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Neue Zeiten

20.10.2001: (Berliner Zeitung) Im Wahlkreis Kreuzberg 3 kandidieren vier türkisch-stämmige Deutsche für einen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus - Von Frank Nordhausen

BERLIN, im Oktober. Der Umbruch vollzieht sich leise. "Was hier geschieht, hat kaum jemand bemerkt. Aber es ist der Beginn einer neuen Zeit", sagt Özcan Mutlu. Der Kandidat legt Pathos in seine Stimme. "Das ist der erste Wahlkampf in Berlin, in dem alle Parteien auf die Stimmen der Einwanderer schielen - am deutlichsten in Kreuzberg." Özcan Mutlu ist 33 Jahre alt und grüner Abgeordneter im Berliner Parlament.

Vor zwei Jahren gewann Mutlu den Wahlkreis Kreuzberg 3 knapp mit 120 Stimmen Vorsprung vor seinem CDU-Konkurrenten und mit 1 000 Stimmen vor dem SPD-Bewerber. Seitdem hat der drahtige kleine Mann eines der zwei bundesweit einzigen Direktmandate der Grünen. "Auch diesmal werden wir wieder fast gleichauf liegen", sagt Mutlu, der im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern aus Anatolien nach Berlin kam.

Özcan Mutlu ist jetzt nicht mehr allein. Schon 1999 war plötzlich vom "Türken-Bonus" die Rede, der Mutlu den Wahlsieg gesichert habe. "Jetzt sind auch die anderen Parteien aufgewacht", sagt Mutlu. Er sagt es mit ein bisschen Wehmut in der Stimme. Denn erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik treten nun in einem Wahlkreis mehrere eingebürgerte "Ausländer" gegeneinander an. Neben Özcan Mutlu kandidieren der Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler für die FDP, der Lehrer Musa Özdemir für die PDS und der unabhängige Bewerber Ahmet Algan. Sie alle haben türkische Eltern.

Fast wären es sogar fünf türkische Kandidaten geworden. "Ich wurde in der Partei dazu ermuntert, aber weil sich meine Einbürgerung verzögerte, konnte ich nicht antreten", berichtet der Sozialdemokrat Ahmet Iyidirli, Sozialberater von Beruf, der jetzt als rechte Hand den deutschen SPD-Kandidaten "in Migrationsfragen" berät. Iyirdirli gehört wie die anderen zur zweiten Generation türkischer Einwanderer. Sie sprechen gut Deutsch, sie empfinden sich als "Berliner türkischer Herkunft". Und sie wollen sich politisch einmischen. In ganz Berlin bewerben sich diesmal 32 türkisch-stämmige Kandidaten für das Abgeordnetenhaus und die Bezirksparlamente. "Wir Türken werden die Wahl in Kreuzberg entscheiden", sagt der unabhängige Kandidat Ahmet Algan. Er sitzt in einem Döner-Imbiss im islamischen Zentrum nahe dem Kottbusser Damm und lässt starken türkischen Tee in kleinen Gläsern servieren. Ahmet Algan, 44 Jahre alt, sechsfacher Vater und von Beruf Aufsichtsbeamter der Berufsgenossenschaft, gilt etwas im Wahlkreis Kreuzberg 3. Er wirkt wie ein Patriarch mit seinem grauen Haar, dem grauen Vollbart, der kräftigen Stimme. "Jedes Jahr werden in Kreuzberg ein paar hundert Türken eingebürgert", sagt er. "Die Beteiligung an der Wahl ist Teilnahme an der Gesellschaft, ist Integration. Deshalb versuche ich die Menschen davon zu überzeugen, wählen zu gehen."

Dann rechnet Ahmet Algan vor, warum er sich Chancen ausmalt, den Wahlkreis zu gewinnen. Er setzt auf die muslimischen Nichtwähler und die türkischen Konservativen, die beim letzten Mal lieber der CDU als einem türkisch-stämmigen, aber grünen Kandidaten ihre Stimme gaben. 26 000 Wahlberechtigte gibt es in Kreuzberg 3, davon sind schätzungsweise 3 500 Türken. Mutlu hat den Wahlkreis vor zwei Jahren mit rund 4 400 Stimmen gewonnen.

