Zöllner fahndet nach mehr Lehrern
30.11.2006: Neuer Senator will sich um Unterrichtsausfall kümmern / Berliner Zeitung
Eltern und Lehrer haben dem neuen Bildungs- und Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) nicht sehr viel Einarbeitungszeit gelassen. Kaum drei Tage im Amt, muss er sich mit dem Problem des Unterrichtsausfalls beschäftigen. Der Senator werde sich vordringlich um Ausstattung der Schulen mit Lehrern kümmern, hieß es gestern in der Bildungsverwaltung. Spätestens in der übernächsten Woche werde er seine kurz- und mittelfristigen Maßnahmen präsentieren. Die Debatte war von einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft angestoßen worden, die massiven Unterrichtsausfall feststellte.
Neben den ständigen Klagen über Unterrichtsausfall fühlen sich offenbar auch viele Lehrer durch zusätzliche Aufgaben überfordert. Gestern haben 62 Lehrer des Humboldt-Gymnasiums in Reinickendorf eine so genannte "Überlastungsanzeige" veröffentlicht. Selbst Arbeit bis an die Belastungsgrenze reiche nicht mehr aus, alle Anforderungen zu erfüllen, heißt es in dem Schreiben. Neue Aufgaben, etwa durch die Einführung des Mittleren Schulabschlusses, Lernstandsmessungen, das Verfassen eines eigenen Schulprogramms, das Führen von Statistiken seien in den vergangenen Jahren dazugekommen. Erleichterungen wie der Erlass von Unterrichtsstunden ab einem bestimmten Alter seien dagegen gestrichen worden. Ein 55-jähriger Lehrer habe 1992/1993 rund ein Drittel weniger unterrichten müssen. Die Lehrer fordern eine Reduzierung der Stundenzahl, die sie zu unterrichten haben. Ansonsten sinke die Qualität des Unterrichts.
Die Opposition fordert von Zöllner schnelles Handeln. Es müsse endlich ein Lehrerpool für Vertretungen geschaffen werden, sagte Özcan Mutlu, Bildungsexperte der Grünen. Die Schulen müssten ein eigenes Budget erhalten, um selbst Ersatzlehrer anzufordern. Zusätzlich müsse das Kontingent der Ermäßigungsstunden überprüft werden, verlangte Mutlus FDP-Kollegin, Mieke Senftleben. Also der Stunden, die zum Beispiel Schulleitern erlassen werden. Das sei immerhin ein Volumen von 2 700 Stellen, unter anderem für die "Leitung der bezirklichen Schularbeitsgärten". Sascha Steuer von der CDU sagte, statt 22 Millionen Euro in das "ideologische Experiment" der Gemeinschaftsschule zu stecken, sollte endlich Pragmatismus in die rot-rote Bildungspolitik einziehen.
Der Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Volker Kauder (CDU), sagte dieser Zeitung: "Für zehntausende ausgefallene Unterrichtsstunden gibt es keine Entschuldigung. Das hat mit Toleranzwerten nichts mehr zu tun." Die Länder hätten bei der Föderalismusreform darauf gedrängt, die Bildungspolitik ganz zu übernehmen. Dies müssten sie jetzt auch ausfüllen. "Mehr Geld vom Bund kann Berlin nicht erwarten." Der Bund habe den Ländern für Bildungsaufgaben bereits die Einnahmen von einem Prozentpunkt der Mehrwertsteuer zugestanden. (tom., vat.)




