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Damit aus Exoten etwas Alltägliches wird

22.10.2001: (Frankfurter Rundschau) 13 deutsch-türkische Kandidaten bewarben sich um ein Mandat im Abgeordnetenhaus - Von Julia Naumann (Berlin/afp)

Politiker türkischer Herkunft sind in Deutschland immer noch eine Seltenheit. Lediglich der Innenexperte der Grünen im Bundestag, Cem Özdemir, ist ein bekanntes Gesicht. Nach den Abgeordnetenhaus-Wahlen in Berlin dürfte sich das ändern: Immerhin 13 deutsch-türkische Kandidaten bewarben sich für ein Mandat - doppelt so viele wie bei den Wahlen 1999.

Von den 180 000 Berliner Türken durften am Sonntag rund 55 000 wählen, weil sie einen deutschen Pass haben. Im Wahlkreis 3 in Kreuzberg kämpfen gleich vier Deutsch-Türken um einen Sitz im Landesparlament. Auf den Straßen rund um das Kottbusser Tor waren die Wahlplakate teilweise in türkischer Sprache gedruckt: Der Grüne Özcan Mutlu und FDP-Kandidat Mehmet Daimagüler forderten vor allem bessere Bildungschancen für die Kinder - eines der wichtigsten Wahlkampfthemen in diesem Kiez, in dem mehr als 30 Prozent der Migrantenkinder keinen Schulabschluss schaffen.

"Für viele Menschen sind türkisch-deutsche Politiker immer noch etwas besonders", berichtete Daimagüler. "Doch ich will kein Exot sein." Der 33-Jährige will sich auch nicht nur mit "klassischer Ausländerpolitik" einen Namen machen. Es sei wichtig, sich auch in anderen als ausländerspezifischen Themen zu profilieren.

Das sieht auch Özcan Mutlu so. Er ist bildungspolitischer Sprecher der Berliner Grünen und setzt sich für eine konsequente interkulturelle Erziehung für deutsche und ausländische Kinder ein. So will er die Schulbücher überarbeiten lassen, in denen zwar Claudia und Hans, aber immer noch nicht Ayse und Ali vorkommen. Als "Nischenpolitiker" versteht sich Mutlu nicht und wendet sich an Einheimische und Eingewanderte gleichermaßen.

Einzelkandidat Ahmed Algan wollte dagegen im Wahlkampf nur Landsleute ansprechen. "Ich vertrete die Konservativen", erklärte er - religiöse Türken, denen Mutlu und Daimagüler zu liberal seien. Algan, der keiner Partei angehört, setzt sich für deshalb vehement für einen islamischen Religionsunterricht ein.

Der technische Aufsichtsbeamte sitzt im Verwaltungsrat der umstrittenen Islamischen Förderation. Die Organisation darf nach 20 Jahren Rechtsstreit seit diesem Schuljahr an zwei Grundschulen Religionsunterricht anbieten. "Viele Muslime fühlen sich von den deutschen Parteien nicht angesprochen", so Algan. Auch deutsch-türkische Kandidaten würden da wenig ändern.

Tatsächlich sei die Beteiligung eingebürgerter Türken an der Wahl 1999 sehr gering gewesen, berichtete auch Kenan Kolat, Bundesvorstandsmitglied der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Durch die große Anzahl der deutsch-türkischen Bewerber, von denen der Hälfte ernsthafte Chancen auf einen Einzug ins Landesparlament ausgerechnet wurde, erhoffte Kenan Kolat diesmal aber mehr Resonanz. Allerdings gab es noch ein Hindernis, denn viele Deutsch-Türken kennen sich mit dem Wahlsystem nicht aus: "Einige halten die Wahlbenachrichtigung im Briefkasten für Werbung und schmeißen sie in den Müll", hat Mutlu festgestellt.

[ document info ] Copyright © Frankfurter Rundschau 2001 Dokument erstellt am 21.10.2001 um 21:26:17 Uhr Erscheinungsdatum 22.10.2001

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