Schmelztiegel der Ängste
19.01.2008: Süddeutsche Zeitung - Ein Kommentar von Nicolas Richter
Die U-Bahn-Überfälle haben es wieder gezeigt: Wenn Muslime auffällig werden, trübt sich im Westen schnell der Verstand. Es wird Zeit, dass sich eine muslimische Elite herausbildet, die in der deutschen Politik an Einfluss gewinnt.
Die destruktive Wucht der neuen Ausländerdiskussion lässt sich leicht erklären: Da ist der Schock über die Bilder aus der U-Bahn, wo unter anderem ein Türke einen alten deutschen Mann misshandelt. Politisch ausgebeutet wird das Verbrechen von Roland Koch und Münchens CSU, beide sind im Wahlkampf. Sie benutzen ein verbreitetes Gefühl, wonach Ausländer überdurchschnittlich gefährlich sind, und zwar vor allem die muslimischen. Die Bilder von München wären der Union weniger nützlich gewesen, wenn zwei Deutsche auf einen Deutschen eingeprügelt hätten, oder zwei Deutsche auf einen Türken. Neonazis und Hooligans kommen in der Debatte erwartungsgemäß überhaupt nicht vor. Wenn Muslime auffällig werden, trübt sich im Westen schnell der Verstand. Die einen suggerieren, dass Europa in einigen Jahrzehnten vom Maghreb einverleibt wird; andere glauben, dass es einen Kampf zwischen Islam und dem Westen gibt, der sich in Europa entscheiden wird. Mitunter vermengen sich sogar Islam, Terror und U-Bahn-Schläger in einem Schmelztiegel der Ängste zu einer grünlich-giftigen Brühe: So streiten Feuilletonisten jetzt darüber, ob Kriminelle und Islamisten eine Allianz eingehen, die dem Nationalsozialismus ähnelt.
Geschichtliche Parallelen abwegig
Die geschichtliche Parallele ist so abwegig wie die Vermutung, dass Radikale und Schläger gemeinsame Sache gegen den Westen oder gegen uns machen. In Frankreichs notorischen Beton-Ghettos sind es nicht die Religiösen, die Autos anzünden, sondern Verbrecher, die so wenig gebildet wie gläubig sind. Das widerlegt die Vermutung, Islamisten hätten in den Vorstädten die Macht ergriffen. Imame können die Randalierer so wenig zähmen wie die Polizei. Die Motive sind auch verschieden: Die Islamisten kämpfen gegen die Gesellschaft und deren "Dekadenz". Hingegen sind viele der Kriminellen frustriert darüber, dass sie an der Glitzerwelt nicht teilhaben können. Sie klauen Statussymbole oder prügeln die Vertreter des Staates aus ihrem Revier. Auch in der Terrordebatte gerät vieles durcheinander. Al-Qaida ist längst zum Synonym für eine angebliche muslimische Weltbedrohung geworden. Die Massenmorde lassen aber oft vergessen, dass der Islam nicht nach der Weltherrschaft greift und dass die Qaidisten sich zwar ein Kalifat wünschen, es aber nicht erkämpfen können: Sie bewegen halt nicht die Massen. Für den Westen ist al-Qaida ein Sicherheits-, kein Strategieproblem. Der Islamkenner Olivier Roy hat den Terror als "pathologische Konsequenz der Globalisierung der muslimischen Welt" beschrieben. Hinter ihm steht weder ein Feldherr mit einem Territorium, noch ein Mastermind, der an allen Fäden zieht. Deswegen kann man auch keinen "Krieg gegen den Terror" führen. Wie irrational die Angst vor "den Muslimen" ist, lässt sich allerdings am besten an Beispielen illustrieren, die mit Gewalt gar nichts zu tun haben. In Deutschland wird inzwischen jeder Bau einer größeren Moschee zum Politikum. Es ist aussichtslos, die Gegner davon zu überzeugen, dass Muslime besser ein modernes, repräsentatives Gebetshaus aufsuchen als die üblichen Keller oder Hinterhöfe. Die Kritiker stört es ja gerade, dass die Moschee etwas darstellt - als erobere der Türke damit deutschen Boden.
