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Alle Begabungen fördern - "Leitbild für die Offene Ganztagsschule" Wirklichkeit werden lassen

15.11.2005: Dr: 15/4460

Antrag der Fraktion Bündnis90/Die Grünen: Alle Begabungen fördern - "Leitbild für die Offene Ganztagsschule" Wirklichkeit werden lassen Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen:

Der Senat wird aufgefordert, bis zum 31. März 2006 über die bisherige Umsetzung der eingeleiteten Reformmaßnahmen in den Berliner Grundschulen (insbesondere flexible Schulanfangsphase und Ganztagsschulentwicklung) zu berichten und darzulegen, welche Maßnahmen von Seiten der Senatsschulverwaltung, den Schulträgern und den Schuler notwendig sind, um die im "Leitbild für die Offene Ganztagsgrundschule" (MzK 15/4125) beschriebenen und für die bessere Förderung der Schülerinnen und Schülerinnen notwendigen Veränderungen und Aufgaben der Schulen zu verwirklichen.

Die Bestandsaufnahme soll sich insbesondere auf folgende in der Praxis erkannte Problemfelder beziehen: • Für bessere individuelle Förderung der Kinder und Ausgleich sozialer Benachteiligungen notwendige Zeitbudgets/Personalausstattung

• Gemeinsame Erziehung - Förderung der Kinder mit Behinderungen und der Kinder mit Migrationshintergrund bzw. mit Sprachdefiziten, insbesondere auch im Hinblick auf die sonderpädagogische Förderung im außerunterrichtlichen Bereich

• Grenzen der Rhythmisierung von Unterricht und Schulleben unter den gegebenen rechtlich-organisatorischen, personellen und räumlichen Rahmenbedingungen in den Offenen Ganztagsgrundschulen

• gemeinsame Erarbeitung pädagogischer Konzepte und Schulprogramme (Vernetzung Bildung, Erziehung und Betreuung)

• Kooperation zwischen Schule und Eltern sowie Partizipation der Schülerinnen und Schüler

• Vorgaben zur räumlichen und sächlichen Ausstattung im Verhältnis zu den pädagogischen Erfordernissen für Unterricht und Schulleben in "offenen" bzw. "gebundenen" Ganz-tagsgrundschulen und der Schulanfangsphase

• Kooperation der verschiedenen an Ganztagsgrundschulen tätigen pädagogischen Fachkräfte und mit außerschulischen Akteuren (Öffnung der Schulen zum Sozialraum)

• Schulverpflegung (Qualität, Räume, Zeit)

• Mangelhafte Unterstützung der Schulen und Zusammenarbeit der Schulträger und Außenstellen der Senatsschulverwaltung bzw. nachgeordneten Einrichtungen der Senatsbildungsverwaltung.

Der Bericht soll aufzeigen,

• welche Probleme bei der konkreten Umsetzung der verschiedenen Reformschritte in die Schulpraxis entstanden sind und noch bestehen

• wo die Ursachen und Verantwortlichkeiten für diese Probleme liegen,

• welche der Probleme durch die Schulen selbst bearbeitet und gelöst werden können

• welche der Probleme durch die Senatsschulverwaltung und die Schulträger gelöst werden können und

• wo ggf. die von der Politik gesetzten rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen geändert werden müssen.

Begründung: Die neue Pisa-Studie zeigt: Der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die am Ende der Pflichtschulzeit in den untersuchten Kompetenzbereichen schwache Leistungen aufweisen, ist nach wie vor zu groß, gemessen an internationalen Maßstäben ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Kompetenzerwerb und Bildungsbeteiligung nach wie vor zu hoch. Individuelle und frühzeitige Förderung, vor allem von leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern, bleibt daher die größte Herausforderung für die kommenden Jahre.

Die in der Berliner Grundschule eingeleiteten Reformmaßnahmen sind unbestritten Schritte in die richtige Richtung. Die Einführung der flexiblen Schulanfangsphase, die Verlässliche Halbtagsgrundschule und der Ausbau von Ganztagsangeboten sind geeignet, die Kinder besser individuell zu fördern und die Qualität der Bildung und Erziehung in den Schulen zu verbessern. Die Umsetzung der eingeleiteten Reformmaßnahmen in die Praxis der Berliner Grundschule im Schuljahr 2005/2006 hat jedoch an vielen Grundschulen zu erheblichen Problemen geführt und Defizite aufgezeigt.

