Rede zur Bildungspolitik - Landesdelgiertenversammlung Bündnis 90 / Die Grünen Berlin
Liebe Freundinnen und Freunde, wir haben es vorhin im Film gesehen und Frau Stanat hat es in Ihrer Presentation deutlich gezeigt. Das Land der Dichter und der Denker hat in mehreren internationalen Bildungsstudien mehr als schlecht abgeschnitten.
Vom PISA-Schock war die Rede als vor drei Jahren die ersten PISA-Ergebnisse vorgestellt wurden. In drei Wochen werden die Ergebnisse der 2. PISA-Erhebung veröffentlich.
Mann oder Frau muss keine seherische Fähigkeiten besitzen um zu sagen, der nächste PISA-Schock steht uns bevor!
Frau Stanat weiß es aber sie muss bis zum 7. Dez. schweigen.
Eine der erschreckendsten Ergebnisse der PISA-Studie war die enge Koppelung schulischer Leistungen an die soziale Herkunft, was sich in besonderem Maße bei den Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache manifestierte.
Unsere Schulen bewirken das genaue Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen sollten: Sie bieten keine Chancengleichheit, sondern fördern Ungleichheit und zementieren Benachteiligungen von Generation zu Generation.
Zunächst einmal widersprechen die Studien grundlegenden pädagogischen Prämissen unseres Schulsystems. Eine Pädagogik, die in erster Linie darauf abzielt, die Lernschwächeren von den Lernstärkeren möglichst frühzeitig zu separieren, in der Annahme, dass homogene Lerngruppen in getrennten Schultypen die besseren Ergebnisse erzielen, ist falsch. Lernschwache werden in unserem Schulsystem nicht ausreichend gefördert. Gleiches gilt für unsere Gymnasiasten, sie erreichen im internationalen Vergleich nur durchschnittliche Leistungen.
Abgesehen von den insgesamt unterdurchschnittlichen Leistungen, gleichen unsere Schulen die unterschiedlichen Einkommens- und Bildungshintergründe der Elternhäuser nicht aus, sondern schreiben sie bei den Kindern und Jugendlichen fort.
Wer im Elternhaus nie gelernt hat, Bildung zu schätzen und Neugier zu entwickeln, der bekommt auch in der Schule nicht die Chance dazu.
Wer in einer Migrantenfamilie ohne die deutsche Sprache aufgewachsen ist, kann sie sich meist auch in der Schule nur ungenügend aneignen.
Liebe Freundinnen und Freunde, Unser Schulsyytem verschwendet zuviel Energie aufs Sortieren und zuwenig darauf, die Schülerinnen und Schüler möglichst optimal zu fördern.
Die optimale Förderung und Entwicklung jedes einzelnen Schülers, jeder einzelnen Schülerin ist ein Gebot sozialer Gerechtigkeit.
Bildungssysteme, in denen schwächere Schülerinnen und Schüler nicht einfach in eine andere Schulart abgeschoben werden können, sondern gezielt gefördert und mit allen anderen Schülern gemeinsam unterrichtet werden, erzielen insgesamt die besten Ergebnisse.
Der Weg, der eingeschlagen werden muss, besteht darin, die Schule wirklich zu einem Ort des sozialen Lebens und entdeckenden Lernens zu machen
Kinder und Jugendliche wachsen heute unter völlig anderen Bedingungen auf als die jetzige Erwachsenengeneration.
Die Schule muss auf die veränderten Realitäten von Kindheit, Jugend und familiärer Sozialisation und die rasanten Umwälzungen in der Arbeitswelt angemessen reagieren.
