WillkommenHosgeldinizWelcomeBienvenue LinksNewsletter-AboMeine TermineSitemapSucheRSS-Feed einbindenImpressum
Presse
Themen
Dokumente
Persönliches
English
Türkçe
Kontakt
Startseite

Eckpunkte Grüner Bildungspolitik

01.08.2003: Beschluss der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin: "Gemeinsam lernen - individuell fördern!"

Gemeinsam lernen - individuell fördern! Eckpunkte grüner Bildungspolitik

I Einleitung

Bildung und Wissenschaft gehören zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben. Junge Menschen werden für ihre Lebensbewältigung andere und auch neue Kompetenzen brauchen als bisher. Sie werden in ihren beruflichen Biografien mit Unsicherheit umgehen müssen, sich auf Wechsel der Berufstätigkeit einstellen und neue Qualifikationen erwerben. Wissen ist die entscheidende Ressource für die Befähigung jedes Einzelnen zu kompetentem, also auch nachhaltigem Handeln. Diese Ressource muss lebenslang erneuert werden.

Das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei der OECD-PISA-Vergleichsstudie hat grundlegende Defizite unseres Bildungssystems offen gelegt. Die Leistungen der deutschen SchülerInnen liegen deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Etwa ein Viertel der Jugendlichen erreichen mit ihrer schulischen Allgemeinbildung nicht einmal mehr die Mindestanforderungen, die bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz erforderlich sind.

Am erschreckendsten ist, dass in kaum einem anderen vergleichbaren Land ein so deutlicher Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und ihrer sozialen Herkunft besteht. Unser Schulsystem schreibt offensichtlich sowohl mangelnde Sprachkompetenz in Migrationsfamilien als auch die unterschiedlichen Einkommens- und Bildungshintergründe der Elternhäuser bei den Kindern fort. Aufschrecken muss auch, dass unser System der Aus-sonderung weder die Schwachen fördert noch zu guten Leistungen bei den Leistungsstärkeren führt. Damit räumt PISA auch mit zahlreichen Vorurteilen gerade konservativer deutscher Bildungspolitik gründlich auf. Unsere zahlreichen, teuren Auslese- und Selektionsinstrumente gehören auf den Prüfstand.

Auch die Ergebnisse der aktuellen internationalen Lesestudie in der Grundschule (IGLU) sprechen eine deutliche Sprache. Offenbar ist die Grundschule, in der alle Kinder gemeinsam lernen, besser in der Lage, mit Heterogenität umzugehen und die Bildungspotentiale der Kinder zu fördern. Zum Ende der vierten Klasse erreichen die deutschen SchülerInnen im internationalen Vergleich ein Kompetenzniveau im oberen Drittel. Der Anteil der "Risikokinder" ist am Ende der Grundschulzeit gering. Dass diese Bildungspotentiale in der Sekundarstufe I verkümmern, ist für uns ein Alarmsignal und Ausgangspunkt für zukünftiges Handeln.

Schule muss die Individualität aller SchülerInnen akzeptieren. Die Lern- und Leistungsbereitschaft begabter und hochbegabter Kinder ist genauso zu fördern, wie die gemeinsame Erziehung von SchülerInnen mit und ohne Behinderung selbstverständliche Bildungsaufgabe der allgemeinbildenden Schule ist. Unverzichtbar ist eine qualifizierte Auseinandersetzung um Bildungsinhalte und Organisationsstrukturen sowie die Bereitschaft, die erforderlichen finanziellen Mittel bereitzustellen. Nur wenn Eltern, Kindertagesstätten und Schulen, Träger von Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände, Ausbildungs- und Wirtschaftsbetriebe und die Verantwortlichen der öffentlichen Hand gemeinsam an einem Strang ziehen, werden Kinder und Jugendliche ihre Leistungspotentiale tatsächlich ausschöpfen können.

