"In den ersten Wochen wird Chaos pur herrschen"
Tobias Miller
In einem Punkt sind sich die Oppositionsfraktionen in Berlin schnell einig: Das neue Schuljahr, das mit zahlreichen Reformen am Montag startet, ist überaus schlecht vorbereitet. In den ersten Wochen werde "Chaos pur" herrschen, fürchtet Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Die Reformen gingen zwar in die richtige Richtung, "aber die Umsetzung wird nicht klappen", sagt seine Kollegin von der FDP, Mieke Senftleben. Und die CDU spricht von einer "Notstandspolitik", die der SPD-PDS-Senat betreibe.
Einhellig wird von den Oppositionsparteien kritisiert, dass die Bildungsverwaltung mit den Vorbereitungen für das neue Schuljahr zu spät begonnen habe. Es sei "völlig unverständlich", warum die Verwaltung plötzlich in den Ferien noch viele Lehrer einstellen musste, sagte die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Katrin Schultze-Berndt. Spätestens seit Jahresbeginn sei bekannt, wie viele Kinder unterrichtet werden - "und damit auch, wie viele Lehrer gebraucht werden." Bei den schnellen Einstellungen sei auch nur auf Quantität und nicht auf Qualität geachtet worden, sagte Gerhard Schmid, Vorsitzender des CDU-Schulforums und Oberschulrat in Friedrichshain-Kreuzberg. Und das versprochene Mitspracherecht der Schulleiter bei Einstellungen sei bei dem Schnellschuss auch nicht beachtet worden, sagte Senftleben. "Die Eigenständigkeit der Schulen steht mal wieder nur auf dem Papier." Schmid kritisierte, dass nur Grundschullehrer für die so genannten Mangelfächer wie Musik und Mathematik eingestellt wurden. Angesichts der mangelnden Deutschkenntnisse vieler Schüler hätte man aber gerade an den Grundschulen auch Deutschlehrer gebraucht. "Das notwendige Personal ist nicht da", trotz der Einstellungen, urteilt Mutlu. Die vorhandenen Lehrer hätte man durch Fortbildungen besser auf die neuen Anforderungen vorbereiten müssen. In den ersten Klassen werden wegen des um ein halbes Jahr vorgezogenen Einschulungsalters Kinder zwischen fünfeinhalb und sieben Jahren sitzen. Es gibt keine Zurückstellungen mehr - was die CDU scharf kritisiert - und auch lernbehinderte Kinder kommen in die Regelklassen. Diese Heterogenität werde die Lehrer überfordern, sagte Schultze-Berndt.
"Es ist fatal, dass die Vorklassen abgeschafft wurden", sagte Senftleben. Diese hätten vielmehr zu einer "Startklasse" verpflichtend für alle Kinder ausgebaut werden müssen, vor allem wegen der mangelnden Sprachkenntnisse der Migrantenkinder. Die FDP-Expertin fordert auch, dass der Erfolg der Deutschkurse, die im vergangenen Schulhalbjahr angeboten wurden, jetzt sofort gemessen wird.
Die Bildungsexperten der Opposition erwarten vor allem ein Durcheinander bei der Hortbetreuung durch die Schulen. "Es gibt viele Schulen, die wissen immer noch nicht, mit welchen Erziehern sie zusammenarbeiten", sagte Mutlu. Angesichts der Probleme wäre es besser gewesen, die Reformen um ein Jahr zu verschieben und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen




