"Sprachkurse reichen nicht"
Für Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ist es die größte bildungspolitische Herausforderung: Mit Sprachtests und verpflichtenden Deutsch-Kursen vor der Schule will er die verheerenden Sprachkenntnisse vieler ausländischer Kinder verbessern. Doch die Anstrengungen reichen nicht, sagt der grüne Bildungsexperte Özcan Mutlu. Im Gegenteil. Er fürchtet, dass viele Kinder künftig mit noch schlechteren Kenntnissen zur Schule kommen.
Berliner Morgenpost: Herr Mutlu, Sie sind 1973 mit fünf Jahren aus der Türkei nach Kreuzberg gekommen. Wo haben Sie Deutsch gelernt?
Özcan Mutlu: Meine Eltern konnten damals nur wenig Deutsch sprechen. Ich habe die Sprache vorwiegend auf der Straße und in der Schule gelernt Auch die Sesamstraße hat viel dazu beigetragen.
Bei den jungen Türken von heute klappt das nicht mehr. War das eine ehrgeizigere Generation damals?
Wir haben es leichter gehabt. Damals gab es keine türkischen Fernsehsender und erst wenige türkische Einrichtungen. Wir waren gezwungen, Deutsch zu sprechen, auch weil wir mit deutschen Kindern gespielt haben. Heute sieht man hier kaum noch deutsche Kinder. Viele einheimische und bildungsbewusste ausländische Familien ziehen weg aus Kiezen wie Wedding, Kreuzberg und Neukölln, das heißt, die Migrantenkinder kommen kaum noch mit deutscher Sprache in Berührung.
Berlins Bildungssenator will nun alle Kinder, die nicht richtig Deutsch sprechen, vom nächsten Schuljahr an schon vor der Schule zu einem Deutschkursus verpflichten. Ist das die Lösung der Sprachprobleme?
Nein. Das kann allenfalls ein Mosaikstein in der Lösung sein. Die Kindertagesstätten, in denen laut Senat der größte Teil dieser Kurse stattfinden soll, sind personell und konzeptionell gar nicht auf gezielte Sprachförderung vorbereitet. Andernfalls wären die Ergebnisse des Sprachtests Bärenstark bei den Schulanfängern nicht so katastrophal ausgefallen. Denn nach Angaben des Senats besuchen heute schon 95 Prozent aller Schulanfänger entweder eine Vorklasse an einer Schule oder eine Vorschule in der Kita. Wenn sich der Senat nicht um eine massive Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen bemüht, bleiben die Kurse ein Placebo. Zumal es vom Schuljahr 2005/2006 keine Vorklassen an den Schulen mehr geben soll und damit viele ausländische Kinder gar keine Vorschule mehr besuchen werden.
Warum?
Viele türkische Eltern schicken ihr Kind zwar zum Vorschulunterricht an eine Schule, aber nicht in eine Kindertagesstätte. Kitas werden eher als Betreuungseinrichtungen gesehen, in die nur die Elite ihren Nachwuchs schickt. Außerdem ist der Vorschulunterricht in den Vorklassen an den Schulen umsonst, während die Kitas gebührenpflichtig sind. Bei einer Arbeitslosenquote von 45 Prozent unter den Türken in Berlin werden sich viele türkische Familien überlegen, ob sie ihr zweites und drittes Kind in die Kita schicken, zumal Mutter und Oma zu Hause sind. Deshalb müsste mindestens das letzte Kitajahr vor Schuleintritt kostenlos sein.
Was muss passieren, damit ausländische Eltern erkennen, wie wichtig es für ihre Kinder ist, Deutsch zu lernen?
Die Bildung der Eltern ist das A und O. Vor allem die Mütter müssen wir gewinnen. Seit 1998 gibt es an den Berliner Schulen die so genannten Mütterkurse, in denen ausländische Frauen Deutsch lernen. Diese Kurse sind sehr erfolgreich. Leider werden sie nur an 50 der etwa 850 Berliner Schulen angeboten, obwohl die Nachfrage riesig ist. Das Angebot müsste auch auf die Kitas ausgeweitet werden. Der Senat hat hier viel zu wenig getan. Aber natürlich müssen auch die Migranten umdenken. Die Einstellung unter Türken, Bildung sei Sache der Schule, ist traditionell bedingt, aber nicht tolerierbar.
Schon heute gibt es 730 zusätzliche Lehrerstellen für die Sprachförderung "Deutsch als Zweitsprache" (DaZ) an den Schulen. Dennoch sprechen viele Schüler auch nach sechs Jahren Grundschule nur gebrochen Deutsch. Ist die schulische Förderung also gescheitert?
Der Senat gibt seit Jahren Millionen Euro für die DaZ-Stunden aus, aber der Senat hat den Erfolg dieser schulischen Sprachförderung nie überprüft. Tatsache ist, dass ein großer Teil der DaZ-Stunden ausfällt, weil die Lehrer woanders vertreten müssen oder die Schüler gar nicht erst erscheinen, weil der Förderunterricht in Randstunden liegt. Ich halte es allerdings für höchst problematisch, dass Bildungssenator Klaus Böger im Zuge der neuen Schulanfangsphase keine speziellen Förderklassen für Migrantenkinder mit großen Sprachdefiziten mehr einrichten will. Denn die Klassen, in denen maximal 15 Schüler in allen Fächern sprachlich auf eine Teilnahme am regulären Unterricht vorbereitet werden, sind sinnvoll. Wenn diese Kinder nun auch noch in die neuen Lerngruppen aus Erst- und Zweitklässlern integriert werden sollen, wird der neu gestaltete Schulstart mit unnötig viel Schwierigkeiten überfrachtet.
Muss auch anders gefördert werden?
Ja. Wir brauchen mehr gut ausgebildete Muttersprachler als Lehrer, die auch perfekt Deutsch sprechen und als Brückenbauer für die Kinder fungieren. Von den 130 türkischen Lehrerinnen in Berlin hat nur ein Zehntel das zweite Staatsexamen. Gerade in den ersten Schuljahren sollte auch Türkisch als Muttersprache angeboten werden. Denn eine Fremdsprache lässt sich leichter lernen, wenn man seine Muttersprache kann.
Also bleibt Berlin die Antwort auf die größte bildungspolitische Herausforderung schuldig?
Ich fürchte, dass viele der jetzt geplanten Maßnahmen genau das Gegenteil bewirken werden: Nämlich dass die Kinder mit noch schlechteren Sprachkenntnissen zur Schule kommen. Die Geburtenrate in Migrantenfamilien ist drei Mal so hoch wie in deutschen Familien. 2014 werden deutlich mehr Kinder nicht deutscher Herkunft in den Klassen sitzen. Darauf sind die Schulen nicht vorbereitet. Wir brauchen eine neue Bildungsoffensive. Die Reform der Lehrerbildung und Lehrpläne, eine andere Einstellungspolitik und Elternbildung sind unabdingbar. Dazu müssen Politik, Schulen und Eltern zusammenarbeiten.