Kinder brauchen auch eine interkulturelle Bildung, die demokratische Gemeinsamkeiten ebenso betont wie sie kulturelle Vielfalt als Bereicherung begreift und erfahrbar macht. Zur Sicherstellung gleicher Chancen für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund müssen entsprechende Rahmenbedingungen im Bildungssystem geschaffen werden. In einer globalisierten Welt sind die Bildungsziele des Schulgesetzes - "... verantwortlich am sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen und die Zukunft der Gesellschaft mitzuformen" - neu mit Inhalten zu füllen. Das Konzept des globalen Lernens muss daher neben der interkulturellen Bildung zu einem bestimmenden Unterrichtsprinzip werden. Hierzu sind weitreichende Reformen in der Lehrerbildung und bei Rahmenplänen unabdingbar.

Autonomie der Schule ist ein Zentralbegriff für Bündnis 90/Die Grünen. Wir wollen die Demokratisierung und gleichzeitig die Verantwortung in den Schulen weiter voran bringen. Veränderungen im Sinne von qualitativer Verbesserung der Schulen können nur dann wirksam werden und bleiben, wenn sie von den Beteiligten vor Ort, den LehrerInnen und anderen Beschäftigten, den SchülerInnen und den Eltern, zumindest mit getragen, besser noch selbst initiiert werden. Eine gute Schule ist dadurch charakterisiert, dass sich die Beteiligten mit ihr identifizieren, sie als ihr eigenes Werk ansehen.

Qualitätssicherung und Autonomie sind zwei sich bedingende und ergänzende Faktoren. Regelmäßige Qualitätsuntersuchungen zum Schulsystem müssen ergänzt werden durch den Ausbau der Schul- und Unterrichtsforschung. Wir erwarten von der Schul- und Unterrichtsforschung, dass sie über die Ursachen des Gelingens und Misslingens von Lernprozessen, über Mängel des Gesamt- und des Einzelsystems, über Stärken und Schwächen in der Unterrichtspraxis, über die Förderung und Behinderung von Lernen und Lernprozessen in der Schule zukünftig mehr und brauchbarere Informationen und Erkenntnisse liefert. Um Qualitätsverbesserung als Aufgabe tatsächlich annehmen und Verantwortung dafür übernehmen zu können, braucht es auch eindeutig formulierte Gestaltungsoptionen für Schulen.

Die finanziellen Prioritäten im Bildungswesen sind in Deutschland falsch gesetzt. Dies lässt sich z.B. am unterschiedlichen Niveau von Qualifikation und Bezahlung von z.B. ErzieherInnen und LehrerInnen ablesen. Und Gymnasien werden noch immer ungleich besser ausgestattet als Grundschulen. PISA und auch die aktuellen Bärenstark-Studie haben aber deutlich gemacht, wie wichtig es ist, gerade zu Beginn der Bildungskarriere - in Kita und Grundschule - die notwendigen Grundpfeiler für ein erfolgreiches lebenslanges Lernen zu setzen. Was dort versäumt wird, kann später nicht mehr aufgeholt werden.

II Handlungsfelder - 10 Punkte für eine bessere Bildung

Vorschulische Bildung

a) Bildungsqualität Die Kindertagesstätten sollen zu qualifizierten familienergänzenden und -unterstützenden Bildungs- und Erziehungseinrichtungen weiter entwickelt werden. In den Kitas müssen die Kinder stärker als bisher durch eine anregende Lernumgebung und gezielte Angebote in ihrer motorischen, musischen, kognitiven und sozialen Entwicklung gefördert werden. Die begonnene "Qualitätsinitiative" muss fortgeführt und ausgeweitet werden.

Bildungsziele und ein Bildungsprogramm für die Kitas - und zwar für Krippe und Kindergarten - sind endlich einzuführen. Sie sollen beschreiben, was Kinder bis zum Eintritt in die Schule im Spiel und in der Auseinandersetzung mit anderen erfahren, ausprobiert und dabei gelernt haben sollten. Die Sprachförderung ist zu intensivieren, vor allem die Unterstützung der Kinder nicht-deutscher Herkunftssprache beim frühzeitigen Erwerb der deutschen Sprache. Der Förderbedarf, insbesondere sprachliche Probleme, aller Kinder ab drei Jahren muss zukünftig festgestellt und individuelle Förderprogramme für Kinder mit Defiziten entwickelt werden.

