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Gedanken/Rede zur Gedenkveranstaltung an Hatun Sürücü, die vor einem Jahr Opfer eines "Ehrenmordes" wurde

Gedanken/Rede zur Gedenkveranstaltung an Hatun Sürücü, die vor einem Jahr Opfer eines "Ehrenmordes" wurde.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde!

Es war ca. vor einem. Sie hatte ihm vertaut, den er war ihr Bruder. Nichtsahnend folgte sie ihm. Wir wissen nicht, mit welchen Lügen er Hatun nachts aus der Wohnung gelockt hat, um sie dann kaltblütig mit einem Schuss in den Kopf hinzurichten.

Sie wurde ermordet, weil sie ihren eigenen Weg gegangen ist, weil sie frei sein wollten, weil sie lebte, wie sie wollte, weil sie sich aus den Ketten der unsäglichen familiären Traditionen befreit hatte. Der Vorwurf lautete: Sie lebte wie eine Deutsche. Deshalb musste sie sterben, in mitten unserer Gesellschaft, in Mitten von uns. Das war nicht der erste Ehrenmord in Berlin, hoffentlich ist er aber der Letzte.

Einige Schülerinnen und Schüler haben bei den darauffolgenden Debatten diese schreckliche Tat als richtig und gerechtfertigt bezeichnet. Sie hätte die Ehre der Familie beschmutzt und hätte es verdient. Das sollte uns sehr zu denken geben.

Der schreckliche Mord an der jungen Berlinerin Hatun Sürücü, hat viele Fragen aufgeworfen, die uns auch ein Jahr nach der Tat nicht loslassen: Welche Haltungen liegen dem Mord zugrunde? Was bewegt Brüder, ihre Schwester zu töten? Wie stark wirken archaische, mit den Menschenrechten nicht vereinbare Traditionen in den Migrantencommunities? Wie können Mädchen und Frauen gestärkt werden? Wie kann ein Klima der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe geschaffen werden? Wie können junge Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, einen kaltblütigen Mord gutheißen?

Auf diese Fragen müssen und können wir nur gemeinsam Antworten suchen. Dieser Mord ist ein Zeugnis, dafür das WIR gescheitert sind. Unsere Gesellschaft und unsere Institutionen konnten Hatun Sürücü nicht schützen. Unsere Gesellschaft hat es nicht geschafft, jungen Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, universelle Menschenrechte nahe zu bringen. Deshalb sind wir alle gefordert!

Der Mord kann nicht ungeschehen, Hatun Sürücü kann nicht wieder lebendig gemacht werden. Aber die Erinnerung an die schreckliche Tat trägt dazu bei, dass die Aufmerksamkeit bleibt. Dass in unserer, auf ihre Liberalität so stolzen Stadt, Mädchen und Frauen das Selbstbestimmungsrecht abgesprochen wird und dabei vor Gewalt, ja selbst vor Mord nicht zurückgeschreckt wird, ist ins gesellschaftliche Bewusstsein eingebrannt.

Viele haben sich in den vergangenen Monaten der Verantwortung gestellt: Die Auseinadersetzung mit Hatuns Tod hat das Schweigen und Weggucken beendet und eine breite Diskussion entfacht.

Die Rechte von Frauen und die Ächtung männlicher Gewalt ist mehr denn je Thema. Das ist auch gut so. Die Migrantencommunities haben begonnen, intern und öffentlich ihrer eigenen Verantwortung nachzugehen. In vielen politischen Bereichen wurden neue Initiativen zum Schutz von Migrantinnen vor Gewalt und für das Recht auf Selbstbestimmung ergriffen.

Reicht das? Nein es reicht nicht! Aber das sind wichtige Schritte, die dazu beitragen, ein Klima zu schaffen, in dem Mädchen und Frauen ohne Angst selbstbestimmt ihr Leben gestalten können. Sie müssen wissen, dass sie eine breite Unterstützung haben und nicht allein sind. Und die potenziellen Täter müssen wissen, dass sie für ihre Taten und für die zugrunde liegenden Haltungen kein Verständnis bekommen - nicht bei ihren Freunden, nicht bei ihren Familien, nicht in der Öffentlichkeit.

Özcan Mutlu, MdA

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