Zuhause in X-Berg
12.12.2006: Warum Eltern ihre Kinder mit gutem Gewissen in Wowereits Problemkiez schicken / Berliner Zeitung
Feuilleton - Seite 25
Cornelia Geißler
Hat er sich eigentlich immer noch nicht entschuldigt? Darf man also vermuten, dass dem Regierenden Bürgermeister, dem Chef der SPD-PDS-Koalition, der kleine grüne Fleck auf der politischen Stadtkarte Berlins egal ist? Oder hofft er, dass die Aufregung sich legt, wenn er selbst nicht auf das Thema zurück kommt?
Für jemanden, der in Kreuzberg Kinder großzieht, ist der eigentliche Skandal nicht Wowereits knappes Nein auf die Frage, ob er seine Kinder in Kreuzberg zur Schule schicken würde. Soll jeder selbst seine Entscheidung treffen. Es sieht zwar nicht so aus, als hegten der Bürgermeister und sein Partner Adoptionspläne. Aber wenn sie Kinder hätten, würden sie feststellen, dass es in Kreuzberg für Eltern einfacher ist, offen schwul oder lesbisch zu leben als in manch anderem Bezirk. Ein Kind, das in der Schule erklärt, zwei Mütter, aber keinen Vater zu haben - wie in der Klasse meiner Tochter - wird nicht angestarrt wie ein Wunderwesen.
Was wirklich wütend macht, ist Wowereits Unterstellung, Eltern, die nicht aus Kreuzberg wegziehen wollten oder konnten, würden nicht das Beste für ihre Kinder wollen. Nicht nur in Neukölln muss man differenzieren, wie Wowereit in dem fatalen Fernsehgespräch einräumte, sondern auch in Kreuzberg. Nehmen wir die Reinhardswald-Grundschule an der Gneisenaustraße, zwischen Südstern und Bergmannstraßen-Kiez. Als ihr Rektor am 26. August dieses Jahres auf der Einschulungsfeier allen dazu gratulierte, einen Platz auf seiner Schule bekommen zu haben, da konnten die Eltern, die bereits größere Geschwisterkinder dort hatten, nur wissend lächeln. Denn die Kinder erfahren in Projekten vieles, was über den Lehrplan hinausgeht. Sie erkunden den Kiez, machen Experimente, beteiligen sich an Wettbewerben. Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die von der 1. Klasse an mit den Schülern Wochenpläne besprechen, damit diese lernen, selbstständig und in Gruppen sowie fächerübergreifend zu arbeiten.
Obwohl dies eine ganz normale Schule ist, mit 800 Kindern eine besonders große sogar. Wie viel sind davon Ausländer?, fragen mitleidig Verwandte und Bekannte. Kreuzberg hat eben keinen guten Ruf. Mit einem Anteil von vierzig Prozent von Kindern aus nichtdeutschen Familien ist der Schlüssel dieser Schule günstiger als etwa im Wrangelkiez, von dem jetzt so viel die Rede ist.
Mag sein, dass Kreuzberger Kinder ein größeres Reservoir an Schimpfwörtern haben als ihre Altersgenossen in Reinickendorf oder Friedenau. Aber sie lernen früh, dass es noch andere Muttersprachen gibt als die deutsche. Mag sein, dass die hier aus sozialen Gründen propagierte "Förderung nach unten", die zunächst einmal will, dass die schwächeren Schüler das Klassenziel erreichen, es manchmal an Unterstützung für die Begabteren fehlen lässt. Doch wenn die Schule bei den bundesweiten Vergleichsarbeiten wiederholt neben denen der besseren Viertel besteht, ist das ein schönes Ergebnis. Und mehrere Lehrer haben sich darauf eingestellt, denen, die sich langweilen, mehr "Futter" zu geben, wie es bei den Pädagogen heißt.
Für Kreuzberger Kinder ist es nichts Ungewöhnliches, dass die einen Weihnachten feiern und die anderen nicht. Weil aber die anderen das mit den Geschenken toll finden, denken sich deren Eltern Anlässe aus, in dieser Zeit auch ihre Kinder zu beschenken. Die (Vollwert-)Küche, die das Schul-Essen liefert, hat sich darauf eingestellt, ohne Schweinefleisch zu kochen. Dafür lernen die Deutschen bei Festen, zu denen Eltern das Büfett ausrichten, Gerichte kennen, die es an keiner Döner-Bude gibt.
Da stand nun also der Rektor in der Passionskirche am Marheinekeplatz - die Schulaula hätte nicht für alle vier ersten Klassen, 120 Kinder mit Anhang, gereicht - und stimmte gleich nach der Gratulation auf die Probleme ein: "Für die prekäre Raumsituation, für die baulichen Mängel und die unzureichende Personalausstattung sind nicht wir verantwortlich, sondern die Berliner Politik."
Die Berliner Politik ist verantwortlich dafür, dass Lehrerstellen später besetzt werden als anderswo, wenn es denn überhaupt ausreichend Stellen gibt. Sie verhindert nicht, dass viele Schulen verdreckt sind, weil Reinigungskräfte fehlen. Der Rektor erklärte auch, warum er das Kreuzberger Wappen an seinem Pult befestigen ließ: "Das ist ein Stück Aufstand, das Wappen gibt es ja nicht mehr."
Die Reinhardswaldschule zieht viel Selbstbewusstsein daraus, eine Kreuzberger Schule zu sein. Der Förderverein lässt seit Jahren T-Shirts drucken mit einem großen X und dem Wörtchen Berg. Seit dem Sommer wurde die Kollektion um Taschen und Trainingsjacken mit dem X-Berg-Logo ergänzt. Vom Erlös können Preise für den Mathematik-Wettbewerb besorgt werden oder Anerkennungen für die Schülerlotsen. Der Förderverein unterstützt Klassenfahrten und gibt Geld, wenn Eltern Räume renovieren. Meine Eltern wurden in der DDR-Schule noch zum Subbotnik angehalten, und auch hier im alten, alternativen Westen gibt es heute Elternmitarbeit. Die ist zwar wirklich freiwillig, aber manchmal häufen sich die Aufrufe und man merkt, was von der Stadt an Geld und Engagement fehlt. Da müssen Wände gestrichen, Möbel entsorgt und Computer gespendet werden. Am wunderbaren riesigen Schulhof haben Lehrer, Erzieher, Eltern und Kinder mitgearbeitet: Laubhütten gebaut, Gräben ausgehoben und Pfade angelegt.
In vielen Klassen ist es üblich, dass die Elternabende nicht nur gut besucht sind, sondern später in einer Kneipe fortgesetzt werden. Es gibt Elternstammtische, zu denen sich Mütter und Väter treffen, um kleine Probleme zu besprechen, bevor sie groß werden. Das Beispiel Reinhardswaldschule zeigt: Es müssen viele wollen, dass Kinder eine Chance haben. Vielleicht wird manchmal zu viel und zu lange diskutiert, in Kreuzberg. Aber man interessiert sich füreinander. Und wie anders sollen denn die Probleme dieses Stadtteils gelöst werden, wenn man nicht füreinander Interesse zeigt? Klaus Wowereit hat dieses Interesse verweigert.




