Neue Arbeit für kranke Lehrer
11.10.2007: Berliner Morgenpost
Zahl dauerkranker Pädagogen auf 1000 gestiegen, Fachleute fordern außerunterrichtlichen Einsatz Von Regina Köhler
An den Berliner Schulen hat die Zahl der dauerkranken Lehrer mit Beginn dieses Schuljahres dramatisch zugenommen. Sie ist um 285 auf fast 1000 angestiegen. "Wir haben diese Entwicklung vorausgesagt", betont Erhard Laube, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter. Die Organisation fordert deshalb, die vor einem Jahr abgeschaffte Altersteilzeitreglung wieder einzuführen.
"Die gestiegene Zahl der Dauerkranken hat mit dem hohen Altersdurchschnitt der Berliner Lehrkräfte zu tun", begründet Laube diese Forderung. Die Altersteilzeitreglung hatte Lehrern ab 60 Jahre die Möglichkeit geboten, die Arbeitszeit bei einem Gehalt von 83 Prozent auf 50 Prozent zu reduzieren. "Davon haben ältere Kollegen Gebrauch gemacht, die sich der vollen Arbeitsbelastung nicht mehr gewachsen fühlten", so Laube.
Die Grünen fordern indes, dass der Senat Rahmenbedingungen für den Einsatz dauerkranker Lehrer schafft. "Lehrer, die nicht mehr im Unterricht eingesetzt werden können, sollen die Möglichkeit bekommen, auf freiwilliger Basis im außerunterrichtlichen Bereich der Schule tätig zu werden", sagt Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen.
Es könne nicht sein, dass es vielen so geht, wie einer 46-jährigen Grundschullehrerin, die nach langer Krankheit (Burn-out-Syndrom) im März dieses Jahres in die Frühpensionierung "geschickt" worden sei. Die Lehrerin habe sich mit der Bitte um Hilfe an ihn gewendet, so Mutlu. "Für eine Frühpensionierung fühle ich mich zu jung. Ich bin nicht arbeitsunfähig. Gibt es für einen Lehrer im Landesschulamt wirklich keine Alternative?", schrieb sie. Die Schulverwaltung habe ihr beschieden, entweder sie könne wieder als Lehrerin arbeiten oder nicht. Andere Tätigkeiten kämen nicht in Frage.
"Schulen müssen flexibler sein dürfen", fordert auch Sascha Steuer, Bildungsexperte der CDU. Lehrer, die nicht mehr vor der Klasse stehen könnten, sollten innerhalb des Schulbereichs eingesetzt werden. Dringend nötig sei überdies eine intensivere Vorsorge. "Wir brauchen ein besseres Gesundheitsmanagement für die Lehrer", so Steuer. Um Burn-out-Erkrankungen vorzubeugen, fordert der Schulexperte außerdem eine stärker praxisorientierte Lehrerausbildung. Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP, plädiert ebenfalls für mehr Flexibilität im Dienstrecht. Schulen müssten offener mit dem Problem der Burn-out-Erkrankung umgehen und gefährdete Lehrer rechtzeitig entlasten, sagt sie. Wer gesundheitliche Probleme habe, müsse für eine gewisse Zeit außerunterrichtlich arbeiten können.
"Der Vorschlag, dauerkranke Lehrkräfte für außerunterrichtliche Aufgaben einzusetzen, muss differenziert werden", sagt indes Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Wenn Lehrkräfte dauerhaft erkrankt, das heißt, arbeitsunfähig seien, dürften sie nicht arbeiten. Etwas anderes sei es jedoch, wenn Lehrkräfte ausschließlich nicht mehr unterrichten können. Diesen Anteil habe Berlin aber bislang nicht erhoben. Erfahrungen in anderen Ländern zeigten allerdings, dass es sich hierbei nur einen kleinen Teil der langfristig nicht verfügbaren Lehrkräfte handelt. Eine Arbeitsgruppe werde nun prüfen, ob alle Möglichkeiten der Beschäftigung dieses kleineren Teils ausgeschöpft seien.
Aus der Berliner Morgenpost vom 12. Oktober 2007




