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Unis nicht für alle

20.06.2007: Anja Kühne / Tagesspiegel

Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen, sagt der Volksmund. Manche Leute lassen ihre Kinder vor der Glotze versauern, ernähren sie mit Chips und verabreichen ihnen Dresche, wenn die Zensuren nicht stimmen. Solche Eltern müssen sich nicht wundern, wenn aus ihrem Kind kein Akademiker, ja nicht mal ein Azubi wird. Müssen sich jetzt etwa noch jene Mütter und Väter schuldig fühlen, die ihren Kindern vorlesen, ihnen den Wald oder das Theater zeigen? Sollen sie nun noch mehr zahlen, damit der Staat für die Kinder der überforderten Deppen mehr Erzieherinnen einstellen kann?

So wird diskutiert, seit die Befunde der neuen Sozialerhebung des Studentenwerks bekannt sind. Von 100 Akademikerkindern in Deutschland studieren danach 83, von 100 Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien nur 23. Nur jedes sechste Arbeiterkind studiert, aber fast jedes Kind studierter Beamten. Allerdings zeigen die Zahlen, dass es bei der Debatte über Bildungschancen gar nicht allein um verwahrloste Familien geht, sondern um breite Teile der Bevölkerung. Auch mehr Kinder von Selbstständigen und Angestellten studieren, wenn ihre Eltern Akademiker sind. "Beschämend für die Demokratie" nennt das der Präsident des Studentenwerks. Auch werde die Wirtschaft leiden, wenn nicht endlich alle Potenziale ausgeschöpft würden.

Das sind die gleichen Argumente wie vor 40 Jahren. Damals war es der Pädagoge Georg Picht, der vor einer "Bildungskatastrophe" und vor dem "wirtschaftlichen Notstand" warnte. Ralf Dahrendorf forderte "Bildung als Bürgerrecht". Zum Symbol aller Benachteiligungen avancierte das "katholische Arbeitermädchen vom Land". Schließlich erklärte Willy Brandt die Bildungspolitik zum ersten Reformziel. Eine Bildungsexpansion wurde forciert, die höheren Schulen und Hochschulen geöffnet, Studiengebühren abgeschafft, das Bafög eingeführt.

War alles vergeblich? Nein. Viele haben profitiert. Damals studierten nur fünf Prozent eines Altersjahrgangs, heute sind es 37. Katholiken sind nicht länger benachteiligt, die Landbevölkerung auch nicht, Frauen haben aufgeholt. Trotz alledem sind die Unis heute ein Club für Akademikerkinder. Die Gründe sind vielfältig. Viele Schüler sind mit einer Lehre zur Steuerfachgehilfin tatsächlich besser dran als mit einem BWL-Studium. Es will und muss nicht jeder studieren.

Damit darf Deutschland sich aber nicht beruhigen. Pisa zeigt, dass Kinder aus der Bildungsferne bei gleichen Leistungen eine viermal geringere Chance haben aufs Gymnasium zu kommen, als Kinder aus bildungsnahen Familien. Wer es doch schafft, findet sich in einer Schule wieder, die sich nur am pflegeleichten Bürgerkind orientiert. Neue Hürden gibt es beim Hochschulzugang: Sozial nicht abgefederte Studiengebühren und Auswahlgespräche mit Professoren, auf die Akademiker-Kinder besser vorbereitet sind.

Die Bildungsmisere reicht vom Kindergarten bis in die Unis. Das verursacht schreckliche Ungerechtigkeiten, ökonomische Probleme und soziale Verwerfungen. Darum kann es nicht zum Privatproblem erklärt werden, wenn Kinder wegen ihres Elternhauses verwahrlosen - oder auch nur nicht studieren. Der Staat muss den Kindergarten zur Pflicht machen und die Gymnasien reformieren. Er muss eine Rekrutierungskampagne in den Schulen starten und für finanzielle Sicherheit sorgen, um bildungsferne Kinder rechtzeitig vom Wert eines Studiums zu überzeugen. Wenn man endlich die Kraft dazu aufbringen wollte, würde man sehen: Doof geboren ist keiner, doof wird man gemacht.

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