Das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung wird in enger Kooperation mit den Grundschulen als "Bildungsjahr für Kinder" gestaltet. In diesem Jahr wird der Übergang auf die Schule gezielt vorbereitet. In einer Mischung aus freien Aktivitäten und gezielten Lerneinheiten soll die kindliche Neugier unterstützt, ein altersangemessenes Lernen gefördert und Entwicklungsrückstände ausgeglichen werden.

b) Aus- und Fortbildung der ErzieherInnen Die in Deutschland praktizierte Ausbildung der ErzieherInnen auf Fachschulniveau wird den gestiegenen Anforderungen und der Bedeutung der Elementarerziehung als Fundament für die weitere Bildungsentwicklung der Kinder nicht gerecht. In allen anderen europäischen Ländern - außer Österreich - werden ErzieherInnen mindestens auf Fachhochschulniveau ausgebildet. Zur Verbesserung der Qualifikation der ErzieherInnen unterstützen wir die vom Senat mit seiner Reform der ErzieherInnenausbildung geplante Anhebung der Eingangsvoraussetzungen auf Fachhochschul- bzw. Hochschulberechtigung und die Umstellung auf eine einphasige Ausbildung (Integration von Theorie und Praxis). Für die Praktika muss eine qualifizierte Anleitung gesichert werden - durch Fortbildung sowie zeitweise Freistellung der jeweiligen AnleiterInnen.

Ohne fachliche Anleitung, Beratung und Fortbildung des pädagogischen Personals können die Kindertagesstätten den gestiegenen Anforderungen an ihren Bildungsauftrag nicht gerecht werden. Das Fachpersonal muss besser darauf vorbereitet werden, die frühen Bildungsprozesse von Kindern zu erkennen und zu fördern. Sie müssen insbesondere in Methoden interkulturellen Lernens, der Sprachförderung sowie der Eltern- und Gemeinwesenarbeit qualifiziert werden. Das Land kann die Qualitätsentwicklung der Kitas vor allem durch gezielte verpflichtende Fort- und Weiterbildungsangebote für die ErzieherInnen und die LeiterInnen der Kitas unterstützen.

Übergang von der Kita in die Grundschule

Kinder werden in Deutschland im Durchschnitt erst mit knapp 7 Jahren - und damit sehr spät - eingeschult. Trotz der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten bei Schuleintritt dominiert in den meisten Grundschulen noch immer eine am "Normalschüler" orientierte Unterrichtspraxis. Reformpädagogische Konzepte werden bisher nur in einem kleinen Teil der Schulen konsequent praktiziert. Im internationalen Vergleich ist die deutsche Grundschule zudem materiell und personell unterausgestattet.

Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule soll früher erfolgen, die Schuleingangsphase flexibler und individueller gestaltet werden. Alle Kinder werden mit Beginn der Schulpflicht (jetzt 6 Jahre 3 Monate, geplant 5 Jahre 6 Monate) eingeschult, es gibt keine Zurückstellungen mehr. Die Klassen 1 und 2 werden als flexible Schuleingangsstufe gestaltet. Die Kinder können die Schuleingangsphase je nach Lernfortschritt und Entwicklung in ein, zwei oder drei Jahren durchlaufen. Ein evtl. drittes Jahr wird nicht auf die Schulzeit angerechnet. In dieser Phase werden Didaktik und Methodik der Vorklassen - insbesondere zur Förderung der jetzt noch zurückgestellten "nicht schulreifen" Kinder - integriert; die Erfahrungen und Kompetenzen der Vorklassenleiter/innen sind hierfür unverzichtbar.

Der Unterricht muss vom Grundsatz der individuellen Förderung bestimmt sein und sich an den Lerngeschwindigkeiten und Lernweisen der Kinder orientieren. Um eine pädagogische Veränderung und eine kindgerechte Rhythmisierung des Schulalltags mit Lern- Spiel-, Muße- und Lesephasen zu ermöglichen, muss die in der Schule verbrachte Zeit verlängert und verstetigt werden. Dies gelingt nur mit der Einführung von verlässlichen Halbtagsgrundschulen bzw. Ganztagsgrundschulen. Dazu gehören die entsprechenden administrativen, personellen und räumlichen Voraussetzungen (siehe Punkte: Autonomie, Heterogenität, Lehrerbildung, ganztägig geöffnete Schule), die auch materielle und finanziell abgesichert werden müssen.

