Fast 1100 Lehrer sind dauerhaft krank
14.11.2007: Berliner Morgenpost
Gewerkschaft sieht hohes Alter der Pädagogen und Belastung durch Reformen als Ursachen
Die Zahl der dauerhaft erkrankten Lehrer ist im Laufe eines Jahres sprunghaft angestiegen. Waren im November 2006 noch 721 Lehrkräfte dauerkrank gemeldet, musste die Bildungsverwaltung im Oktober dieses Jahres 1089 Dauerkranke registrieren.
Schulleiter und Bildungsfachleute sind von dieser Entwicklung nicht überrascht. "Eine der Hauptursachen ist die Überalterung der Lehrkräfte", sagte Peter Sinram, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW. Hinzu käme die zunehmende Belastung der Lehrer durch eine Vielzahl von Reformen. Entlastungen wie die Stundenermäßigung ab einem gewissen Alter oder die Möglichkeit, in Altersteilzeit zu gehen, seien hingegen weggefallen. 2001 und 2003 sei die Arbeitszeit sogar noch erhöht worden.
"Wir fordern die zusätzliche Einstellung von mindestens 200 neuen Lehrern, damit die Schulen einen Spielraum haben", sagte Özcan Mutlu, Bildungsfachmann der Grünen. Außerdem müssten schnellstens gesetzliche Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass dauerkranke Lehrer andere Aufgaben innerhalb der Schule übernehmen und damit weiterhin in der Schule tätig sein können.
"Wenn wenigstens ein Drittel der jetzt Dauerkranken anders eingesetzt werden, wären das 300 zusätzliche Lehrkräfte, die etwa Vergleichsarbeiten kontrollieren oder Rahmenpläne entwickeln und die anderen Kollegen auf diese Weise entlasten könnten", sagte Mutlu. Das fordert auch die GEW. "Dauerkranke Kollegen, die dazu bereit sind, könnten eine Vielzahl pädagogischer Aufgaben übernehmen", sagte Sinram.
"Senator Zöllner hat jetzt die Arbeitsgruppe Dauerkranke eingerichtet, die zunächst eine differenzierte Datenbasis schaffen soll", sagte Kenneth Frisse, Sprecher der Bildungsverwaltung. Auch Fragen der Prävention sollen analysiert werden. Erste Ergebnisse der Untersuchungen seien frühestens zum Jahresbeginn zu erwarten.
"Viele Kollegen sind mit einem deutlichen Burn-out-Syndrom gegangen. Ich glaube nicht, dass sie in der Lage sind, andere Aufgaben innerhalb der Schule zu übernehmen", sagte Johann Peter Bröder, Schulleiter der Sollingen Haupt- und Realschule in Marienfelde. An seiner Schule sind sechs Kollegen dauerkrank gemeldet. Lehrer mit Burn-out-Erscheinungen müssten entlastet werden, bevor sie dauerhaft ausfallen, so Bröder. Die meisten würden über ihre Probleme aber nicht sprechen, sondern irgendwann plötzlich nicht mehr da sein. "Dann ist es zu spät, etwas zu tun."
Bröder hält es für sinnvoll, dass Schulleiter seit einem Jahr mit erkrankten Kollegen nach sechs Wochen Präventionsgespräche führen müssen. "Viele Kollegen nehmen dieses Angebot aber nicht wahr", sagte er. Hinzu käme, dass die Schulleiter nur unzureichend geschult worden seien. "Derartige Gespräche müssen feinfühlig und professionell geführt werden."




