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Bildung hat Priorität!

Wer heute das Wort PISA hört, denkt nicht in erster Linie an jene italienische Stadt mit ihrem berühmten Bauwerk, sondern an die internationale Studie, die die deut-sche Bildungsmisere endgültig offen gelegt hat.

Zunächst einmal widerspricht PISA mit aller Deutlichkeit grundlegenden pädagogi-schen Prämissen unseres Schulsystem. Eine Pädagogik, die in erster Linie darauf abzielt, die Lernschwächeren von den Lernstärkeren möglichst frühzeitig zu sepa-rieren, in der Annahme, dass homogene Lerngruppen in getrennten Schultypen die besseren Ergebnisse zeitigen, ist falsch. Bildungssysteme, in denen schwächere Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert und mit allen anderen Schülern gemeinsam unterrichtet werden, erzielen insgesamt die besten Ergebnisse.

Abgesehen von den insgesamt unterdurchschnittlichen Leistungen gleichen unsere Schulen die unterschiedlichen Einkommens- und Bildungshintergründe der Eltern-häuser nicht aus, sondern schreiben sie bei den Kindern und Jugendlichen fort. Das heißt, wer aus einer sozial benachteiligten Familie kommt, bleibt in der Regel auch sozial benachteiligt. Wer in einer Migrantenfamilie ohne die deutsche Sprache aufgewachsen ist, kann sie sich meist auch in der Schule nur ungenügend aneig-nen. Unsere Schulen bewirken also das genaue Gegenteil von dem, was sie ei-gentlich erreichen sollten: Sie bieten keine Chancengleichheit, sondern fördern Ungleichheit und zementieren Benachteiligungen.

Vor diesem Hintergrund können die sonstigen Kürzungen im Schuletat, die Sie vom SPD-PDS Senat geplant sind - z.B. bei Schulen in freier Trägerschaft - nur als verantwortungslos bezeichnet werden. 4000 neue LehrerInnen sollten in den kom-menden 4 Jahren eingestellt werden, davon ist nicht mehr die Rede. Etwa 100 Re-ferandariatsstellen werden nicht besetzt, dabei ist der Lehrkräftemangel bereits heute sichtbar. Last but not least, droht der Finanzsenator mit einer erneuten Leh-rerarbeitszeiterhöhung und der Schulsenator schaut zu. 100 Tage rot-rot in Sachen Bildungspolitik führt zu dem Ergebnis, außer Spesen nichts gewesen oder was in-teressiert mich mein Geschwätz von Gestern.

Dagegen haben alle Parteien im Wahlkampf der Bildung hohe Priorität eingeräumt, insbesondere die heutigen Regierungsparteien SPD und PDS haben versprochen, bei der Bildung von der Kita bis zur Hochschule keine Kürzungen mehr zuzulassen. Die SPD-Wahlaussage "Wir sparen für die Jugend, nicht an der Jugend" findet sich denn auch in der Koalitionsvereinbarung wieder, "Bildung hat für diesen Senat Pri-orität" erklärte der Regierenden Bürgermeister bei der Vorstellung der Richtlinien der Regierungspolitik. Dabei kamen die Ergebnisse von PISA und des Forum Bil-dung gerade rechtzeitig, um in den Koalitionsverhandlungen für die Bildung der neuen Berliner Regierung berücksichtigt zu werden. So wichtig und richtig die in der Koalitionsvereinbarung aufgeführten Schlussfolgerungen sind, so greifen sie doch an vielen Stellen zu kurz. Und vor allem: In der konkreten Umsetzung ist von der Priorität für Bildung - insbesondere im vorschulischen Bereich - nichts zu mer-ken.

Der Weg, den PISA uns weist, besteht dagegen darin, die Schule wirklich zu einem Ort des sozialen Lebens und entdeckenden Lernens zu machen, was natürlich ge-rade bei dem Lehrpersonal eine sehr hohe Motivation, Flexibilität, Experimentier-freude und Veränderung voraussetzt. Diese Voraussetzung bekommen wir aber nur mit innovativen und gerechten Arbeitszeitmodellen und nicht mit mehr Arbeits-zeitungerechtigkeit, die natürlich auch zu Lasten der Schülerinnen und Schüler geht.

Bildungspolitische Patentrezepte a´la "Problem-Maßnahme-Lösung", sind wün-schenswert. Es gibt sie aber nicht. Manche Verbesserungen könnten verhältnis-mäßig rasch in Angriff genommen werden, wie der Ausbau von Ganztagsangebo-ten, Verminderung der Klassenstärken zumindest in sozialen Brennpunkten und in der Schulanfangsphase, verstärktes Augenmerk auf interkulturelle Erziehung und bessere Beratungs- und Fortbildungsangebote für Lehrende. Solche Forderungen sind nicht neu und bei Bündnis 90 / Die Grünen seit je auf der Agenda. Setzte man sie konsequent um, wäre das schulpolitisch vielleicht schon die halbe Miete. Mehr Mittel, Extrementierfreude, eine zeitgemäße Lehrerbildung und ein allgemeiner Einstellungswandel in Sachen Bildung sind dafür unabdingbar.

In der Zukunft wird mehr Geld notwendig sein, um unser Bildungssystem zu verbessern. Die Politik muss jetzt Prioritäten setzen und in die Zukunft unserer Kinder investieren. Das Augenmerk gleichzeitig auch auf politisch leichter durch-setzbare Reformen von geringerer Reichweite zu legen, steht dazu in keinerlei Wi-derspruch. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als auf mehreren Ebenen zu den-ken, um aus der attestierten bildungspolitischen Misere herauszukommen. Paten-lösungen gibt es nicht, aber viele Schritte, die in die richtige Richtung gehen. Für uns sind einige Antworten auf die hausgemachte Misere klar:

· Länger gemeinsam lernen · Schlüsselkompetenzen stärken, Lehrpläne entrümpeln · Lernzeit besser nutzen · Lehrpersonal und Erzieher/innen besser qualifizieren · Mehr Selbstständigkeit, mehr Verantwortung · Gezielte Förderung von Schulen in sogenannten Problemquartieren · Ausbau von Ganztagsangeboten · Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe · Eine Bildungsoffensive für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache · Sicherung der gemeinsamen Erziehung (Integration) · Einstellung von jüngerem Lehrpersonal

Özcan Mutlu, MdA bildungspolitischer Sprecher

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