Schmerz kennt keine Nation
Blick in Schulen mit Islam-Unterricht
Von Birgit Loff (Berlin)
Die Stimmung der Kinder sei "gedrückt", sagt die Leiterin der Fichtelgebirge-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, Annette Spieler. Ihre Schüler müssten fertig werden mit den Bildern im Fernsehen und der Angst vor neuem Terror oder sogar Krieg. Doch auch nach den Attentaten in den USA geht es hier wie an der Rudolf-Wissell-Grundschule im Wedding friedlich zu. In beiden Schulen erteilt die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestufte Islamische Föderation Berlin (IF) ihren vor Gericht erstrittenen muslimischen Religionsunterricht.
Beschwerden über die Islamstunden, an denen über 50 Zweitklässler teilnehmen, wurden bislang nicht laut. In beiden Schulen will die Islamische Föderation mit der evangelischen und katholischen Kirche eine Gedenkstunde für die Terroropfer abhalten. Wolfgang Gunkel, Leiter der Wissell-Grundschule, spricht von einem großen Konsens in der Ablehnung von Gewalt. Gunkel wünscht sich, "dass nicht nur Lehrer, sondern auch Eltern sich die Zeit nehmen, Fragen der Kinder zu beantworten".
Als "positives Signal" wertet der bildungspolitische Sprecher der Berliner Grünen, Özcan Mutlu, dass die Islamische Föderation und auch die radikalreligiöse Vereinigung Milli Görüs (Nationale Weltsicht) sich von den Anschlägen distanzierten. In der ersten Unterrichtsstunde, am Vortag der Attentate, hätten die Islam-Lehrer über die Bedeutung der arabischen Grußformel "As-salamu alaikum" (Friede sei mit euch) gesprochen, sagt der IF-Sprecher Burhan Kesici. In den folgenden Stunden seien die Anschläge verurteilt und den Kindern erklärt worden, der Koran verbiete es, Menschen umzubringen.
Berlins Schulsenator Klaus Böger hält nichts von Anordnungen von oben. Die Lehrer seien ausgebildet, selbst einzuschätzen, wie sie Ereignisse, die ihre Schüler ängstigen, in Unterricht oder Schulleben einbeziehen müssten. Manche Klassen sind zur US-Botschaft in Berlin-Mitte gefahren, um Blumen niederzulegen, Kerzen anzuzünden und gemeinsam zu trauern. Andere Schulen haben Vollversammlungen veranstaltet, in denen die Schüler sprechen konnten.
In der Regenbogen-Schule in Neukölln wurde nach der bundesweiten Schweigeminute über die Attentate geredet. Zum Entsetzen der Lehrer sei in manchen Klassen deutlich geworden, dass "bei einigen Familien die Attentate doch gefeiert wurden", sagt Heidrun Böhmer, die Leiterin der Grundschule mit 650 Kindern aus 30 Nationen. Von Kollegen weiß sie, dass ihre Schule mit diesem Problem nicht allein dasteht. Mit dem benachbarten Arabischen Kulturinstitut arbeitet man seit Jahren zusammen. Das Kollegium will sich nun in Arabisch und Deutsch in einem Brief an alle Eltern wenden. Husein Charwich, im Vorstand des Kulturinstituts und als Diplom-Psychologe in der Familienhilfe in Neukölln tätig, wird den Brief mit anderen formulieren. Er will die Eltern bitten, ihren Kindern ein klares, verständliches Bild des Geschehens zu vermitteln und daran erinnern, "dass man bei Terror, Schmerzen und Leiden von Menschen aller Nationen und Religionen nur mitfühlend und solidarisch sein kann".
Fast täglich reden die Kinder in der Regenbogenschule über die Attentate. Sie fragen, was Terror ist und was Krieg. Sie wollen etwa wissen, ob Deutschland hineingezogen wird in den Konflikt und ob Bomben fallen können auf Berlin. Das Schülerparlament hat in seiner jüngsten Sitzung die Attentate in den USA zum Thema gemacht. In der Internetgruppe haben Schüler die Kinder-Website www.milkmoon.de angeklickt, um sich zu informieren und ihre Botschaften zu hinterlassen. So wie Hannah: "Unschuldige Araber können sich jetzt auch gar nicht auf die Straße trauen." Oder Lorina: "Ich bin einfach nur entsetzt. Kann nicht in Worte fassen, was ich fühle. Angst ist auch dabei. War das der Anfang von etwas Schlimmerem?"




