An der Sekundarschule geht's auch bis zum Abitur
28.05.2009: Neues Deutschland
Wenn es mehr Bewerber als Plätze gibt, soll das Los entscheiden / Lehrer befürchten eine Klageflut der Eltern vor Gericht
In spätestens zwei Jahren sollen die Schuluhren in Berlin anders gehen. Bis 2011 wird nach dem Willen des rot-roten Senats die Schulreform gestartet: Haupt-, Gesamt- und Realschulen verschwinden, es gibt nur noch Sekundarschulen und Gymnasien. Allerdings sorgt die Reform bei Lehrern für Aufregung und Unmut. Ihrer Ansicht nach wurde der Wechsel durchgepeitscht und am grünen Tisch geplant und entschieden.
Während für Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) jedes Jahr, in dem noch Hauptschüler aufgenommen werden, ein verschenktes Jahr ist, vermissen Lehrkräfte wie die 32-jährige Kathrin Bernikas das pädagogische Konzept. Das wurde bei einer Diskussionsrunde mit bildungspolitischen Sprechern der Fraktionen deutlich, zu der die Berliner Wirtschaftsgespräche ins Abgeordnetenhaus eingeladen hatten. Auf Widerstand stießen die Zugangskriterien.
Zwar sollen über den Wechsel zum Gymnasium auch weiterhin die Eltern entscheiden. Allerdings sollen mit der Reform auch Beratungsgespräche vorgeschrieben werden, um herauszufinden, welche Schulform die beste für das Kind ist. Sollten mehr Schüler an einer Sekundarschule oder einem Gymnasium angemeldet werden als Plätze vorhanden sind, entscheiden zu 50 Prozent die Schulleiter über eine Aufnahme, 50 Prozent dieser Schüler werden über ein Losverfahren ausgewählt. Unklar ist auch noch, nach welchen Kriterien die Schulleiter "ihre" 50 Prozent auswählen. "Das Verfahren muss transparent und gerichtsfest sein", meinte der Bildungssenator.
"Auf diese Weise erreichen wir soziale Gerechtigkeit", ist der bildungspolitische Sprecher der Linksfraktion, Steffen Zillich, überzeugt. So werde die Schulform Gymnasium nicht mehr privilegiert. Sein Kollege von den Bündnisgrünen, Özcan Mutlu, nennt dieses Verfahren dagegen "völlige Willkür". Soziale Gerechtigkeit per Los sei nicht möglich. "Die rot-rote Koalition zementiert mit der Schulstrukturreform die Chancenungleichheit und privilegiert Gymnasien", kritisierte Mutlu gestern. Mit der Einführung eines Probejahres an den Gymnasien und dem Losverfahren werde die Reform ad absurdum geführt. Für ihn wird damit "die soziale Entmischung verstärkt". Auch Mieke Senftleben von der FDP, früher einmal Hauptschullehrerin, war verwundert über das Losverfahren. Viele Pädagogen sehen schon eine Klageflut auf den Senat zukommen.
"Sollte mein Kind durch das Los nicht am Gymnasium angenommen werden, werde ich vor Gericht ziehen", versicherte eine Gymnasiallehrerin aus Marzahn-Hellersdorf. Und auch weitere Eltern würden sich "einklagen", prophezeite die Fremdsprachenlehrerin. Durch das Losverfahren drohten die Schulen zum Wanderzirkus zu werden, warnte der Neuköllner Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Aber noch problematischer sei, woher die Lehrer kommen sollen. Die Rechnung von Senator Zöllner, dass nach der Reform nur 20 weitere Lehrer gebraucht würden, gehe nicht auf, bemängelten viele Pädagogen in der Diskussionsrunde. "Im Sommer dürfen 260 neue Lehrer eingestellt werden, aber es werden keine da sein", so die Befürchtung.
Positiv aufgenommen wurde dagegen die Entscheidung, dass für die Schulwahl in Zukunft der Wohnort keine Rolle mehr spielt. Und ganz wichtig sei, dass das Abitur auch über die Sekundarschule erreicht werden könne. "Dann dauert es zwar ein Jahr länger. Aber das macht nichts, wenn die Qualität des Unterrichts entsprechend ist", meinte Mutlu.
Doch trotz vielfachen Unmuts über die Senatslösung: viele Lehrkräfte können offensichtlich mit diesem Kompromiss leben. "Lieber eine unvollkommene Entscheidung treffen, als auf eine vollkommene warten, die wahrscheinlich nie kommt", fasste ein Lehrer zusammen.




