 Kinder an. Das ist mehr als eine Verdopplung. "Da läuft etwas nicht so gut, wie wir uns das wünschen", sagte Mutlu. "Wir müssen uns fragen, ob JüL als Konzept für Neukölln-Nord gleichermaßen funktionieren kann wie für Dahlem."

Trotz der beunruhigenden Zahlen hält die Bildungsverwaltung daran fest, das altersgemischte Lernen zur Pflicht an allen Grundschulen zu machen. Ein Antrag der CDU-Fraktion, dass Schulen selbst freiwillig über die JüL-Einführung entscheiden sollen, wurde jüngst im Abgeordnetenhaus abgelehnt. Zum laufenden Schuljahr haben es bereits 85 Prozent aller Schulen übernommen.

Eine "Zäsur" fordert auch Inge Hirschmann vom Grundschulverband. Sorge bereitet ihr vor allem der vorgezogene Einschulungstermin. Auch fünfeinhalbjährige Kinder werden nun in der Regel eingeschult. "Ich will erst einmal genau herausfinden, was diese Altersgruppe braucht", sagt Hirschmann, auch Leiterin der Heinrich-Zille-Grundschule. Gerade die Vermittlung so genannter basaler Fähigkeiten sei hier besonders wichtig, also die Ausprägung von Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit, von Motorik, Sprachfähigkeit und Ausdauer. Um gerade die jüngeren Kinder zu fördern, bräuchten die Grundschulen über Wochen zusätzliche Pädagogen. Auch seien mehr Räume nötig, in denen Kinder sich spielerisch ausprobieren könnten. Hirschmann verwies darauf, dass Kinder in skandinavischen Ländern erst mit sieben Jahren eingeschult werden. Jüngst hat eine Studie behauptet, dass Kinder, die früher eingeschult werden, weniger schulischen Erfolg haben.

An der Rixdorfer Grundschule in Neukölln werden Kinder bisher nur in einer Doppelstunde pro Woche altersgemischt unterrichtet. Im Kollegium war das JüL-Konzept zunächst auf große Skepsis gestoßen. "Es gab Vorbehalte", sagte Schulleiterin Anke Peters gestern. Die Lehrer wollten mehr Fortbildung, um das Arbeiten in altersgemischten Gruppen zu lernen. Bisher seien sie es gewohnt gewesen, sich auf die neuen Schüler zu konzentrieren und auch deren Eltern kennen zu lernen. Jetzt sollten sie alle Altersstufen gleichzeitig im Blick haben.

Dabei war noch nicht einmal Unterrichtsmaterial für Differenzierungsunterricht da, das kaufte die Schule jetzt ein. "Ab dem übernächsten Schuljahr werden wir das JüL-Konzept übernehmen", sagt Schulleiterin Peters, die die Idee an sich gut findet.

Laut Konzept sollen ältere Schüler den jüngeren in Teamarbeit den Unterrichtsstoff beibringen - und dabei selbst noch einmal ihr Wissen vertiefen. Doch Schulleiter klagen, dass dies oft nicht gelingt und vor allem die älteren Schüler sich nicht so weiterentwickeln können, wie sie gerne wollten. Eine leitende Mitarbeiterin der Bildungsverwaltung besucht derzeit Grundschulen, um sich selbst eine Übersicht zu verschaffen.

Fast 1 000 Grundschüler blieben sitzen

Grundschule: Zum Schuljahr 2007/08 blieben insgesamt lediglich 616 Berliner Grundschüler sitzen, zum laufenden Schuljahr 2009/10 waren es bereits 993 Schüler, davon 415 Migrantenkinder. Die meisten blieben nach der Eingangsphase in der dritten Klasse sitzen, zuletzt 518 Kinder.

Vergleichstest: Zum Ende der dritten Klasse gibt es den zentralen Vergleichstest Vera. Hier wird man im April feststellen können, ob Schulen aus altersgemischten Gruppen besser abschneiden als herkömmliche Klassen. Eine grundlegende Evaluation der Grundschulreform steht aus.

Binnendifferenzierung: Die individuelle Förderung von mindestens 26 Grundschülern stellt Lehrer vor eine große Aufgabe. Viele sind dafür nicht ausgebildet. Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann vertritt gar die Auffassung, dass sich Gegensätze in heterogenen Lerngruppen noch verstärken.

www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/159162/159163.php

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