Ein Hauen und Stechen
14.12.2006: Laut Statistik gibt es immer mehr Gewalt an den Schulen - 1 573 Vorfälle im vergangenen Jahr / Berliner Zeitung
Laut Statistik gibt es immer mehr Gewalt an den Schulen - 1 573 Vorfälle im vergangenen Jahr
Von Tobias Miller Ein Zwölfjähriger Grundschüler schlägt in der Hofpause eine Lehrerin nieder. Ein Hauptschüler wird nach einer Schlägerei mehrere Tage von der Polizei in die Schule begleitet, weil er sich bedroht fühlt. Eine 18-Jährige bringt eine scharfe Waffe mit in die Schule, weil sie angeblich ihre Englischlehrerin töten will. Vermummte stürmen ein Klassenzimmer und gehen mit einem Messer auf einen Schüler los. Das sind nur drei der Fälle, die in den vergangenen Monaten Schlagzeilen machten. Dazu kommen viele andere Gewaltvorfälle, Beleidigungen, Drohungen.
Insgesamt meldeten die Schulen 1 573 Vorfälle an die Senatsverwaltung im Schuljahr 2005/2006, so viele wie noch nie. Das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme von 76 Prozent. 2004/2005 gab es 894 Vorfälle. Wie in den Vorjahren machen Körperverletzungen mit 46 Prozent den größten Anteil aus, er ist leicht gestiegen. Der Anteil der gefährlichen Körperverletzungen ist von fast 23 auf knapp 17 Prozent leicht gesunken. Gefährliche Körperverletzung bedeutet, dass mehrere Täter beteiligt sind oder Waffen eingesetzt werden. Von den Grundschulen wurden 628 Gewaltvorfälle gemeldet. Im Jahr zuvor waren es 247. Bei der Gewalt gegen Lehrer sind ebenfalls die Grundschulen Spitzenreiter mit 115 Meldungen zu 30 im Jahr davor. Bei allen 374 Delikten gegen Lehrer (Vorjahr 196) machte der größte Anteil Beleidigungen (rund 38 Prozent) und gefährliche Körperverletzung (36 Prozent) aus.
Man könne nicht ausschließen, dass die Anzahl der Taten an den Schulen tatsächlich gestiegen sei, sagte Bildungssenator Jürgen Zöllner. Die "scheinbar beachtliche Zunahme" zeige vor allem aber die große Sensibilität gegenüber dem Thema Gewalt. Seit 1992 sind die Berliner Schulen verpflichtet, Vorfälle zu melden. Das Problem dürfe auf keinen Fall klein geredet werden, sagte Zöllner. Er betonte aber, dass vor allem ein Dunkelfeld ausgeleuchtet werde. In der Polizeistatistik stagniere die Jugendkriminalität und gehe eher zurück. Zöllner schloss aber auch nicht aus, dass die Zahl der Schulpsychologen erhöht wird. Derzeit sind es 15.
Vor allem die Kooperation mit außerschulischen Angeboten, etwa der Polizei, Jugendhilfe und freien Trägern müsse verstärkt werden. Gewalt sei vor allem ein soziales Problem. "Die meisten Meldungen kommen aus Mitte, Lichtenberg, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg. Nach dem Sozialindex sind das die am meisten belasteten Gebiete", sagte Zöllner. "Jede Schule in solchen Quartieren braucht einen Schulpsychologen", fordert Erhard Laube, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter. Die Gewaltbereitschaft unter Schülern sei zwar gestiegen, aber die starke Zunahme der Statistikzahlen führt er vor allem auf die größere Bereitschaft unter den Schulen zurück, Vorfälle zu melden. Fehlendes Personal beklagt André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses. "Es rächt sich, dass Schulstationen und Sozialarbeiter abgebaut wurden."
Auch die Opposition im Abgeordnetenhaus fordert mehr Unterstützung für die Schulen. Lehrer und Erzieher müssten besser ausgebildet werden, sagte Özcan Mutlu von den Grünen. Mieke Senftleben (FDP) will Erziehungskurse für Eltern, deren Kinder auffallen. Sascha Steuer (CDU) fordert mehr Personal und in "Härtefällen" Kurzarreste für die Täter. Berliner Zeitung, 14.12.2006




