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Die Stadt der 1.000 Schulreformen

16.09.2011: Zeit Online

Im Berliner Schulwesen ist so viel reformiert worden, dass keiner mehr neue Umwälzungen fordert. Einig sind sich die Parteien deshalb noch lange nicht.

Von: Anne-Sophie Lang

Irgendein Arm ist immer oben. Drittklässlerin Alisa ist mit ihrem Füller-Diplom fertig, Zweitklässler Emre mit der Übung zu Wörtern mit "Sp". Weil jeder Schüler an einer anderen Aufgabe arbeitet, kommt Lehrerin Lena Hahn mit dem Korrigieren kaum hinterher.

Hahns Schule, eine Grundschule in Neukölln, setzt JüL um: jahrgangsübergreifendes Lernen. Die rot-rote Berliner Koalition führte JüL vor sechs Jahren ein, um Grundschülern ein individuelles Lernen zu ermöglichen, jedem entsprechend seinem eigenen Lerntempo. Die ersten beiden Klassen sollen gemischt werden oder, noch besser, gleich die ersten drei Klassen. Etwa zehn Prozent der Berliner Schulen haben sich geweigert, das umzusetzen.

JüL Beim Jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) werden die ersten zwei oder drei Klassen der Grundschule gemischt. Das soll den Kindern ein individuelles Lerntempo ermöglichen und soziale Kompetenzen stärken. An vielen Schulen klappt das gut, andere wollen zurück zum alten System. Kritiker bemängeln, dass die personelle Ausstattung oft nicht reicht. Die Zahl der sogenannten Verweiler, die ein Jahr länger in der Schulanfangsphase bleiben, hat seit der Einführung von JüL zugenommen: 2007/08 waren es noch etwa 2300, inzwischen sind es rund 3800.

ISS Seit dem vergangenen Schuljahr sind Haupt- und Realschule in der Integrierten Sekundarschule (ISS) zusammengefasst, die zu jedem Abschluss bis zum Abitur führen kann. Das soll das Schulsystem durchlässiger machen und die Perspektiven jener Schüler verbessern, die sonst auf eine Hauptschule gegangen wären. An den ISS wollen alle Parteien festhalten; die CDU spricht sich allerdings für mehr Binnendifferenzierung aus, etwa für Praxis-Klassen, die stärker mit Unternehmen kooperieren als andere.

Losverfahren Seit diesem Schuljahr dürfen sich Oberschulen ihre Schüler zu 60 Prozent selbst aussuchen. 30 Prozent werden gelost, zehn Prozent sind Härtefälle. Zuvor wurde nach der Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln entschieden. Jetzt ziehen die meisten Schulen für die Auswahl den Notenschnitt im letzten Grundschuljahr heran. Beliebte Schulen bekommen deswegen viele starke Schüler, andere empfinden sich als "Restschulen". Im August wurde ein Brief der Neuköllner Heinrich-Mann-Schule an die Senatsverwaltung öffentlich, in dem die Schule darum bat, in kleineren Klassen und mit mehr Personal unterrichten zu können – und keine strafversetzten Schüler in ohnehin schon schwierige Klassen aufnehmen zu müssen. CDU und FDP wollen das Losverfahren abschaffen. Grüne und Linke halten es für den besten Weg, die Ergebnisse zunächst zu evaluieren.

Gemeinschaftsschulen In Gemeinschaftsschulen lernen Kinder von der ersten Klasse bis zum Abschluss gemeinsam. Sie sind ein rot-rotes Pilotprojekt. Seit 2008 wurden 20 Gemeinschaftsschulen eingerichtet, das Land Berlin stellte bis zu diesem Jahr 22 Millionen Euro zur Verfügung. SPD, Grüne und Linke wollen die Gemeinschaftsschulen weiterhin unterstützen. Die FDP setzt auf die Freiwilligkeit der Schüler, Eltern und Lehrer: Wenn Schulen fusionieren wollen, sollen sie das können, so die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion. Die CDU allerdings ist gegen Gemeinschaftsschulen: Sie will keine neuen einführen und die alten finanziell weniger fördern.

Einschulung mit 5,5 Rot-Rot hat für die Einschulung einen festen Stichtag eingeführt. Erstklässler werden jetzt eingeschult, wenn sie zwischen fünfeinhalb und sechseinhalb Jahren alt sind. CDU und FDP würden diese Regelung gerne öffnen, so dass Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen zurückgestellt werden können. Auch die Grünen unterstützen eine solche Möglichkeit, solange sie nicht zur Regel wird. SPD und Linke hingegen setzen darauf, dass Kinder ein Jahr länger in der Schulanfangsphase verweilen können, wenn sie schlecht Deutsch sprechen oder Lernschwierigkeiten haben. Hahns Schule nicht, sie hat JüL ausprobiert. In Mathematik und Deutsch schummeln die Lehrer inzwischen: Sie teilen die Klasse, damit nur noch zwei Altersstufen gemeinsam üben statt drei. Hahn sagt, so kann es funktionieren. Die meisten ihrer Kollegen sind anderer Meinung: Sie wollen JüL wieder loswerden. Als Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) die Pflicht zur Jahrgangsmischung nach fünf Jahren lockerte, beantragten 78 Schulen, sie abzuschaffen – 20 davon in Neukölln. Sie mussten darlegen, wie sie ihre Schüler stattdessen individuell fördern wollen. Manche schreckten deshalb vor dem Antrag zurück – wie Hahns Schule.

