Berliner Kinder demonstrieren für kleinere Klassen
25.06.2009: Berliner Morgenpost
Von Regina Köhler
Statt zu lernen, werden Kinder der Neuköllner Sonnen-Grundschule heute protestieren - gemeinsam mit anderen Schülern, Eltern und Lehrern. Sie wollen kleinere Lerngruppen an Brennpunktschulen. Dafür wandern sie zum Berliner Abgeordnetenhaus, denn dort tagt das Parlament.
Es ist acht Uhr am Mittwochmorgen. Für die 1b der Neuköllner Sonnen-Grundschule beginnt die erste Stunde. Mathematikunterricht steht auf dem Plan. Drei Kinder fehlen. Lehrerin Marion Hein hat zunächst alle Hände voll zu tun, die Erstklässler zur Ruhe zu bringen.
Plus- und Minusaufgaben sollen geübt werden. Während einige Schüler engagiert bei der Sache sind, haben andere mit sich selbst zu tun: Sie legen den Kopf auf die Bank, beschäftigen sich mit dem Nachbarn, kramen in der Mappe. Wenn sie drankommen, wissen sie nicht, worum es geht. Endlich sind acht Aufgaben an der Tafel gelöst. Jetzt sollen die KInder selbstständig weiterarbeiten. Doch Lehrerin Marion Hein muss sich fast um jeden Einzelnen kümmern. Einige finden die Seite im Buch nicht, andere haben gar nicht mitbekommen, was sie tun sollen. Manche haben keine Lust. Ein paar Schüler wiederum sind schnell mit den Aufgaben fertig. "Die Leistungsspanne zwischen den Kindern ist groß, während vier besser sind als alle anderen, werden drei die Klasse wiederholen", sagt Lehrerin Hein.
Sonderregelung wurde aufgehoben
Momentan besuchen 23 Schüler die 1b der Sonnen-Grundschule. Die meisten sind türkischer, arabischer und jugoslawischer Herkunft. "Mit dieser Schülerzahl ist die Grenze erreicht, größer dürfte die Klasse nicht sein", sagt Marion Hein. Auch für Schulleiterin Renate Lauzemis steht fest: Schulen in sozialen Brennpunkten sollten ihre Klassen in der Schulanfangsphase mit höchstens 20 Schülern einrichten dürfen. Anders könne man den Kindern, die größtenteils aus schwierigen Elternhäusern und ohne Grundfertigkeiten in die Schule kämen, nicht gerecht werden.
Größere Klassen für Berliner Schulanfänger Schulsenator Zöllner sucht noch 300 neue Lehrer Die fünften Klassen in Gymnasien sind überlaufen Die Bildungsverwaltung hat jedoch eine Sonderregelung aufgehoben, nach der bei einem Anteil von Kindern nicht deutscher Herkunft von mehr als 40 Prozent die Klassenstärke lediglich 20 bis 24 Kinder betragen soll. Stattdessen kann nun jede Lerngruppe in der Schulanfangsphase aus bis zu 28 Schülern bestehen.
Gegen diese Regelung wollen Schulen und Eltern heute mit einem demonstrativen Wandertag protestieren und sich um 12 Uhr in der Nähe des Abgeordnetenhauses an der Zimmer- Ecke Wilhelmstraße treffen. Auch die Sonnen-Grundschule wird dabei sein. Die Initiative "Grundschulen im sozialen Brennpunkt" hat zur Protestaktion aufgerufen. Sie fordert, Klassen in sozialen Brennpunkten mit höchstens 20 Kindern einzurichten.
Lehrerin Marion Hein kann sich dieser Forderung nur anschließen. Sie könne sich schon jetzt nur mit Mühe und Not und mit der Hilfe von zwei Erziehern um jedes Kind ihrer Klasse kümmern, sagt sie. Die Kinder seien zwar fast alle sehr wissbegierig und munter, aber überhaupt nicht daran gewöhnt, leise zu sein, zuzuhören, sich in die Gruppe einzuordnen. Viele könnten sich nicht konzentrieren. Hinzu käme, dass rund die Hälfte ihrer Erstklässler mit fünf Jahren eingeschult worden sei. "Vielen dieser Kinder fehlt es noch immer an grundlegenden Fähigkeiten", so Hein. Schulaufsicht muss kleinen Klassen zustimmen Jens Stiller, Sprecher der Bildungsverwaltung, weist darauf hin, dass die Sonderregelung schon in diesem Schuljahr nicht mehr galt. Dennoch läge die durchschnittliche Klassengröße an Grundschulen bei unter 24 Schülern. Zudem könnten Schulen auch weiterhin kleinere Klassen einrichten: "Die Schulaufsicht muss zustimmen." Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) indes stellt sich hinter die protestierenden Schulen. "In sozialen Brennpunkten muss es in der Schulanfangsphase kleinere Klassen geben", fordert er und betont, dass der gesamte Kreisverband der SPD Neukölln hinter dieser Forderung stehe.
Auch Özcan Mutlu, Bildungspolitiker der Grünen, unterstützt den Protest. "Wenn die Bildungschancen von Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern und mit Migrationshintergrund nicht noch weiter verschlechtert werden sollen, müssen Grundschulen in strukturschwachen Bezirken personell und materiell besser ausgestattet werden", fordert er.
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