Ganztägig geöffnete Schule

Unzuverlässige Zeiten von Schule, die Begrenzung der Schule auf den Vormittag, fehlende Angebote für Frühstück und Mittagessen, die Arbeitsteilung von Schulunterricht und Hausaufgaben sowie außerschulische, privat finanzierte Nachhilfe in großem Umfang haben im deutschen Schulsystem Tradition. Sowohl aus sozial-, frauen- und arbeitsmarktpolitischen Gründen (Vereinbarkeit von Beruf und Familie), vor allem aber aus pädagogischer Sicht muss die bisherige "unzuverlässige Halbtagsschule" zu einer verlässlichen Schule werden, mittel- bis langfristig zu einer ganztägig geöffneten. Bündnis 90/Die Grünen wollen die ganztägig geöffnete Schule als offene Schule (zum Stadtteil, für Außenstehende sowie Organisationen und Vereine), um Jugendlichen Bildungs- und Freizeitangebote zu machen. Gleichzeitig werden Eltern in der Betreuung der jüngeren Kinder unterstützt. Die Entwicklung zur ganztägig geöffneten Schule muss Teil der Schulprogrammentwicklung der einzelnen Schule sein und durch eine gemeinsame Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung begleitet werden.

Wichtig ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe und anderen Trägern auf gleicher Augenhöhe geschieht. Im neuen Schulgesetz muss die Mitwirkung der pädagogischen Fachkräfte und der mit der Schule kooperierenden außerschulischen Partner geregelt werden. Die gemeinsame Entwicklung von pädagogischen Schulkonzepten ist verbindlich vorzuschreiben.

Die flächendeckende Einführung der Verlässlichen Halbtagsgrundschule mit für alle SchülerInnen verpflichtenden Zeiten bis 14.00 Uhr muss als erster Schritt in Richtung ganztägig geöffnete Schule erfolgen. Wenn die Trennung von "Betreuung" und Unterricht aufgehoben wird, kann ein an den Lern-, Spiel- und Bewegungsbedürfnissen der Kinder orientierter (rhythmisierter) Unterrichtsvormittag gestaltet werden. Die darüber hinaus gehenden Angebote am Nachmittag sowie die notwendige Früh-, Spät- und Ferienbetreuung sollen unter dem Dach Schule in enger Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe, Vereinen und anderen Einrichtungen im Stadtteil gestaltet und entwickelt werden. Die Ganztagsschule soll an 2 bis 4 Tagen von 8 bis 16 Uhr für alle verbindlich sein, mit einem von Standort zu Standort verschiedenen darüber hinausgehenden bedarfsorientierten Angebot. Bei der Personalbedarfsplanung ist sicher zu stellen, dass auch bei den schulischen Ganztags- und Betreuungsangeboten analog § 11 Kita-Gesetz zusätzliches Personal für die Förderung von Kindern mit Behinderungen und nicht deutscher Herkunftssprache sowie von Kindern aus sozial-benachteiligenden Bedingungen zur Verfügung gestellt wird.

Die Entwicklung zur Ganztagsgrundschule muss wissenschaftlich und pädagogisch unterstützend begleitet werden. Dazu sollen die entsprechenden Mittel des Bundesprogramms eingesetzt werden.

Umgang mit Heterogenität

Das deutsche Bildungssystem orientiert sich am Durchschnitt und produziert dabei nur unterdurchschnittliche Leistungen. Es reproduziert soziale und kulturelle Unterschiede und wird den Potentialen eines großen Teils der SchülerInnen nicht gerecht. Während es in anderen Ländern gelingt, den Unterricht so zu gestalten, dass alle Kinder, leistungsstarke und leistungsschwächere, gemeinsam und dabei in hohem Maße individuell gefördert werden, basiert der Unterricht in Deutschland noch überwiegend auf der Vorstellung, dass schulische Leistungen garantiert werden, indem alle SchülerInnen zur gleichen Zeit das gleiche lernen - wer das nicht schafft, wird aussortiert. a) Individuelle und verbindliche Bildungspläne für jede/n SchülerIn sowohl in der Grundschule wie auch in der weiterführenden Schule sollen sicherstellen, dass alle gefördert und gefordert werden. Dies umfasst auch gezielte Förderung von besonders begabten Kindern oder von Kindern nicht-deutscher Herkunftssprache, von Kindern mit Behinderungen oder mit speziellen Interessen und Neigungen.

