"Wir sind zu spät aufgewacht"
12.02.2008: Süddeutsche Zeitung
Der Berliner Grünen-Politiker Özcan Mutlu spricht die Versäumnisse bei der Integration von Türken in Deutschland offen an. Sowohl Deutschen als auch Türken wirft er Lebenslügen vor.
Interview: Philip Grassmann
Süddeutsche Zeitung: Tayyip Erdogan warnt seine Landsleute in Deutschland vor Assimilation. Hat er recht?
Özcan Mutlu: Es ist unangemessen, dass sich der Ministerpräsident der Türkei derart in innerdeutsche Angelegenheiten einmischt.
SZ: Was ist die Folge?
Mutlu: Erdogans Worte sind kein Beitrag zur Integration, sondern begünstigen die Segregation. Nehmen Sie zum Beispiel seine Forderung nach türkischen Schulen. Sie zeigt, dass er die Situation in Deutschland nicht kennt. Natürlich brauchen wir muttersprachlichen Unterricht. Es ist aber ein Unterschied, ob türkischstämmigen Kindern die Grundlagen zum Erlernen der türkischen Sprache vermittelt wird oder ob sie in türkische Schulen gehen. Es ist zynisch, dass Erdogan in Deutschland etwas fordert, was er den Minderheiten in der Türkei verwehrt: Muttersprachlicher Unterricht ist dort für Kurden verboten.
SZ: Aber viele Türken befürchten, dass die Integration auf Kosten der eigenen Identität geht.
Mutlu: Das Problem ist doch: Ein Drittel der Schüler mit Migrationshintergrund verlässt in Berlin die Schule ohne Abschluss. So können sie nicht Teil der Gesellschaft werden. Wir brauchen eine Bildungsoffensive für Migrantenkinder.
SZ: Also müssen sich die Türken in Berlin doch mehr anpassen?
Mutlu: Integration bedeutet ja nicht Aufgabe der eigenen Kultur. Es ist ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten.
SZ: Warum kommt die Integration in Deutschland nicht voran?
Mutlu: Jahrzehntelang galt: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Aber auch die Migranten saßen jahrzehntelang auf gepackten Koffern und dachten, sie fahren irgendwann zurück. Beides waren Lebenslügen und haben zu den heutigen Problemen geführt. Wir sind 40 Jahre zu spät aufgewacht.
SZ: Das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken hierzulande ist schlecht. Warum?
Mutlu: Es hat sich Misstrauen breitgemacht. Wenn über Ausländerkriminalität gesprochen wird, dann stehen die Türken im Mittelpunkt. Da fühlt man sich schnell diskriminiert. Man muss den Leuten aber das Gefühl geben, dass sie hier alles erreichen können. Auch wenn sie dafür vielleicht härter kämpfen müssen als viele Deutsche.
Der aus dem türkischen Kelkit stammende Özcan Mutlu ist bildungspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin




