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"Berlin ist unsere Heimat"

02.11.2007: Berliner Morgenpost

Kinder von Gastarbeitern erzählen auf einer Bühne über ihr Leben als Türken der zweiten Generation Von Michael Mielke

Tuna Basgerdan hat große Chancen bei Frauen. "Man muss nur warten, bis sie einen interessiert anschauen", sagt der 38-Jährige selbstbewusst, der Rest geschehe dann fast von allein. Wenig später erfährt der ungläubige Zuschauer, dass der korpulente, schwerfällig durch den Raum stapfende Basgerdan "auch ein guter Tänzer" sei und früher mal Leistungssportler war. Und dass er vielleicht sogar seine türkische Herkunft geleugnet hätte, um als Handballspieler bei den Olympischen Spielen auflaufen zu können.

Basgerdan ist einer von sechs Protagonisten, die auf einer Bühne des Theaters Hebbel am Ufer abwechselnd Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Das Stück, das heute Premiere hat, heißt "Klassentreffen - die zweite Generation". Ausgangspunkt sind Biografien türkischstämmiger Berliner, deren Eltern vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland kamen. Für ihre Kinder ist oft schon das Wort Heimat problematisch. "Wir wollen ja nicht zurück in die Türkei gehen, sondern hier leben", sagt der 38 Jahre alte Musikproduzent Ünal Yüksel. "Das sind ganz andere Voraussetzungen. Wir müssen überlegen, wie wir hier klarkommen sollen."

Produzent für türkische Sänger Alle sechs Protagonisten sind, wie es so schön heißt, assimiliert: Basgerdan, der die Türkei nur durch Urlaube kennt, hat an der Freien Universität Politologie studiert und verdient jetzt sein Geld mit einem eigenen Taxi. Yüksel, ebenfalls in Berlin geboren, arbeitet als Musikproduzent und führt den "einzigen in Deutschland ansässigen Musikverlag mit strategischer und inhaltlicher Ausrichtung auf türkisches Musikrepertoire".

Und wieder andere Erfahrungen schildert der Grünen-Politiker Özcan Mutlu, der mit fünf Jahren aus der Türkei nach Berlin kam und an der Kreuzberger Waldemarstraße aufwuchs. "Tiefstes SO 36!", sagt der 39-Jährige. Auch Jahre später sei Leuten noch sein erster Wahlslogan bekannt: "Ich bin Mutlu, Mutlu heißt glücklich." Aber es gebe eben auch diese Sprüche vor Urlaubsreisen wie: "Na, geht's in die Heimat?" Da würde er am liebsten schreien: "Berlin ist meine Heimat!"

Dieses Gefühl, nicht immer wirklich dazuzugehören, ist eines der zentralen Themen in diesen Biografien. "Ich beneide Leute, die ihr Zuhause gefunden haben", sagt die 46 Jahre alte Kommunikationsmanagerin Emel Abidin-Algan. Und auch bei der 37 Jahre alten Schauspielerin Hülya Duyar wird es deutlich: "Das Problem ist, dass die Leute denken, wenn du mit Akzent sprichst, denkst du auch mit Akzent."

Ein zweites großes Thema sind Partnerschaften. Schauspielerin Duyar erzählt von ihrem Vater, der Tag für Tag am späten Abend die Wohnung verließ, am frühen Morgen wieder kam und den Rest des Tages in einem Zimmer lag. Das zweite Zimmer musste sie sich mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter teilen. "Mein größter Traum war es, von zu Hause ausziehen, ohne verheiratet zu werden", sagt sie. Lange habe sie gebraucht, es der Mutter zu sagen: "Ich wollte sie nicht verletzen." Als sie ihren Wunsch schließlich doch vortrug, habe die Mutter keineswegs entsetzt oder verzweifelt reagiert. Sie habe gesagt: "Wenn du es nicht schaffst, dann kannst du immer zurückkommen."

Polizeikommissarin Dilek Bölükgiray, geboren und aufgewachsen in Wedding, wurde mit 16 in der Türkei verheiratet. Mit einem Mann, den sie nicht kannte. "Mein Hochzeitstag war für mich wie mein Todestag", resümiert die 32-Jährige. Sie war einige Jahre mit diesem Mann zusammen, bekam eine Tochter, ließ sich dann aber doch scheiden - gegen große Widerstände. "Er vergötterte mich", sagt sie. "Aber ich habe es nicht geschafft, ihn zu lieben." Sie hat jetzt einen anderen Partner.

Unerfüllte neue Liebe Ihren eigenen Weg suchte auch Kommunikationsmanagerin Abidin-Algan. Sie ist die Tochter des Gründers der umstrittenen islamischen Vereinigung Milli Görüs, wurde wie Kommissarin Bölükgiray von den Eltern verheiratet, bekam sechs Kinder und galt viele Jahre als konservative Vorzeigemuslimin. Vor zwei Jahren legte sie ihr Kopftuch ab. Auf der Bühne berichtet sie von einer unerfüllt gebliebenen Liebe zu einem anderen Mann und der Trennung von ihrem Ehemann, der ihr immer "ein guter Freund" gewesen sei. Er habe vernünftig reagiert. Getreu der 2. Sure des Korans: "Lebt entweder in Güte zusammen oder trennt euch in Güte." Andere jedoch hätten sie verdammt und verteufelt. Das hat sie verletzt. "Manchmal denke ich", sagt sie, "es ging mir besser, als ich die Liebe noch nicht kannte."

Klassentreffen - Die zweite Generation im Theater Hebbel am Ufer, Tempelhofer Ufer 10, vom 2. bis 6.11., jeweils 20 Uhr, Telefon 25 90 04 27

Aus der Berliner Morgenpost vom 2. November 2007

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