Vom Fasten und Beten
17.09.2010: Berliner Zeitung
Die Bildungsverwaltung gibt Lehrern Tipps für den Umgang mit muslimischen Schülern
Julia Haak
Fünf Jahre lang wurde über den Inhalt gestritten. Seit gestern verfügen Berliner Lehrer, die muslimische Schüler unterrichten, nun über eine Art Handbuch, in dem sie nachsehen können, wie sich Islam und Schulunterricht wohl miteinander vereinbaren lassen. Die Bildungsverwaltung hat gestern ihre Broschüre für den Umgang mit den etwa 70 000 muslimischen Schülern an die Bildungsstätten verschickt. Auf 25 Seiten wird Hintergrundwissen zum Fasten und zu Feiertagen gegeben. Aber nicht nur das. Übersichtlich präsentiert werden zu jedem Detailpunkt die jeweilige Rechtslage und auch ein Lösungsweg für Probleme vorgeschlagen.
Die Broschüre liest sich wie eine eine Gebrauchsanweisung für Lehrer muslimischer Schüler. Beispiel Schwimmunterricht: "Weniger aus religiösen, sondern meist vor dem Hintergrund konservativ-traditioneller Moralvorstellungen (...) kommt es zu Problemen mit der (Nicht)-Teilnahme am Sport- und Sexualkundeunterricht sowie an Klassenfahrten", heißt es in dem Heft. Sport- und Schwimmunterricht seien aber feste Bestandteile der schulischen Ausbildung. Das Heft zitiert die Rechtslage zur Befreiung vom Unterricht, führt Gerichtsurteile an und erklärt das Problem aus islamwissenschaftlicher Sicht. Schließlich wird als Lösungsweg angeführt: "Wenn möglich sollte der Schwimmunterricht geschlechtergetrennt abgehalten werden". Das Lehrpersonal soll gleichgeschlechtlich und während des Mädchensports kein männlicher Haus- oder Bademeister anwesend sein. Religiöse Mädchen könnten dann auch ohne Kopftuch und andere Ganzkörperbedeckung sportlich aktiv sein.
Die Broschüre handelt neun Themenkomplexe ab, die in der Praxis immer wieder zu Konflikten führen, etwa das Fehlen bei islamischen Feiertagen, Fasten trotz Matheklausur, das Kopftuch oder das Gebet. "So wie es jetzt ist, verdient es den Namen Handreichung. Das ist wirklich hilfreich", sagt denn auch Öcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. Mutlu gehörte bisher zu den Kritikern der Broschüre. Aber nicht er allein.
Es gab mehrere Entwürfe für das Buch, das im Rohentwurf noch 115 Seiten umfasste. Ursprünglich hatten sich 25 Fachleute im Arbeitskreis Islam und Schule engagiert und an dem Papier mitgearbeitet. Dabei waren der Türkische Elternverein, die Islamische Föderation, der türkische Dachverband für Moscheevereine Ditib. Sie alle wollten ihre Positionen in dem Papier repräsentiert sehen. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen zwischen konservativen und liberalen Vertretern. Die Islam-Kritikerinnen Seyran Ates und Necla Kelek stiegen schließlich aus.
Dann hatte es Ärger gegeben, weil die Broschüre ein achtseitiges Interview mit dem erzkonservativen Imam Ferid Heider enthielt. Darin empfiehlt er, dass sich auch Schüler an die vorgeschriebenen Gebetszeiten und das Fasten halten sollen. Nach Kritik von Politikern und Fachleuten versuchte die Bildungsverwaltung, das Interview zu entschärfen, indem sie ihm ein Vorwort des Islamwissenschaftlers Jochen Müller voranstellte. Wieder gab es Ärger.
Die jetzige Broschüre kommt ohne Heider aus. Sie legt vor allem auf den Praxisbezug Wert. "Ich hoffe, dass die Handreichung dazu beitragen wird, den schulischen Alltag zu erleichtern", sagt Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Die ursprünglichen Texte sollen Lehrer als Materialsammlung erhalten.
In Berliner Schulen gab es gestern kaum Reaktionen auf die Broschüre. Sie habe noch nicht reingesehen, sagte die Leiterin einer Weddinger Oberschule. Sie brauche vor allem eins: Schüler aus allen Gesellschaftsschichten, auch aus nicht-muslimischen.
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0917/berlin/0023/index.html