Individuelle Förderung kann ebenso dazu dienen, besondere Begabungen und Talente entwickeln zu helfen wie auch das entmutigende und überwiegend wirkungslose Sitzenbleiben sowie den erzwungenen Schulwechsel weitgehend zu verhindern und überflüssig zu machen. Die Mittel für die nötige zusätzlich personelle Unterstützung werden durch Einsparungen aufgrund der Reduktion von Klassenwiederholungen und Schulwechseln erwirtschaftet.

Erfolgreiche pädagogische Konzepte aus der Arbeit mit Schulverweigerern und Abbrechern wie z.B. "Stadt als Schule" oder "Produktives Lernen" sollen für die Regelschule übernommen werden. Dabei geht es um Praxisbezug, projektorientiertes Lernen, Mitbestimmung der SchülerInnen bei der Wahl von Ausbildungsinhalten. Sonderschul-PädagogInnen aus dem Bereich "Lernbehinderung" sollen in die Kollegien der Regelschulen einbezogen werden. Stadtteilbezogene psychologische und pädagogische Unterstützungsangebote für Eltern und LehrerInnen müssen entwickelt werden. Die diagnostischen, pädagogischen und fachdidaktischen Anteile in der Lehrerfort- und-weiterbildung müssen ausgebaut werden(siehe Abschnitt: Lehrerbildung). Die Schulzeit soll flexibler und individueller gestaltet werden können.

Die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schulformen muss gewahrt sein. Dazu gehören:

1. Flexible Schuleingangsphase (siehe Abschnitt: Grundschule)

2. individuelle Formen der Schulzeitverkürzung in der Sek I (Klasse 7-10) durch Erleichterung des Überspringens einer Jahrgangsstufe, unterstützt z.B. durch Förderkurse)

3. paralleles Angebot einer zwei- und dreijährigen gymnasialen Oberstufe: Einführung der Möglichkeit des Überspringens von Jahrgangsstufe 11 für die Gruppe der besonders leistungsstarken SchülerInnen. Flächendeckende Lösungen wie die Reduzierung der Schulzeit auf insgesamt 12 Jahre für alle wie auch ein starres Festhalten an 13 Jahren sind keine angemessene Antwort auf die verschiedenen Lerngeschwindigkeiten und Bedürfnisse der Schüler. Die Möglichkeit der Verkürzung der Schulzeit in der gymnasialen Oberstufe hat auch eine Verdichtung des Unterrichts zur Folge. Die Schulen sollen in Rahmen ihrer Eigenverantwortung entscheiden, ob sie auch den Nachmittag für Unterricht nutzen oder Samstags-Unterricht einführen wollen.

b) Kinder nicht-deutscher Herkunftssprache sollen "passgenau" gefördert werden, um die Mehrsprachigkeit zu entwickeln bzw. zu erhalten und damit die besonderen Fähigkeiten dieser Kinder und Jugendlichen für sie und die Gesellschaft zu nutzen. Hierzu gehört auch, die Einstellung von zweisprachigen ErzieherInnen und LehrerInnen. Dafür müssen Defizite beim Erlernen der deutschen Sprache frühzeitig erkannt und durch Sprachförderprogramme in Kindertagesstätten und Schulen behoben werden. Parallel bedarf es der Verbesserung der Deutschkenntnisse der Eltern, die deshalb in die Förderung mit einbezogen werden müssen. In diesem Zusammenhang setzen wir uns für den Ausbau und die Sicherung der Mütterkurse und des Projekts "Hippy" ein.