Schule muss so gestaltet werden, dass es zu einem Lern- und Lebensort wird, der Kindern und Jugendlichen die notwendigen Kompetenzen vermittelt und Raum zur Bewältigung und Verarbeitung ihrer Erfahrungen gibt.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, bedarf es einer grundlegenden Reform der Schule - neue Unterrichtsinhalte und neue Formen der Lernorganisation, Stärkung der Schulsozialarbeit, mehr Eigenverantwortung für die Einzelschule und das ist keine Erfingund der FDP sondern eine Urgrüne Forderung. Wir brauchen auch eine Veränderung der Rolle und der Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer. Das Ziel muss eine Schule sein, die in weit größerem Ausmaß als bisher von allen Beteiligten als ihr gemeinsames Werk erfahren wird, dessen Veränderung das Ergebnis ihrer gemeinsamen Anstrengung ist. Liebe Freundinnen und Freuden, das Rad muss nicht neu erfunden werden, ein Blick über den Tellerrand reicht oft aus. Zahlreiche Länder haben in den vergangene Jahren und Jahrzehnten ihre Bildungssysteme erfolgreich reformiert. Viele dieser erfolgreichen Länder haben eine Gemeinsamkeit. Die Schülerinnen und Schüler werden möglichst lange gemeinsam unterrichtet. Individuelle Förderung ist in diesen Ländern keine Floskel, sondern die Regel. Begleitet wird das ganze von einer Lern- und Unterrichtskultur, in welcher die Schülerin und der Schüler im Mittelpunkt steht. Deshalb sagen ich ganz klar: mittel- bis langfristig wollen wir eine integrative Schule, in der alle Schülerinnen und Schüler bis zur 10. Klasse gemeinsam mit- und voneinander lernen.
Bitte keine Missverständnisse, wir wollen keine Einheitsschule oder die Gesamtschuldebatte - Wir wollen eine neue, eine moderne Schule in der Heterogenität und individuelle Förderung keine Fremdwärter sind und eine Lern- und Unterrichtskultur, die den Anforderungen unserer Zeit und unsere Gesellschaft gerecht wird.
Schulen müssen die Möglichkeit erhalten, sich selbst weiterzuentwickeln und ihr soziales Umfeld positiv zu beeinflussen. Dafür brauchen sie die nötigen organisatorischen und finanziellen Freiräume.
Gemeinsam lernen und individuell fördern - so muss das Motto der Schule der Zukunft lauten.
Strukturveränderung allein reicht sicherlich nicht, sie muss einhergehen mit den genanten Veränderungen.
Veränderungen im Sinne von qualitativer Verbesserung der Schulen und eine entsprechende Lernkultur können nur dann wirksam werden und bleiben, wenn sie von den Beteiligten vor Ort, den LehrerInnen und anderen Beschäftigten, den SchülerInnen und den Eltern, mit getragen, besser noch selbst initiiert werden.
Wer Spitzenleistungen will, muss alle Schülerinnen und Schüler fördern und fordern.
Dies erfordert eine Flexibilisierung und Individualisierung von Bildung - eine grundlegende Veränderung des Unterrichtskultur durch eine zeitgemäße Didaktik und eine Orientierung der schulischen Lernsituationen an den einzelnen Schülerinnen und Schülern mit ihren Stärken, ihren unterschiedlichen Lernfortschritten oder ihren Schwächen.
Die Schulen müssen in die Pflicht genommen, aber eben auch in die Lage versetzt werden, Verantwortung für die Bildungsbiographie ihrer Schüler zu übernehmen.
Wir müssen weg vom Leitbild des Selektierens und des Nachweisens der Schwächen und hin zu einer ausdrücklich und aktiv fördernden Pädagogik. Darum müssen wir beispielsweise die subjektiven Ziffernnoten durch Lernentwicklungsberichte ersetzen.
Wir müssen auch wegkommen von der Ausschließlichkeit des sogenannten "Fragen entwickelnden Unterrichts", diesem Prinzip der Osterhasenpädagogik , nach dem Motto die Lehrerin versteckt das Wissen und die Schüler sollen es finden.
Wir müssen das Sitzenbleiben endlich dahin verweisen, wohin es gehört, nämlich ins Museum wilhelminischer Pädagogik. Sitzen bleiben ist nachweislich im überwiegenden Teil aller Fälle pädagogisch sinnlos oder sogar kontraproduktiv. Es verschwendet wertvolle Lebenszeit der Schülerinnen, bindet sehr viel Geld, welches besser für individuelle Förderung eingesetzt werden sollte, und beruht auf der so nicht haltbaren These von der Effizienz homogener Lerngruppen.
Möge der bevorstehende 2. PISA-Schock ein heilsamer sein!
Ich danke für Eure Aufmerksamkeit.
Der Leitantrag "Bildung neu denken - Wege für eine bessere Bildung in Kitas und Schulen in Berlin" kann nachfolgend als PDF-heruntergeladen werden




