Aufstand der Mustermuslime
31.12.2007: Die Zeit
Von Lenz Jacobsen
Rund 20.000 Aleviten demonstrierten in Köln gegen eine vermeintlich beleidigende "Tatort"-Folge. Was auf den ersten Blick nach religiösem Fanatismus aussieht, ist in Wahrheit ein Lehrstück über die Schwierigkeiten des multikulturellen Dialogs
Drinnen, im altehrwürdigen Kölner Dom, ging gerade die sonntägliche Heilige katholische Messe zu Ende, als draußen auf dem riesigen, verregneten Domvorplatz eine ganz besondere, eine muslimische Großkundgebung begann. Rund 20.000 Aleviten hatten sich zu der kurzfristig anberaumten Veranstaltung versammelt, um gegen die umstrittene Tatort-Folge Wem Ehre gebührt vom vergangenen Sonntag zu demonstrieren. Die Glaubensgemeinschaft, die in Deutschland fast 700.000 Mitglieder zählt, ist wütend auf die ARD, weil sie sich diskriminiert und beleidigt sieht. Sie ist so wütend, dass sie schon Strafanzeige wegen Volksverhetzung eingerecht hat. Und so wütend, dass Außenminister Steinmeier sich schon genötigt sah, zur Ruhe aufzurufen. Doch die wird es so schnell wohl nicht geben. "Wir werden nicht länger schweigen" und "Es reicht" skandieren die Demonstranten. Auf Transparenten preisen sie die eigene Ehre, einer hat sich aus Pappe einen zerstörten Fernseher mit ARD-Schriftzug gebastelt und auf den Kopf gesetzt. Aus ganz Deutschland, teilweise sogar aus den Niederlanden und Frankreich, sind die Teilnehmer angereist.
Warum die ganze Aufregung? Was ist passiert, dass eine Muslimische Strömung, die eigentlich als liberal gilt, sich so echauffiert? Nicht viel, könnte man meinen. Der für die Aufregung verantwortliche Teil des Tatort-Plots ist schnell erzählt. In der Folge geht es um einen Inzest-Fall in einer alevetischen Familie. Die Tochter ist von ihrem eigenen Vater schwanger, sie flüchtet sich zur Kommissarin (Maria Furtwängler), am Ende muss sie trotzdem sterben. Die Geschichte ist behutsam erzählt, die Charaktere sind vielschichtig, ihre Motive ambivalent. Es ist eigentlich eine ambitionierte, eine gute Tatort-Folge, darin waren sich alle Kritiker einig. Soweit, so harmlos. Richtig brisant wird die Story erst vor dem Hintergrund der alevitischen Geschichte. Die Aleviten sind eine muslimische Glaubensgemeinschaft, die über Jahrhunderte von Sunniten im Gebiet des osmanischen Reiches, der heutigen Türkei, verfolgt, vertrieben und diskriminiert wurde. Eines der zentralen anti-alevitischen Vorurteile war dabei, dass in ihren Familien Inzest herrsche. Die Unterstellung einer inzestuösen Kultur ist quasi das historische Stigma der Aleviten.
Das erklärt die auf den ersten Blick übertrieben wirkende Sensibilität der Aleviten. Hinzu kommt, dass in dem Tatort die schwangere Tochter nicht nur aus dem Haus ihrer Familie verschwindet, sondern auch vom alevitischen Glauben in einen strengeren Islam wechselt. Als Symbol dafür trägt sie das Kopftuch, was unter Aleviten gänzlich unüblich ist. Eine junge alevitische Frau, die sich wegen eines Inzestfalls in den orthodoxeren sunnitischen Islam flüchtet - das ist in den Augen der Aleviten die lupenreine Nacherzählung eines sunnitischen Propagandamärchens, "Schleichwerbung für den orthodoxen Islam".
Dass das Zufall gewesen sein soll, glaubt keiner der Aleviten, die in Köln demonstrieren. Auch nicht Cengiz Yildiz. Er steht mit seiner Tochter vor dem Kölner Dom und reckt ein Schild in die Höhe, auf dem steht: "Unsere Geduld ist am Ende!" Er vermutet sunnitische Einflüsterer, "wahrscheinlich türkische Politiker", hinter der Tatort-Folge. "Wer weiß, was da für Geld geflossen ist", sagt er und guckt ein wenig verschwörerisch.
Die Offiziellen, wie Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, drücken sich etwas diplomatischer aus: Man erwarte vom NDR und der Regisseurin zu erfahren, "ob islamistische Organisationen oder sunnitische Moslems bei der Entstehung und Finanzierung dieser Folge eine Rolle gespielt haben". Außerdem möchte man eine offizielle Entschuldigung der Senderverantwortlichen, am liebsten im Fernsehen.
Die werden sie wohl nicht bekommen. NDR-Programmdirektor Volker Herres übte sich zwar in Beschwichtigungsrhetorik: "Wir nehmen die Kritik der alevitischen Gemeinden ernst", sagte er. Was die Folge Wem Ehre gebührt ausgelöst habe, sei "in keiner Weise intendiert" gewesen oder aus dem Inhalt des Films abzuleiten. Wenn sich Mitglieder der alevitischen Glaubensrichtung diffamiert fühlten, bedaure er dies. Unangemessen reagieren sollten sie aber auch nicht. Man könne sich gerne an einen Tisch setzen. Weniger abgeklärt zeigt sich die Drehbuchautorin und Regisseurin des umstrittenen Fernsehfilms, Angelina Maccarone. Sie findet die Aufregung "einen ziemlichen Hammer" und beteuert, nichts von der Bedeutung des Inzest-Stigmas in der alevitischen Geschichte gewusst zu haben. Eine Menge Aufregung also. Doch wer diesen Streit nur als erneuten Konflikt zwischen Kunstfreiheit und religiöser Sensibilität versteht, wer ihn quasi als Miniaturausgabe des Karikaturenstreits abtut, verkennt Wesentliches.
Hier geht es nicht um leicht erregbare, orthodoxe Muslime. Die Gruppe, die hier demonstriert, vertritt die vielleicht liberalste Strömung des Islams. Aleviten sind die Lieblinge der Integrationspolitiker, sie sind aus europäischer Sicht sozusagen die Mustermuslime. Auf den Schildern der Kundgebung ist nichts zu lesen vom teuflischen Westen, kein drohendes oder feindseliges Wort ist zu hören. Stattdessen zitieren sie das Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Und fast jeder der etlichen Redner auf der gut organisierten Kundgebung beginnt seinen Beitrag mit geradezu euphorischen Bekenntnissen zu Meinungs- Kunst- und Pressefreiheit.
Hier kämpft nicht eine aggressive Religionsgruppierung gegen die Mehrheitsgesellschaft, hier kämpft eine weitgehend integrierte Bevölkerungsgruppe gegen Vorurteile. Ihre Maximalforderung ist eine offizielle Entschuldigung. Das mag man unangemessen finden, mit einem Kampf der Kulturen, religiösem Fanatismus oder brennenden (ARD-)Fahnen hat das nichts zu tun. Ob es nun eine Entschuldigung für die Tatort-Folge geben wird oder nicht, diese Demonstration und der ganze "Tatort-Konflikt" ist beispielhaft für die Fallstricke und Sensibilitäten in einer multikulturellen Gesellschaft - und gar nicht mal ein schlechtes. Es gibt wahrlich Schlimmeres als eine Gruppe europäisierter Muslime, die auf die Straße geht, um für eine liberales Bild ihrer Religion zu kämpfen.