Die notwendigen rechtlichen Regelungen für die Verlagerung der Horte an die Schulen erfolgten zu spät. Zuständigkeiten für einzelne Aufgaben zwischen Senatsverwaltung, Schulträgern und Schulen waren und sind teilweise nicht eindeutig geklärt. In vielen Schulen waren zu Beginn des Schuljahres die Bauarbeiten nicht abgeschlossen und die erforderlichen Erzieher/-innen nicht an Bord. Gemeinsame Konzepte für die Verzahnung von Bildung, Erziehung und Betreuung konnten nicht erstellt werden. Die räumliche Ausstattung ist für die Anforderungen in der flexiblen Schulanfangsschule, Verlässlichen Halbtagsgrundschule und der ergänzenden Förderung und Betreuung an den meisten Schulen völlig unzureichend. Auch die Personalausstattung entspricht nicht den Zielen und pädagogischen Anforderungen, die an die Schulen im "Leitbild für die Offenen Ganztagsgrundschulen" (MzK 15/4125) gestellt werden - mehr Zeit für individuelle Förderung insbesondere der Kinder mit Beeinträchtigungen und Sprachdefiziten, Rhythmisierung des Schulalltags, Kooperation des pädagogischen Personals untereinander, mit Eltern und außerschulischen Partnern und vieles mehr.

Viele der Probleme können als Anfangsschwierigkeiten oder als Folge der neuen Anforderungen an das pädagogische Personal betrachtet werden, die von den einzelnen Schulen in absehbarer Zeit eigenständig oder mit Unterstützung seitens des Schulträgers und der Senatsschulverwaltung bzw. deren Außenstellen und nachgeordneten Einrichtungen behoben werden können. Andere Probleme zeigen jedoch grundlegende Defizite in den gesetzten Rahmenbedingungen, die das "Leitbild für die Offene Ganztagsgrundschule" in das Reich der Träume verweisen. So ist z.B. die bessere Verzahnung von Unterricht, Freizeit und Betreuung und eine Rhythmisierung des Schulalltags kaum möglich, wenn nur die Kinder mit Betreuungsbedarf an der ergänzenden Förderung und Betreuung am Nachmittag teilnehmen und die Personaldecke dünn ist. Die gewünschte Kooperation der in der Schule tätigen Fachkräfte untereinander, mit den Eltern und außerschulischen Partnern, Schulprogramm- und Qualitätsentwicklung benötigen zeitliche Ressourcen, die in der Personalbemessung bisher nicht hinreichend berücksichtigt sind.

Besondere Probleme ergeben sich in der Praxis bei der außerunterrichtlichen Förderung der Kinder mit Behinderungen. Hier sind eine Reihe von Verfahrensfragen wie die Zuordnung und Anerkennung des zusätzlichen sonderpädagogischen Förderbedarfs noch nicht geklärt, so dass das vorgesehene zusätzliche Personal in den Schulen noch nicht zur Verfügung steht. Die Personalzuschläge in der ergänzenden Förderung und Betreuung wurden für die sog. A-Kinder gekürzt, für den außerunterrichtlichen Bereich in der Verlässlichen Halbtagsgrundschule sind gar keine Personalzuschläge vorgesehen.

"Wir sind auf dem richtigen Weg zu besseren Schulen in Berlin. Wir müssen den Kurs halten, denn Bildungsreformen brauchen Kontinuität und Klarheit" - erklärte Senator Böger anlässlich der Veröffentlichung der neuen Pisa-Studie. Wenn die in den Grundschulen eingeleiteten Reformen erfolgreich sein und die Kinder besser individuell gefördert und ungleiche Bildungschancen ausgeglichen werden sollen, müssen die Grundschulen bei der Bewältigung reformbedingter Probleme aber nachhaltig unterstützt und in die Lage versetzt werden, das "Leitbild für die Offenen Ganz-tagsgrundschulen" auch zu verwirklichen. Die Weiterentwicklung der Berliner Schule darf nicht im Sinne permanenter Ad-hoc-Maßnahmen improvisiert, sondern muss sorgsam geplant und realisiert werden. Dazu ist eine kritische Bestandsaufnahme nötig, die objektive Defizite auflistet, aber auch durch Befragung der Schulen subjektive pädagogische Einschätzungen erhebt, um darauf abgestimmte Unterstützungsmaßnahmen seitens der Schulträger und der Schulverwaltung zu entwickeln und ggf. notwendige Änderungen der Rahmenbedingungen vorzunehmen. Nur so können die eingeleiteten Reformmaßnahmen ihre qualitätssteigernden Wirkungen erzielen.

Berlin, den 15. November 2005 Dr. Klotz, Ratzmann, Jantzen, Pop, Mutlu und die übrigen Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Der Antrag kann nachfolgend heruntergeladen werden.

Zugehörige Dateien:
d15-4460.pdfDownload (141 kb)
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