In Berlin fehlen 370 Schulleiter - auch die größte Sekundarschule hat seit zwei Jahren keinen Chef
19.04.2010: Berliner Zeitung
Berliner Schulleiter haben in den vergangenen Jahren deutlich an Kompetenzen hinzugewonnen: Sie sind für Personalentwicklung genauso zuständig wie für das Vertretungslehrerbudget, die Kooperation mit freien Träger und Sportvereinen sowie für ein eigenständiges Schulprofil. Doch an vielen Schulen ist dieser Posten teilweise jahrelang vakant, entweder weil sich niemand findet - oder weil sich die Bewerber untereinander langwierige Rechtsstreitigkeiten liefern.
Zu Jahresbeginn waren 370 Leitungsposten unbesetzt - vor allem Fachleiter - und Fachbereichsleiter, aber auch Konrektoren und Schulleiter werden dringend gesucht. Das ergab eine parlamentarische Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu. Allein an den 350 Grundschulen sind demnach 41 Stellvertreter-Posten unbesetzt. "Das geschieht sicher auch aus Spargründen", sagte Mutlu. Denn eine Funktionsstelle kostet zusätzliches Geld. Zum anderen seien nicht alle Pädagogen bereit, sich auf diese Stellen zu bewerben: Das sei mit viel Mehrarbeit bei nur geringem Lohnzuwachs verbunden, heißt es.
Ein weiteres Problem ist das Beamtenrecht: Stets hat derjenige Bewerber dienstrechtlich den Vorrang, der schon länger im Dienst ist und die höhere Besoldungsstufe erreicht hat - junge Lehrer, die seit 2004 nicht mehr verbeamtet, sondern angestellt werden, sind daher besonders benachteiligt.
So ist der Schulleiter-Posten am Schöneberger Robert-Blum-Gymnasium seit einem Jahr vakant. Die derzeitige Schulleiterin Gabriele Mull führt die Schule nur kommissarisch. Zuvor war ein anderer Kollege von der Schulverwaltung als regulärer Rektor ausgewählt worden. Doch dann meldete ein laufbahnrechtlich höher stehender Mitbewerber eine Klage an. Der frisch bestimmte Schulleiter packte daraufhin seine Sachen wieder ein. Nun läuft ein neues Bewerbungsverfahren, das bis zum kommenden Schuljahr abgeschlossen sein soll.
In Tempelhof verhindert der Rechtstreit zweier Bewerber die Besetzung der Schulleiterstelle. Davon betroffen ist ausgerechnet eine der größten Schulen Berlins, die angesehene Gustav-Heinemann-Sekundarschule. Hier amtiert sei mehr als einem Jahr der langjährige Konrektor Wolfgang Peißker auch noch als kommissarischer Schulleiter - obwohl der diesen Posten gar nicht will. Doch er musste einspringen als es nach der Pensionierung des langjährigen Schulleiters zum Streit kam. Die Schulkonferenz lehnte aber die Bewerberin, eine Lehrerin der Schule, ab und votierte für den bisherigen Mittelstufenleiter einer anderen Oberschule. Er. wurde im Januar 2009 als Schulleiter eingesetzt, blieb aber nur bis Ostern. Die unterlegene Lehrerin hatte eine Konkurrentenklage eingereicht und das Gericht hatte Formfehler bei der Stellenausschreibung gefunden. Der Schulleiter packte seine Sachen und Konrektor Peißker wurde kommissarisch zum Leiter der zweitgrößten Berliner Sekundarschule ernannt. Eine weitere Bewerberrunde scheiterte schließlich daran, dass die Beurteilung der Bewerber nach einem Jahr nicht mehr gültig war. Nun sieht es so aus, als müsste Wolfgang Peißker noch weiter durchhalten.
Streit ums Konzept
Auch die Reformschule Charlottenburg, das Gemeinschaftsschulprojektes des Bezirks, steht ohne Schulleiter da. Der Gründungsschulleiter kehrte im Februar an seine vorherige Schule zurück. Der Grund waren diesmal inhaltliche Differenzen über die pädagogische Ausrichtung der oberen Schulklassen. Von der siebten Klasse an sollte nämlich wieder althergebrachter Frontalunterricht gemacht werden. Das sorgte für Unmut unter reformpädagogisch orientierten Eltern und Lehrern. Der Schulleiter ging. Eine Wiederbesetzung seines Postens wurde von der Frauenvertreterin des Bezirks verhindert - denn zunächst sollte ein Mann den Posten übernehmen. Die Stelle wurde erneut ausgeschrieben.
Wie wird man Schulleiter?
Jede Schulleiterstelle wird zunächst ausgeschrieben. Geeignete Bewerber mit entsprechendem Studienabschluss und Laufbahn werden dann durch sogenannte Eignungstests im Assessmentcenter ausgewählt.
Die Ausgewählten stellen sich dann in der Schulkonferenz vor, die zu gleichen Teilen aus Vertretern von Lehrern, Eltern und Schülern sowie einem externen Vertreter besteht. Die Konferenz gibt eine Empfehlung.
Die Schulbehörde gibt eine dienstliche Beurteilung ab, auch die Beschäftigtenvertretungen nehmen Stellung. Dies kommt zum Votum der Schulkonferenz hinzu. Letztlich entscheidet die Schulverwaltung.
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0419/berlin/0025/index.html