Hysterische Kampagne der Union gegen die doppelte Staatsbürgerschaft
Noch hysterischer war 1999 die Kampagne der Union gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, auch damals besonders skrupellos geführt von der CSU und der Koch-CDU. Kein Deutscher hätte darunter gelitten, dass Türken zwei Pässe besitzen. Doch an den Ständen, an denen die CSU Unterschriften sammelte, drängten sich Bürger, die schlicht gegen Türken unterschreiben wollten. Wohlgemerkt: Es ist für viele Deutsche schwer, die Veränderung ihrer Gesellschaft zu akzeptieren, plötzlich Tür an Tür mit einer anderen Kultur zu leben, und sei es nur neben Familien mit vielen, lauten Kindern. Aber die schlimmsten Tiraden gegen Ausländer waren damals gerade in jenen besseren Wohngebieten zu hören, in denen kaum ein Türke zu sehen war. Viele Unterzeichner eigneten sich die Haltung der CSU-Spitze an: Danach würden die Türken "das Hausrecht ändern", also als Deutsche Parteien gründen und dann Deutschland regieren. Auch wenn das zahlenmäßig noch so abwegig ist: Etliche Deutsche fürchteten damals den Verlust der Kontrolle. Sie vermuteten, dass Türken deutsche Schicksale bestimmen würden, ohne zuvor das Türkische oder Muslimische abgelegt zu haben. Diese Panik vor muslimischer Macht lässt sich mit dem U-Bahn-Film maßlos verstärken. "Damit Sie nicht der Nächste sind", der CSU-Spruch, suggeriert dem Deutschen, dass er immer und überall ausländischen Verbrechern ausgeliefert sei. Das erklärt auch, warum sich die Union so auf das Jugendstrafrecht einschießt: Schärfere Gesetze wecken die Illusion, dass der Staat rasch die Kontrolle zurückgewinnt. Über eine effizientere Justiz, über Bildung und Arbeit dagegen wird kaum geredet. Ebenso wenig darüber, dass Muslime immer wieder Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt sind - in Frankreich vermutlich noch mehr als in Deutschland.
Auseinandersetzungen drehen sich meist um Rolle der Frau
Wenn es in Europa eine zentrale Auseinandersetzung zwischen Muslimen und den Eingesessenen gibt, dann dreht sie sich weniger um Terror und Kriminalität als vielmehr um die Rolle der Frau. Auch hier beschränkt sich nicht alles auf Kopftuch oder häusliche Gewalt. Würde sich die Union ernsthaft damit auseinandersetzen, dann könnte sie erkennen, dass katholische Konservative und religiöse Muslime mehr gemeinsame Werte und Vorstellungen über Familie und die Rolle der Frau besitzen als sie vermuten. Es ist wichtig, dass sich eine muslimische Elite herausbildet, die in der deutschen Politik an Einfluss gewinnt. Sie würde eine Debatte bereichern, in der Deutschlands Rechte und Linke nach den stets gleichen Mustern über Muslime debattieren. Wie sich an Frankreich aber zeigt, haben Aufsteiger bisher kein leichtes Spiel, wenn sie das Religiöse zu sehr betonen. Der Vorstadt-Prediger und Oxford-Gelehrte Tariq Ramadan versucht seit Jahren, zwischen strengem Islam und westlicher Moderne zu vermitteln, er befürwortet zwar das Kopftuch, will aber keine Frau dazu zwingen; er fordert politisches Engagement, lehnt aber jede Gewalt ab. Gleichwohl erscheinen Bücher über Bücher, die ihn als äußerst gefährlichen Schein-Demokraten darstellen. Er ist kein Islamist, aber Konservative verachten ihn ebenso wie Feministinnen oder linke Laizisten. Gerade sie ertragen es nicht, dass einer sehr religiös ist, zugleich aber weltmännisch und integriert. Vielleicht verstört er gerade deswegen, weil die üblichen Schablonen (Hassprediger, Islamist) nicht zu ihm passen. Gemessen an den vielen Pauschalurteilen, die über sie gefällt werden, sind Europas Muslime sehr beherrscht. Es gibt unter ihnen Schläger und Terroristen, der Staat muss sich darum kümmern und klare Grenzen ziehen.
Es gibt auch eine überwältigende Mehrheit unter den Muslimen: Im Stillen erträgt sie viele der Zumutungen, die ihr in der neuen oder nicht mehr so neuen Heimat begegnen.




