Bildungsforscher kritisiert sechsjährige Grundschule
10.04.2008: Berliner Zeitung
Studie der Humboldt-Uni: Begabte Schüler lernen weniger, wenn sie nach der vierten Klasse nicht an die Oberschule wechseln Tobias Miller
Leistungsstarke Schüler werden in den fünften und sechsten Klassen an Gymnasien besser gefördert als an Grundschulen. Dieses Ergebnis zeichnet sich in der Berliner Langzeitstudie mit dem Titel "Element" ab. Derzeit sitzt Rainer Lehmann, Bildungsforscher an der Humboldt-Universität, an der Schlussfassung der Studie. Die Erkenntnis, dass besonders begabte Schüler an Gymnasien besser aufgehoben sind als an Grundschulen, hatte sich bereits bei einem Zwischenbericht der Studie vor zwei Jahren abgezeichnet. "Das hat sich bestätigt", sagte Lehmann.
Die Studie war 2003 vom damaligen Bildungssenator Klaus Böger (SPD) in Auftrag gegeben worden. Über mehrere Jahre hinweg sollten die Lernzuwächse beim Lesen und im Fach Mathematik der Fünft- und Sechstklässler an Grundschulen und Gymnasien untersucht werden. 69 Grundschulen und 31 Gymnasien wurden dafür repräsentativ ausgewählt. Insgesamt haben bislang rund 4 700 Schüler teilgenommen. Die Sorge vieler Eltern, dass ihre Kinder an den Grundschulen nicht so gut gefördert werden, scheint sich nun zu bestätigen.
Die durchschnittlichen Lernzuwächse, gemessen an den jeweiligen Kenntnissen und Fähigkeiten der Schüler zu Beginn eines Schuljahres, sind nach den Worten Lehmanns zwar gleich. Allerdings habe es sich gezeigt, dass besonders die begabten Schüler an den Gymnasien größere Lernzuwächse vorweisen. Details wollte der Professor erst nennen, wenn die Studie komplett an die Senatsbildungsverwaltung übergeben wurde.
Damit leistungsstarke Schüler auch an den regulären sechsjährigen Berliner Grundschulen besser gefördert werden, sei eine "differenzierte Förderung" nötig, sagte Lehmann. Ausdrücklich meint er damit auch eine Differenzierung in verschiedenen, nach Leistung gegliederten Lerngruppen. Die Forderung nach "Binnendifferenzierung", bei der der Lernstoff in einem Klassenzimmer für jeden Schüler individuell gestaltet wird, hält er für unzureichend. "Man muss vielmehr fragen: Welche Zusatzangebote sind sinnvoll", sagte er. In den Schulen müsse schneller auf die Bedürfnisse der Schüler reagiert werden. "Das setzt aber voraus, dass die Autonomie des Lehrers ersetzt wird durch das Kollegialitätsprinzip und gemeinsam überlegt wird, was braucht der Schüler." Den derzeitigen Weg in der Berliner Bildungspolitik, "die Heterogenität in den Klassen massiv zu erhöhen", hält er für "völlig falsch". Die altersgemischten Klassen zu Beginn der Grundschule in den Klassen eins und zwei hält er für problematisch. In der Senatsverwaltung wollte man zu der Untersuchung noch nichts sagen. "Die Studie liegt uns noch nicht vor", sagte Verwaltungssprecher Kenneth Frisse.
Die Studie dürfe nicht dazu führen, die sechsjährige Grundschule infrage zu stellen, sagte Özcan Mutlu von den Grünen. Die Lehrer müssten besser ausgebildet werden. Sascha Steuer (CDU) und Mieke Senftleben (FDP) verlangten dagegen, so viele Plätze ab Klasse fünf an Gymnasien anzubieten, wie Eltern sie nachfragen. Diese Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren von knapp 2 000 auf jetzt 3 900 gestiegen. An 36 von knapp 100 öffentlichen Gymnasien gibt es die Möglichkeit, mit der fünften Klasse zu starten. 13 Schulen gehören zu dem Schulversuch, in dem das Abitur in elf Jahren abgelegt werden kann. Die anderen sind meist altsprachliche Gymnasien.




