Ethik Fach
23.03.2006: Rede im Abgeordnetenhaus
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, meine kleine Tochter ist gerade sechs und geht in die Grundschule. In den letzten Monaten kommt sie mit interessanten Fragen nach Hause. Wer war Christus, warum wurde er gekreuzigt, fragte sie kürzlich. Während des Ramadan im letzten November wurden wir mit Fragen, wie, warum muss man fasten, oder warum fasten wir nicht bombardiert. Und als neulich Little Buddha im Fernsehen lief, haben wir uns mit der ganzen Familie über Buddhismus unterhalten. Ich bin gespannt, wann die Frage nach dem Kopftuch kommt, noch hat sie keine Klassenkameradinnen mit Kopftuch.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn ich ehrlich sein soll, waren wir als Erwachsene teilweise überfordert, die Fragen unserer Kinder, so zu beantworten, dass sie es auch verstehen. Vermutlich haben viele hier im Saal ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich finde, dass dies ein guter Grund ist, weshalb dieses neue Ethik-Fach in der Berliner Schule eingeführt werden sollte. Ich bin der Auffassung, das Schulen mehr Raum zur Vermittlung universeller Werte bieten müssen. Mehr Raum für den Dialog, für den Austausch und auch für die Auseinandersetzung, mit den unterschiedlichen Religionen, Weltanschauungen und Kulturen.
Ich bedauere zugleich, dass der religions- und lebenskundliche Anteil des neuen Faches, gering ausgefallen ist! Sicherlich ist die Vermittlung von Werten Aufgabe der gesamten Schule und der Lehrerinnen und Lehre, die diese vorleben müssen. Mit der Einführung eines neuen Faches ist es nicht getan, dass ist richtig. Das friedliche Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft ergibt sich aber nicht von alleine. Es bedarf der aktiven Erziehung zu gegenseitigem Respekt, zur Anerkennung von Unterschiedlichkeit und zur Bereitschaft zum Dialog! Berlin ist eine multikulturelle und multireligiöse Stadt. Daher gibt es einen wachsenden Bedarf an Informationen über Weltdeutungssysteme, Weltanschauungen und Religionen. Damit das Fremde nicht mehr fremd ist und damit der Fremde, aus welchen Gründen auch immer, keine Angst macht. Das neue Fach setzt hier an und dient dem gegenseitigen Verständnis von SchülerInnen mit unterschiedlichem kulturellen und religiösen Hintergründen. Es kann helfen, eigene und fremde Weltdeutungen bewusst wahrzunehmen und sich mit Beweggründungen menschlichen Handelns auseinander zusetzen. Deshalb ist die Einrichtung eines eigenständigen, bekenntnisfreien Faches Lebensgestaltung- Ethik und- Religionskunde, also LER, in dem sich alle Schülerinnen und Schüler mit Werte- und Sinnfragen auseinandersetzen können und ein breites Grundwissen über Religionen und Weltanschauungen vermittelt bekommen, wichtig, notwendig und überfällig. Ich nenne dieses Fach bewusst LER, weil ich der Meinung bin, dass eine Reduzierung auf "Ethik", den Ansprüchen des neuen Faches nicht gerecht wird. Es ist bedauerlich, dass sich SPD, trotz eines Parteitagsbeschlusses, von LER verabschiedet hat und die PDS sich dem gebeugt hat. Sie sehen, wir wollen mehr. Ihr Kompromiss reicht uns nicht. Ihr Kompromiss ist ein erster Schritt. Wir unterstützen diesen 1. Schritt, werden es allerdings kritisch begleiten.
Meine Damen und Herren, Voraussetzung für den pädagogischen Erfolg des neuen Faches ist jedoch, dass die SchülerInnen miteinander und voneinander lernen und nicht nach Konfessionen getrennt werden. Eine Aufteilung der Schülerinnen und Schüler nach Glaubenszugehörigkeit kann keine integrative Wirkung entfalten, sondern würde die Abgrenzung verstärken. Das wollen wir nicht und das können Sie von der CDU auch nicht ernsthaft wollen. Wir haben die Verantwortung dafür, daß unsere Grundwerte nicht als gegenstandsloses Geschwätz erscheinen, sondern gerade auch Kindern und Jugendlichen in deren eigener Lebensrealität von Anfang an erfahrbar werden. Das gelingt eben dann am besten, wenn die Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden und nicht separiert werden! Ein Bekenntnisunterricht, wie es die CDU und die FDP fordern ist nicht zielführend. Eine Verstärkung des Status des Bekenntnisunterrichtes, durch die Einführung eines Wahlpflichtfaches lehnen wir daher ab.
Meine Damen und Herren, das neue Fach "Ethik", in dem SchülerInnen unterschiedlicher religiöser, weltanschaulicher und kultureller Herkunft gemeinsam unterrichtet werden, erfordert eine adäquate Qualifizierung der Unterrichtenden. Auch die kritische Begleitung der Entwicklung des Faches in der Öffentlichkeit macht aus Akzeptanzgründen eine solide Weiterbildung der Fachlehrerschaft unabdingbar. Eine Schmalspurqualifizierung wie vom Senat geplant, dient weder Schülerinnen und Schülern, noch Lehrkräften. Die kurze Fortbildung, mit der rot-rot bisherige Ethik-, Religions- und Lebenskunde-LehrerInnen für die neue Aufgabe qualifizieren will, reicht keineswegs aus, um der Vielfalt von Religionen, Weltanschauungen und Kulturen gerecht zu werden. Wir fordern den Senat auch auf, die langjährigen Erfahrungen Brandenburgs bei universitären Weiterbildungsstudiengängen für das Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) für Berlin zu nutzen und Kooperationen mit Brandenburg anzustreben. Wir fordern auch, die Einrichtung eines Weiterbildungsstudienganges an einer der Berliner Universitäten ist zu prüfen. Nach Möglichkeit ist mittelfristig ein grundständiges Studienfach mit dem Ziel des Ethik-Lehramtes einzurichten. Wir haben einen entsprechenden Antrag eingebracht und hoffen, dass Sie an dieser Stelle Vernunft walten lassen und diesen Antrag zustimmen.