Dass JüL funktionieren kann, beweisen andere Schulen. Kritiker bemängeln aber, es fehle vielen Schulen an Personal, um das Konzept sinnvoll umzusetzen. Es ist nicht die einzige umstrittene Reform der rot-roten Regierung. Wäre Berlins Bildungswesen ein Gebäude: In den vergangenen zehn Jahren wäre kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Berliner Grünen-Fraktion, zählt ganze 23 Reformen. Da ist die Integrierte Sekundarschule (ISS), in der Haupt- und Realschule zusammengefasst wurden und die auch zum Abitur führen kann. Die Einschulung mit fünfeinhalb bis sechseinhalb Jahren. Der Ethik-Unterricht.

Das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule: 20 Schulen, in denen Kinder von der ersten Klasse bis zum Abschluss gemeinsam lernen. Und weil eine UN-Resolution umgesetzt werden muss, wird die Inklusion bald auch in Berlin ein Recht für alle Schüler werden, das heißt: Kinder mit Behinderung müssen einen Platz in einer Schule mit nicht behinderten Kindern bekommen. Inzwischen fordert in der Berliner Politik deshalb niemand mehr große Umwälzungen im Schulwesen. Der Tenor lautet: Abwarten, bis die Reformen wirken. Die CDU hält JüL zwar für gescheitert, will es aber nicht abschaffen, sondern nur freiwillig machen; die FDP ebenfalls. Am radikalsten wirken die Christdemokraten noch bei den Gemeinschaftsschulen, denen das Land bisher 22 Millionen Euro zur Verfügung stellte: "Wir würden keine weiteren einführen und die finanzielle Sonderbehandlung abschaffen", sagt der Parlamentarische Geschäftsführer Uwe Goetze.

Die Liberalen polemisieren zwar auf ihren Wahlplakaten gegen die Schulform – "Wir würden auch beim Fußball die Idee einer Einheitsliga doof finden" – bedienen dabei aber kaum mehr als diffuse Ängste vor einem sozialistischen Schulsystem. Wenn Eltern und Schüler eine Gemeinschaftsschule wollen, wird die FDP das nicht verhindern, sagt Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion. Die SPD spricht indes von einem "Schulfrieden": Sie wirbt mit der Ruhe vor weiteren Reformen.

Auch die Grünen wollen nur noch nachbessern. "Es sind dringende Maßnahmen nötig, um die Reformen vor Ort zum Gelingen zu bringen", sagt der Grüne Özcan Mutlu. Überhaupt ist die Finanzierung der Schulen die vielleicht spannendste Frage im bildungspolitischen Berlin: Wie soll man Geld verteilen, das eigentlich gar nicht da ist? Mehr Ganztagsschulen und mehr Sozialarbeiter, das fordert zum Beispiel die SPD. Mehr Geld für die Gymnasien, sagen CDU und FDP. Die Grünen wollen mehr Lehrerfortbildungen und neue Arbeitszeitmodelle, die Linken mehr Geld für die Grundschulen. Immerhin: Kaputte Toiletten und Turnhallen sind in vielen Schulen dank der Konjunkturpakete nicht mehr das dringendste Problem. Aber es fehlen regelmäßig Lehrer, vor allem zu Beginn eines jeden Schuljahres. Und wenn demnächst Kinder mit Behinderung an Regelschulen lernen sollen, kommt noch eine Herausforderung hinzu.

Die Inklusion wird für die neue Regierung eines der schwierigsten bildungspolitischen Themen sein. Das bisherige Konzept sah vor, Sonderpädagogen zu verlagern, ohne mehr Geld auszugeben – das halten die meisten für utopisch. Aber Berlin hat kein Geld. "Wir haben so viele Reformen gemacht, da müssen wir die Inklusion erstmal behutsam angehen", sagt Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Ihr CDU-Kollege Uwe Goetze wiegelt ab: "Das ist ein schwieriges Thema. Wir wollen Inklusion, aber nicht als Nonplusultra. Die Eltern sollen entscheiden können." Christdemokraten und Liberale sind zwar keine Fans von integrativen Ansätzen, sie müssen sich aber mit ihnen abfinden: Die Inklusion muss kommen und die anderen Konzepte müssen bleiben, denn noch mehr Reformen dürften bei den Berlinern auf wenig Verständnis stoßen. Bleibt die Frage, wie es mit den bisherigen weitergeht – und wie Alisa und Emre es fänden, wenn sie demnächst vielleicht doch nicht mehr zusammen lernen würden.

Die Namen der Grundschüler und ihrer Lehrerin sind geändert.

www.zeit.de/politik/deutschland/2011-09/berlin-bildungsreformen/komplettansicht

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