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LER für Berlin!

29.09.2004: Zur Wertebildung und Religionsunterricht in der Berliner Schule

Die Debatte über Werteerziehung und Religionsunterricht ist in Berlin erneut entfacht. SPD und PDS ist es weder in ihren Koalitionsverhandlungen gelungen, sich auf ein Modell zu verständigen, noch hat die Verabschiedung des Schulgesetzes eine Einigung gebracht.

In der Diskussion stehen sich zwei Vorschläge gegenüber:- Einführung eines Wahlpflichtfaches Religion. SchülerInnen, die nicht am konfessionel-len Religionsunterricht teilnehmen, erhalten ersatzweise Ethik/ Philosophieunterricht - Einführung eines eigenständigen wertorientierten Pflichtfaches (z.B. LER), das konfes-sionell und weltanschaulich neutral ist. Der Besuch ist für alle SchülerInnen verbindlich.

Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen hat bereits im Frühjahr 2001 ihre Position zum Religi-onsunterricht und zur Wertebildung in der Berliner Schule verabschiedet: 1. Ein eigenständiges, weltanschaulich und konfessionell neutrales ordentliches Lehrfach soll in Anlehnung an das Brandenburger Fach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER) eingeführt werden. Die Teilnahme ist für alle SchülerInnen verpflichtend. 2. Das bisherige Berliner Modell des freiwilligen Religionsunterrichts soll beibehalten werden. Keine Verstärkung des Status des Religionsunterrichtes durch Einführung eines Wahl-pflichtfaches Religion Wertebildung in der Schule

Die Forderung nach einem Wahlpflichtfach Religion oder einem Ersatzfach bzw. nach einem Unterricht in Lebensgestaltung wird oft mit der Notwendigkeit der Wertevermittlung in der Schule begründet. Aber die Vermittlung von Werten ist Aufgabe der gesamten Schule und kann weder an die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften delegiert noch auf die Einrichtung eines Faches reduziert werden. Wertebildung hängt wesentlich von der Gestaltung schulischer Kontexte ab. Und: Wertebildung ist Aufgabe aller am Schulleben Beteiligten. Glaubwürdig können Werte nur vermittelt werden, wenn das schulische Leben und die dort tätigen Erwachsenen Werte vorleben, wertvolle Haltungen und Verhaltensweisen fördern und die Achtung vor der Würde eines jeden den Umgang der Menschen in der Schule prägt.

Für ein integratives Fach Das friedliche Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft ergibt sich nicht von alleine. Es bedarf der aktiven Erziehung zu gegenseitigem Respekt und zur Anerkennung von Un-terschiedlichkeit. Nicht zuletzt angesichts einer zunehmend multikulturellen Bevölkerung gibt es in Berlin einen wachsenden Bedarf an Informationen über Weltdeutungssysteme, Weltan-schauungen und Religionen. Daher befürwortet Bündnis 90 / Die Grünen die Einrichtung eines eigenständigen, bekenntnisfreien Faches, in dem sich SchülerInnen mit Werte- und Sinnfragen auseinandersetzen können und ein breites Grundwissen über Religionen und Weltanschauungen vermittelt bekommen. Ein solches Fach dient dem gegenseitigen Verständnis von SchülerInnen mit unterschiedlichem kulturellen und religiösen Hintergrund. Und es kann helfen, eigene und fremde Weltdeutungen bewusst wahrzunehmen und sich mit Beweggründungen menschlichen Handelns auseinander zusetzen. Voraussetzung für den pädagogischen Erfolg ist, dass die SchülerInnen miteinander und voneinander lernen und nicht getrennt nach Konfessionen unterrichtet werden. Ein Wahlpflichtfach Religion kann durch die Aufteilung der Schüler nach Glaubenszugehörigkeit keine integrative Wirkung entfalten, sondern würde die Abgrenzung verstärken.

Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde Das Brandenburger Fach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER) ist ein richtungswei-senden Ansatz. LER knüpft an den konkreten Lebenserfahrungen und Lebensfragen von Jugendlichen an. Es wird bekenntnisfrei, religiös und weltanschaulich neutral unterrichtet. Es richtet sich an alle SchülerInnen und kann gerade aus den Unterschieden zwischen den SchülerInnen die didaktischen Impulse beziehen, um religiöse Orientierungen und Anschauungen in ihrer Pluralität erfahrbar zu machen und zu thematisieren. Es kann dadurch eine Haltung von Respekt und Aufgeschlossenheit fördern. LER ist seit seiner Einführung umfassend wis-senschaftlich begleitet worden. Berlin sollte an den Brandenburger Erfahrungen anknüpfen und diese für die spezifischen Berliner Verhältnisse fruchtbar machen.

Status des Religionsunterrichts In der gegenwärtigen Debatte werden zwei Fragen miteinander vermischt, die getrennt behandelt werden sollten: Die nach dem Status des Religionsunterrichts - ordentliches Lehrfach oder freiwilliges Angebot - und die Frage, ob die Berliner Schule ein wertevermittelndes Fach braucht. Es ist dringend geboten, eine klare Abgrenzung vorzunehmen zwischen konfessionell gebundenem Religionsunterricht und einem staatlich verantworteten Regelfach, das Fragen der Ethik, der Lebensführung und religionskundliche Fragen behandelt. Für Berlin besteht nach §141 GG (sogenannte Bremer Klausel) keine Verpflichtung, Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach anzubieten. Statt dessen gibt es das Angebot des freiwilligen Religionsunterrichts in der Verantwortung der Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen bejaht den Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche und plädiert dafür, dass der Religionsunterricht an staatlichen Schulen auch weiterhin nur auf freiwilliger Basis erfolgen soll. Eine Verstärkung des Status des Religionsunterrichtes durch die Einführung eines Wahlpflichtfaches Religion lehnen wir ab.

Keine Abmeldung: LER soll in Berlin für alle SchülerInnen verbindlich sein, also keine Abmeldungen, wenn Kinder Religionsunterricht besuchen. Im Gegensatz zu Brandenburg, wo die verfassungsrechtliche Frage, ob Brandenburg sich auf die Bremer Klausel beziehen kann, ungeklärt war, besteht für Berlin keinerlei Zweifel daran, dass die Bremer Klausel gilt; daher dürf-te es auch keine verfassungsrechtlichen Gründe geben, die es notwendig machen, eine Ab-meldung zu ermöglichen.

Schrittweise Einführung/Lehrerbildung: Eine Einführung ist nur schrittweise zu realisieren, zunächst hochwachsend von Klasse 7 bis Klasse 10. Zur Zeit gibt es zwar keine für LER ausgebildeten Lehrer in Berlin, allerdings eine größere Anzahl von von LehrerInnen mit der Lehr-befähigung Ethik/Philosophie (Grundlage ist eine 4-semestrige Fortbildung am LISUM) oder der Lehramtsbefähigung Philosophie. Im Jahr 2000 gab es in Berlin 130 Lehrer, die eine 4-semestrigeEthik-Philosophie-Fortbildung im LISUM absolviert hatten bzw. gerade dabei waren sowie 140 Lehrer mit einer Lehramtsbefähigung Philosophie.

Kosten: Für die Einführung von LER von der 7. bis hochwachsend bis zur 10. Klasse würden bei einer flächendeckenden Einführung in allen Sekundarschulen Kosten für rund 350 Lehrer-stellen anfallen, das sind ca. 15 Mio Euro - entsprechende Kosten hat auch die Senatsschulverwaltung im Rahmen der Ampelkoalitionsgespräche prognostiziert, als es um die Frage der Einrichtung eines eigenständigen wertevermittelnden Faches (Fenstermodell) ging. Dem steht eine Einsparung von rund 1 Mio Euro für den zur Zeit noch laufenden Modellversuch E-thik/Philosophie gegenüber. Nicht bezifferbar sind die Einsparungen, die sich durch eventuelle Abmeldungen vom Religionsunterricht perspektivisch ergeben könnten.

Zugehörige Dateien:
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