Schaut her!
19.06.2002: (WELT) Gastkommentar - Von Cem Özdemir
Die Türkei auf dem Weg ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan? Als türkisch-stämmige Parlamentarier und Fußballfans wollten mein Parteifreund Özcan Mutlu und ich uns das Spiel natürlich nicht entgehen lassen.
Dies natürlich live und mit der entsprechenden Atmosphäre. Ärgerlich übrigens, dass auch dieses Spiel nicht zu den 24 von den öffentlich-rechtlichen Sendern übertragenen Spielen gehört und man deshalb auf Herrn Kirchs Premiere angewiesen ist.
Angesichts der vielen hier in Deutschland lebenden Türken eine weitere Entscheidung der verantwortlichen Fernsehfunktionäre, die einen nur den Kopf schütteln lässt.
Bei einem leckeren türkischen Fußball-Frühstück mit viel Grüner Politprominenz (unter anderem Werner Schulz und Christian Ströbele) unter den fußballbegeisterten Türken waren unsere Blicke auf die Leinwand im "Café Nova" im Berliner Bezirk Friedrichshain gerichtet.
Spätestens in der 12. Minute war auch klar, wie die Sympathien verteilt waren. Die frühe türkische Führung löste einen Freudensturm aus, und die Menschen lagen sich in den Armen. Das ideenlose Spiel der nach dem frühen Gegentor konsternierten Japaner trug daraufhin allerdings nicht zur Qualität des Spieles bei. Wie auch die zahlreichen anderen Besucher nutzte ich dies, um mein türkisches Frühstück ohne jegliche Aufregung zu genießen.
Erst Anfang der zweiten Halbzeit wurde es wieder spannend. Schließlich konnte die Türkei es der deutschen Mannschaft nachtun und nach einem taktisch guten - wenn auch nicht schönen - Spiel in das Viertelfinale einziehen.
Die vielen türkischen Menschen auf den Straßen drücken nicht nur eine tief empfundene Freude und großen Stolz über den erreichten Viertelfinal-Einzug der türkischen Nationalelf aus. Es wirkt auf mich, als wollten sie sagen: Schaut her, was wir geschafft haben! Leider mischten sich unter die fahnenschwingenden, begeisterten Fußball-Fans auch einige Anhänger der ultranationalistischen "Grauen Wölfe" mit einer Art türkischer Reichskriegsflagge - schade, dass Extremisten uns Fußballfans nicht in Ruhe feiern lassen können.
Cem Özdemir (36) ist seit vier Jahren innenpolitischer Sprecher der Grünen. Er wurde am 21. Dezember 1965 als Sohn türkischer Einwanderer im schwäbischen Bad Urach geboren. Seit 1981 ist Özdemir Mitglied der Grünen. Deutscher Staatsbürger ist der studierte Sozialpädagoge seit 1983.




