Von der Putzkolonne zur Polizei
05.11.2007: Erzählungen über die Lebenswirklichkeit von Migranten: "Klassentreffen - Die zweite Generation" / Berliner Zeitung
Erzählungen über die Lebenswirklichkeit von Migranten: "Klassentreffen - Die zweite Generation" im Hau 3 Michaela Schlagenwerth
Als die Schauspielerin Hülya Duyar noch ein Mädchen war, konnte sie nur jeden zweiten Tag zur Schule gehen. An dem anderen musste sie, während die Mutter bei der Arbeit war, auf den sechs Monate alten Bruder aufpassen. Jetzt steht Hülya Duyar auf der Bühne des Hau 3 und erzählt aus ihrem unwahrscheinlichen Leben. Gemeinsam mit der Kommissarin Dilek Bölükgiray, dem Grünen-Politiker Özcan Mutlu und drei weiteren Protagonisten. "Klassentreffen - die zweite Generation" heißt das Stück, das am Freitagabend Premiere hatte. Lukas Langhoff und Hülya Duyar haben es gemeinsam inszeniert.
Wie, so haben sie sich gefragt, lässt sich jenseits der ausgeleierten Bahnen über die Lebenswirklichkeit von Migranten erzählen? Aus den Gesprächen mit ihren Protagonisten habe sie kleine, sehr persönliche Miniaturen verfertigt, aus denen man tatsächlich sehr viel über deutsch-türkische Lebenswirklichkeit erfährt. Gerade weil es besondere Biografien sind, geben sie wie unter dem Vergrößerungsglas etwas von diesem Alltag wieder.
Da ist etwa Emel Abidin-Algan, die Tochter des Begründers der berüchtigten Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs: Eine unglaublich feine, vornehme und zurückhaltende Dame. In seidener Abendgarderobe erzählt sie von den islamischen Kindergärten und Schulen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann gegründet hat, von ihren sechs Kindern, und davon, wie sie sich vor einigen Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich verliebt hat. Sie ist mit diesem Mann nicht zusammen gekommen, radikal verändert hat dieses Erlebnis ihr Leben trotzdem. Sie ist nach wie vor gläubig, aber sie trägt kein Kopftuch mehr. Sie macht jetzt irischen Folkdance und Aikido. Nach ihrer Lebenswende hat Arte ein Porträt über sie gedreht, ihre Familie hatte danach Angst vor den Reaktionen fundamentalistischer Spinner. "Aber ich übersetze für mich Drohungen in das, was sie eigentlich sind, in Zeichen von Schwäche", sagt Abi-din-Algan freundlich. "Dann fürchte ich mich auch selbst nicht so."
Auch der Lebensweg der Komissarin Dilek Bölükgiray war nicht geradlinig. Hast du etwa deutsch in der Schule gelernt, fragen sie und Hülya Duyar sich gegenseitig, und antworten gleichzeitig mit einem kräftigen "Nöö!" Als Dilek Bölükgiray sechzehn Jahre alt war, wurde sie mit einem Mann aus der Türkei verheiratet und als sie zur Vorarbeiterin einer Putzkolonne wurde, schien das der Familie wie eine gelungene Karriere. Aber irgendwann hat Bölükgiray eine Werbung für die Polizistenausbildung gesehen, ein Plakat, auf dem stand: Warum nicht nach den Sternen greifen? Und sie hat sich entschieden, genau das zu tun. Es hat einiges gekostet. Aber der Tag, sagt sie, an dem sie auf dem Koran ihren Polizisteneid ablegte, und die Polizeikapelle spielte dazu, war der schönste in ihrem Leben.
Dilek Bölükgiray holt zwischendurch ihren tollpatschigen Hund Odin dazu. Wenn sie "PengPeng" sagt, macht er die "Todesrolle" und bekommt einen Keks. Sie ist eine äußerst vitale und witzige Person, und so, wie sie, ist die gesamte Inszenierung. Es gibt etwas freundliches, offenes und wohl typisch türkisches im Umgang miteinander. Hier weiß jeder sofort Bescheid, wenn Özcan Mutlu, der bildungspolitische Sprecher der Grünen erzählt, dass er noch nie seinen Geburtstag gefeiert hat. Seine Eltern wissen nicht genau, wann er geboren wurde. Zum Standesamt ging man zur Geburtsanmeldung damals, in der ländlichen Türkei, erst, wenn Zeit dazu war. Und das konnte Monate dauern.
Immer mal wieder treten die Figuren hervor und erzählen, der ebenso korpulente wie charmante Frauenheld Tuna Basgerdan oder der Musikproduzent Ünal Yüksel, dessen Karriere im Hinterzimmer des Lottoladens seines Vaters begann. Kleine Dialoge entspinnen sich. Jugendliche kommen auf einen kurzen Rap hinein oder auch alte Frauen vom Club 2. Frühling aus dem Familiengarten Kotti, die traditionelle Lieder singen. Es gibt soviel zu erzählen, es könnte ewig weitergehen, aber dann geht einfach das Licht aus.
Vorstellungen nur noch heute und morgen, jew. um 20 Uhr, im Hau 3, Tempelhofer Ufer 10, Tel.: 25 90 04 27.