Mehr Eigenverantwortung für die Einzelschule

Die deutschen Schulen sind gefangen in einem Wust an kleinteiligen Vorschriften, welche Eigeninitiative und Reformbestrebungen behindern,j statt sie zu fördern. Zukünftig soll der Staat Aufsicht und Kontrolle über die Schulen ausüben, ohne dabei in die tradierte Rolle einer kleinteilig regelnden oder gewährenden Verwaltung zurückzufallen. Die einzelnen Schulen sollen mehr Selbständigkeit und mehr Eigenverantwortung erhalten, vor allem für Lerninhalte und Didaktik, Personal und Budget. Dabei ist die Forderung nach Autonomie für die Schule kein Selbstzweck und keine Aufforderung zu Beliebigkeit, sondern im wesentlichen ein Mittel zur Qualitätsverbesserung. Schulen schreiben Stellen entsprechend ihres Schulprofils und ihres Schulprogramms selber aus und suchen ihr Personal auch selber aus. Sie erhalten die Möglichkeit, einen Teil der Stellen in Geld umzuwandeln und so auch Honorarkräfte und Menschen anderer Profession einzustellen. Sie verteilen eigenständig alle in der Schule anfallenden Arbeiten. Schulen sind zuständig für die Festlegung eines schuleigenen Curriculums unter Berücksichtung des staatlich vorgegebenen Kerncurriculums, für die Erarbeitung eines eigenen Schulprofils und Schulprogramms, aus dem ihre pädagogischen Schwerpunkte und die didaktisch-methodische Orientierung des Unterrichts hervorgehen. Schulen können in hohem Maße selber darüber bestimmen, wie sie innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen ihre Erziehungsziele erreichen.

Qualitätssicherung und -entwicklung

Im zersplitterten deutschen Schulsystem gibt es kaum nationale, regionale oder auch nur innerschulische Leistungsvergleiche. Es fehlen von allen Schulen bzw. SchülerInnen zu erreichende bundesweit einheitliche Bildungsstandards. Qualitätsmanagement existiert in Schulen und Bildungsverwaltungen nur in Ansätzen. Unter den Bedingungen weitreichender Autonomie für die Schulen soll die Vielfalt im Schulwesen noch zunehmen. Dies erfordert auf der anderen Seite die Einführung von verbindlichen nationalen Bildungsstandards und eine Rechenschaftspflicht der Schulen, ob und wie sie die individuelle Förderung der Kinder tatsächlich im angestrebten Maße erreichen. Die Öffentlichkeit, die Bildungspolitik und die Schulen brauchen ein Systemmonitorring, d.h. eine genaue Kenntnis des Bildungssystems mit seinen Stärken und Schwächen. Nur so können Ergebnisse für den Prozess der weiteren Qualitätsentwicklung nutzbar gemacht werden.

Es sollten Modellprojekte für unabhängige Qualitätsagenturen, an denen WissenschaftlerInnen, Eltern, SchülerInnen, Lehrkräfte und von außerhalb des Systems kommende ExpertInnen beteiligt sein sollen, ins Leben gerufen werden. Damit Schulen von Schulen lernen können, muss viel größeres Augenmerk auf Kooperationsbeziehungen zwischen Schulen gerichtet werden. Zur Überprüfung und Sicherung der Vergleichbarkeit von Leistungen sowohl der SchülerInnen wie auch zwischen einzelnen Schulen und Schultypen fordern wir die Einführung von verbindlichen Vergleichsarbeiten in verschiedenen Jahrgangsstufen. Sie dienen als Diagnose- und Steuerungsinstrumente. Die Einführung eines Zentral-Abiturs lehnen wir zum jedoch ab.

Schulstruktur

Die in Deutschland übliche frühzeitige Sortierung von Kindern auf unterschiedliche Schultypen schafft keine besseren Voraussetzungen für Schülerleistungen. Die meisten der im internationalen Vergleich überdurchschnittlich abschneidenden Länder haben integrierte Schulsysteme, d.h. eine gemeinsame Beschulung aller SchülerInnen bis zur 9. oder 10. Klasse.

Der Mythos homogener Lerngruppen hat ausgedient, die Vorteile integrativer Systeme müssen jenseits ideologischer Scheuklappen neu diskutiert werden. Das vielgliedrige deutsche Schulsystems mit seiner starken Selektivität ist der institutionelle Ausdruck der Lernkultur einer Gesellschaft, die Leistung eher den Begabungen zuschreibt und nicht als Folge von Anstrengungen und als Ergebnis von Lernprozessen ansieht. Vorrangig gilt es, diese Lernkultur zu verändern. Dieser Prozess muss jedoch durch eine Veränderung der die Lernkultur widerspiegelnden und bestärkenden Strukturen begleitet und ergänzt werden. Langfristiges Ziel ist ein integratives System bis zur 9. oder 10. Klasse.