"Ich bin der einzige Kandidat, den gläubige Muslime wählen können", sagt Ahmet Algan. "Den anderen sind islamische Themen vollkommen fremd." Themen wie der islamische Religionsunterricht oder die Forderung nach einer großen repräsentativen Moschee. Algan weiß, dass seine Kandidatur in diesen Tagen ein Wagnis ist. Für einige sogar eine Provokation. Als die Zwillingstürme in New York zusammenstürzten, hatte es auch Auswirkungen für den Kreuzberger Multikulti-Kiez. Wahlplakate der türkisch-stämmigen Kandidaten wurden beschmiert: "Achtung! Islamische Schläfer!"

"Es gibt viel Hetze in den Medien gegen Muslime", sagt Ahmet Algan. "Aber gerade deshalb müssen wir Stellung beziehen." Er sagt es mit Trotz in der Stimme, aber man spürt die Angst vor einem falschen Wort. Algan ist nicht nur der erste strenggläubig-muslimische Direktkandidat bei einer deutschen Landtagswahl. Er kommt auch aus dem Umfeld der islamistischen Vereinigung "Milli Görüs", deren Verbot einige Politiker fordern. "Ich kann nichts Kriminelles an dieser Organisation erkennen", sagt Ahmet Algan, der sehr viel Wert darauf legt, kein Mitglied bei "Milli Görüs" zu sein. Dann führt er seinen Besucher durch das islamische Zentrum, eine Mietskaserne mit zwei Hinterhöfen, die türkische Einwanderer vor Jahrzehnten erworben haben. Mädchen mit Kopftüchern gehen ein und aus, im Gebetsraum spielen Jugendliche mit dem Imam Fußball, in der Islamischen Grundschule ist Nachhilfeunterricht. "Wir versuchen, unseren Jugendlichen Toleranz beizubringen", sagt Algan. Seinen Wahlkampf unterstützt der mächtige türkisch-islamische Unternehmerverband Müsiad. Auf seinen Wahlplakaten, die seine "Söhne und Freunde" entlang der Oranien- und Wrangelstraße kleben, steht der Slogan "Frieden schaffen durch Gerechtigkeit".

Nur ein paar Straßen entfernt diskutiert an diesem Abend Özcan Mutlu mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele in einer Gaststätte am Schlesischen Tor über die "neue Weltgesellschaft". Auch dort geht es um die Terror-Anschläge in Amerika, Ströbele und Mutlu sind gegen den Krieg in Afghanistan. Der Raum ist mäßig gefüllt, gekommen sind viele ergraute Grün-Alternative aus dem Kiez. Ein leichtes Heimspiel für Mutlu, der "mit der alternativen Szene Kreuzbergs aufgewachsen" ist und ihren Jargon beherrscht. Wortreich distanziert er sich von "blindem Aktionismus", vom "Missbrauch der Religion" und von Milli Görüs. Aber wenn es um Kreuzberg geht, dann spricht der linke Türke fast genauso wie der konservative Muslim, dann spielen politische Differenzen kaum noch eine Rolle: "Wir brauchen den Dialog mit allen. Wir brauchen vor allem Bildung." In einem sind sich alle türkisch-stämmigen Kandidaten einig: Um Kreuzberg vor dem sozialen Absturz zu bewahren, benötige der Bezirk sofort eine "Qualifizierungsoffensive". Die Lage im Kiez ist dramatisch. Rund 35 Prozent der Türken sind arbeitslos; 30 Prozent der Jugendlichen haben keinen Schulabschluss. Das ist soziales Konfliktpotenzial, das mehr Kindertagesstätten, zweisprachiger Unterricht und eine gezielte Förderung der Kinder bekämpfen sollen, damit sie später qualifizierte Berufe ergreifen können. "Das Geld müssen wir aufbringen, weil es sich bezahlt machen wird", sagt Özcan Mutlu. Türkische Zuhörer hat er dabei kaum - weder am Schlesischen Tor noch bei anderen Diskussionen. Türken gehen nicht zu Wahlveranstaltungen. "Noch nicht", sagt Mutlu.

"Die Beteiligung an der Wahl ist Teilnahme an der Gesellschaft, ist Integration. " Ahmet Algan, Kandidat

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