PISA-E II - Die Migrantenkinder sind nicht schuld!
04.03.2003: Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher, erklärt:
Kinder aus Migrantenfamilien für das schlechte Abschneiden bei PISA verantwortlich zu machen, ist nichts weiter als ein schäbiger Versuch die PISA-Ergebnisse zu instrumentalisieren. Dabei hat bereits PISA-International gezeigt, dass sozial benachteiligte Kinder, insbesondere aus Migratenfamilien, nirgendwo in Europa so wenig gefördert werden wie in Deutschland. Unser Schulwesen wird weder dem demokratischen Anspruch auf Chancengleichheit noch den Anforderungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes gerecht. Die jahrelange Unterfinanzierung der Schulen und die versäumten inhaltlichen Reformen sind der Grund für das schlechte Abschneiden der deutschen SchülerInnen - und nicht ihre Herkunft!
Ein Kernproblem unserer Schulen liegt in einem überkommenen Unterrichtsverständnis: Die Vorstellung, dass möglichst homogene Schülergruppen in der gleichen Zeit das Gleiche lernen, prägt die vorherrschenden Unterrichtskonzeptionen. Damit werden weder Leistungsstarke noch Leistungsschwache gefördert. Das Bildungssystem hat aber die Aufgabe, die Entfaltung der Persönlichkeit zu fördern und die Unterschiedlichkeit der Menschen zu einem zentralen Ansatz von Pädagogik und Didaktik zu machen. Notwendig ist ein Umdenken in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und dem Erzieherpersonal.
Konsequente Förderprogramme zum Abbau von Sprachdefiziten neben der Förderung der Muttersprache, gezielte Maßnahmen zum Erwerb fehlender Schulabschlüsse sowie strukturverbessernde Maßnahmen für Schulen mit hohem Anteil an SchülerInnen nichtdeutscher Herkunft sind unabdingbar. Dabei kommt der vorschulischen Bildung eine große Bedeutung zu. Diese muss sowohl personell als auch finanziell für die zu bewältigenden Aufgaben gerüstet sein. Die interkulturelle Erziehung muss aus ihrem Nischendasein heraus und zum Alltag in der Schule werden. Die Schule im Einwanderungsland Deutschland muss endlich die Lebens- und Erfahrungswelt der Einwandererkinder in den Lehrplänen und in den Schulbüchern berücksichtigen. Hierzu bedarf es einer Reform der Rahmenpläne, der Curricula und last but not least, der Ausbildung der LehrerInnen und der ErzieherInnen. Was wir brauchen sind nationale Bildungsstandards.