Alle Kinder und Jugendlichen sollen länger gemeinsam lernen. Die Selektivität des Schulsystems zu erhöhen, sei es durch mehr grundständige Gymnasien, Abschaffung der sechsjährigen Grundschule oder durch zusätzliche Schnellläuferklassen, ist der falsche Weg

Im Rahmen des neuen Berliner Schulgesetzes wollen wir kurzfristig die Einführung der verbundenen Haupt- und Realschulen in integrierter Form: Mittelfristig unterstützen wir für die Oberschulen alle Möglichkeiten zur Integration mehrerer Bildungsgänge in einer Schulform.

LehrerInnenbildung

Eine lernende Schule braucht lernende Lehrer. Heterogenität muss als Chance und nicht als Störfaktor begriffen werden, die Ausbildung muss Differenz als Ausgangspunkt jedes pädagogischen Handelns sehen. Bisher ist die Lehrerbildung in Deutschland geprägt vom Bild homogener Lerngruppen. Didaktisch herrscht in Deutschland nach wie vor der Frontal-Unterricht vor, obwohl dieser die ineffektivste und für die Lehrpersonen mit Abstand anstren-gendste Unterrichtsform ist. PISA hat gezeigt, dass die Fähigkeiten von LehrerInnen bei der Diagnose von Lerndefiziten und Fähigkeiten sowie bei der Vermittlung von Sprach- und Lesekompetenz verbessert werden müssen. Alle Lehrkräfte sollen systematisch für die professionelle Unterstützung individueller Lernprozesse heterogener Schülergruppen qualifiziert werden. Eine fundierte pädagogische Grundbildung im Rahmen eines gemeinsamen Studiums ist für alle Lehrkräfte, gleich welcher Schulform, zwingende Voraussetzung für die spätere pädagogische Arbeit. Die erzieherische, didaktische und methodische Kompetenz muss durch ein verbindliches Grundlagenstudium aller Lehrenden gestärkt werden.

Im Rahmen des Lehramtsstudiums muss mehr Wert darauf gelegt werden, dass gerade das Anpassen von Lehr- und Lernformen an die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen, aber auch Themenfelder wie globales Lernen, das Eingehen auf Unterschiede von sozialer Herkunft oder Geschlecht, Migrationshintergründe, Integration von Kindern mit Behinderungen oder besonderen Lernbedürfnissen einen angemessenen Platz neben den fachwissenschaftlichen Studieninhalten bekommen.

Wir streben verbindliche intensive Praxisphasen schon in der ersten Phase der Lehramtsausbildung an. Künftig sollen alle pädagogischen Fachkräfte regelmäßig und verpflichtend an qualifizierten Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen. Dabei sollen die Sprach- und Lesekompetenz der Kinder, Unterrichtsmethodik und Diagnosefähigkeit zum frühzeitigen Erkennen von Förderbedarf sowie die Fähigkeit, die Heterogenität von Lerngruppen im Sinne aller Kinder zu nutzen, zentrale Bausteine der Lehrerfortbildung sein. Teamfortbildungen von ganzen Schulen oder Teilen des Kollegiums gehören ebenso dazu. Für spezielle Themen regen wir gemeinsame Veranstaltungen für Lehrkräfte, ErzieherInnen und PädagogInnen in der Jugendarbeit an.

Im LISUM sollen Teile der festen Stellen auf Honorarmittel umgeschichtet werden, damit das das Angebot den wechselnden Bedarfslagen angepasst werden kann. Die Schulen erhalten Mittel für Fortbildung und können sich diese frei einkaufen. Lehrerinnen und Lehrer, vor allem, wenn sie die Leitung von Klassen oder Jahrgangsstufen übernehmen, brauchen mehr Zeit für die ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler - auch über den Unterricht hinaus. Das sich verändernde gesellschaftliche Verständnis von Schule als ganztägig geöffnetes Haus des Lernens bedingt mittelfristig die ganztägige Präsenz der pädagogischen Fachkräfte in den Schulen.

Arbeitszeit und Arbeitsorganisation der LehrerInnen

Deutsche Lehrkräfte haben die zweithöchsten Einkommen auf der Welt, während ihre Unterrichtsverpflichtungen im Mittelfeld liegen, so das Ergebnis der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick". Trotzdem verweisen sämtliche Untersuchungen auf die hohe physische und psychische Belastung des Lehrerberufs, dementsprechend hoch sind der Krankenstand und die Zahl der Frühpensionierungen bei deutschen LehrerInnen.

Was von vielen - auch vielen Lehrern - vordergründig als Vorteil des Lehrerberufs angesehen wird, erweist sich hinterrücks als Belastung: Der Lehrer als individualistischer Fachmensch, der für sich und seinen Unterricht selbst verantwortlich ist und die Klassentür geschlossen hält. Der gegenseitige Austausch über Leistungsstandards, Unterrichtserfahrungen, Erfahrungen im Einsatz von Materialien oder neuen Methoden bleibt außen vor und damit die Entlastung, die durch Kommunikation, Kooperation und gemeinsame Unterrichtsvorbereitung entstehen kann. Die Begrenzung des Unterrichts auf den Vormittag wirkt als zusätzlicher Stressfaktor: Das, wofür andere Länder erheblich mehr Raum lassen, wird in Deutschland in einige Stunden am Tag gepresst. Die Fokussierung der Debatte auf die Höhe der Unterrichtsverpflichtung weist in die falsche Richtung: Es bedarf einer Neudefinition der Lehrerrolle und einer entsprechenden Reform der Arbeitszeitorganisation. Einführung von Jahresarbeitszeitkonten, Einführung von verbindlichen Präsenzzeiten, Einrichtung von schulischen Arbeitsplätzen für jeden LehrerIn, andere Verteilung der Unterrichtszeiten im Rahmen einer ganztägig geöffneten Schule, Zeiten für gemeinsame Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Auswertung von Unterrichtserfahrung, Evaluation angewandter Methoden und Materialien, Schulentwicklung sowie berufsbegleitende Weiterbildung müssen als Bestandteil der regulären Arbeitszeit der Lehrkräfte anerkannt werden.

Eltern als Partner

In Deutschland hat die wechselseitige Unterstützung von Bildungseinrichtungen und Eltern keine Tradition, statt Kooperation herrschen vielfach Berührungsängste und Misstrauen vor. Bildung und Erziehung können nicht an den Staat delegiert werden, sie können nur gelingen, wenn ErzieherInnen, Lehrkräfte und Eltern partnerschaftlich die Erziehung der Kinder und Jugendlichen gestalten und miteinander kooperieren. Zwar nimmt die Bedeutung von Kitas und Schulen für die Erziehung und Bildung der Kinder angesichts veränderter Lebensbedingungen der Kinder, veränderter Erwerbsstrukturen und Familienkonstellationen immer mehr zu, die Familie als primäre Sozialisationsinstanz können sie jedoch nicht ersetzen. Die Bildungseinrichtungen sollen verpflichtet werden, Eltern gezielt einzubeziehen. Nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten sollten Bildungsvereinbarungen zwischen Eltern, Schülerinnen und Schulen als Bausteine im Qualitätsmanagement erprobt und Eltern- und Familienbildung nach dem Vorbild der englischen "centers of early excellence" in die Einrichtungen integriert werden.

Für Rückfragen stehen Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher und Elfi Jantzen, kitapolitische Sprecherin zur Verfügung

Späte Einsicht ist auch gut – KMK stoppt Schultrojaner, wir gratulieren!
07.05.2012 | (Presse) [mehr]
Neue Regelung, viel Kritik: Ganztagsbetreuung für Fünft- und Sechstklässler
10.04.2012 | Tagesspiegel (Presse) [mehr]
Putzplan aus den 90ern
26.03.2012 | Tagesspiegel (Presse) [mehr]


Banner: atom
Banner: klima
Banner: mitglied-werden
Zum SeitenbeginnDruckversion für die SeiteSeite versenden