Lehrer lehnen Schulreform ab
20.12.2007: Berliner Zeitung
Skepsis gegenüber altersgemischten Klassen
Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) erhält in diesen Tag viel Post: Aus mehreren Bezirken treffen Protestbriefe von Eltern, Lehrern und Gewerkschaftsvertretern ein, die sich gegen den verpflichtenden gemeinsamen Unterricht der ersten beiden Jahrgänge an den Grundschulen wehren. Das sogenannte Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) soll im kommenden Jahr, ab dem Schuljahr 2008 / 2009 verbindlich an allen 450 Grundschulen in Berlin eingeführt werden.
Doch die Probleme sind groß. Die Schulen klagen über fehlendes Personal und unzureichende Räumlichkeiten. Beim JüL werden die Schüler der ersten und zweiten Klasse zusammen unterrichtet. Nach einem Jahr wechseln die Zweitklässler in die dritte Klasse. Ihre Plätze werden mit neuen Erstklässlern aufgefüllt. Zweitklässler, die den Stoff noch nicht beherrschen, bleiben in der Klasse. So werden letztlich Fünfeinhalbjährige gemeinsam mit Siebeneinhalbjährigen in einer Gruppe unterrichtet.
"Das altersgemischte Lernen ist eine gute Methode, aber nur an Schulen, wo es genügend Lehrer und Räume gibt", sagt die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben. Gerade in sozial belasteten Bezirken gebe es große Probleme. So stellte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) jetzt in einer Umfrage unter den Grundschulen in Neukölln fest, dass 28 von 31 Grundschulen gegen die verpflichtende Einführung der Jahrgangsmischung sind. Acht Neuköllner Grundschulen beteiligten sich nicht an der Umfrage. Das Problem auch dort: zu wenig Räume, fehlende Lehrer und schwierige Schulanfänger, die kaum Deutsch sprechen oder zuvor keine Kita besucht haben und deshalb Gruppenarbeit nicht gewohnt sind.
CDU, FDP und Grüne plädieren dafür, das Modell nur auf freiwilliger Basis einzuführen. Noch immer seien nicht alle Lehrer fortgebildet, kritisierte der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu. Der CDU-Abgeordnete Sascha Steuer hat inzwischen alle Grundschulen angeschrieben und um eine Stellungnahme zum JüL gebeten. Anfang des Jahres will die Opposition das Thema im Bildungsausschuss erneut diskutieren.
Bildungssenator Zöllner hält an der verbindlichen Einführung zum Schuljahr 2008 / 2009 fest. Der jahrgangsübergreifende Unterricht sei gerade für die Schulanfänger die bessere Unterrichtsform, so Zöllner.
Berliner Zeitung, 20.12.2007




