Deutschtürken: Wir wollen hier rein!
14.03.2008: Die Zeit, Nr. 12
Die Deutschtürken fühlen sich unerwünscht. Sie möchten gern dazugehören und fürchten doch den Identitätsverlust Von Jörg Lau
Ein paar Momentaufnahmen aus einer umkämpften Zone: Jeder zweite Deutschtürke hat das Gefühl, in Deutschland unerwünscht zu sein. Doch zwei Drittel sagen auch: Es war alles in allem gut, dass meine Familie hierhergekommen ist. Die überwältigende Mehrheit der Türken in Deutschland wünscht sich, dass auf ihre Eigenheiten mehr Rücksicht genommen wird. Doch fast die Hälfte hat Schwierigkeiten mit der Vorstellung, einen deutschen Schwiegersohn oder eine Schwiegertochter zu akzeptieren. Das sind Ergebnisse einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag der ZEIT durchgeführt hat. Wir haben versucht, die Gefühlswelt der Bürger zu vermessen, die einen "türkischen Migrationshintergrund" haben. Und weil das so ein hässliches Wort ist, das den Krampf der deutschen Debatte schon in sich trägt, sprechen wir lieber von den Deutschtürken.
Nach den Ereignissen der letzten Wochen konnte man ahnen, dass ein Aufruhr in den Köpfen und Herzen der Deutschtürken tobt. Gleich zweimal in kurzer Zeit war die Trennlinie zwischen "den Deutschen" und "den Türken" neu gezogen worden. Auf Roland Kochs Kampagne gegen "kriminelle Ausländer" folgte Recep Erdoğans Vereinnahmungsfeldzug nach dem Brand von Ludwigshafen.
Wie verorten die Deutschtürken sich selbst? Wie sehen sie Deutschland? Wo liegen ihre Loyalitäten? Wie deutsch sind sie selbst geworden, wie viel Türkisches haben sie bewahren können? Fühlen sie sich durch deutsche Politiker vertreten und ernst genommen? Unsere Umfrage ergibt das Bild einer Gruppe, die zwischen Zu- gehörigkeitswünschen und Selbstverlustängsten zerrissen ist.
Man will anerkannt werden, fürchtet aber, dass dies nur um den Preis der Selbstaufgabe möglich sei. Die Deutschtürken haben ein mehrheitlich positives Bild von Deutschland und nehmen - vielleicht ebendarum - erschrocken und teils trotzig zur Kenntnis, dass dies nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Nicht nur die erste, auch die zweite Generation sieht sich in erschreckendem Maß als unerwünscht. Irritierend sind jedoch auch die selbstabschottenden Gegenreaktionen darauf - womöglich Kompensation empfundener Missachtung.
Mehr als die Hälfte der Befragten stimmen der Aussage zu: "In Deutschland fühle ich mich als Türke, in der Türkei als Deutscher." Auch unter den Hochqualifizierten und unter den jungen Leuten findet sich diese gespaltene Identität. Es muss nicht in jedem Fall ein unglückliches Bewusstsein damit verbunden sein. Durchaus möglich, dass manche auch ganz bequem mit den beiden Zugehörigkeiten leben. Aber eine gute Grundlage für ein neues Wir in Deutschland ist das nicht.
Eine unserer Fragen rührt an den politischen Kern des Integrationsproblems. Sind die Deutschtürken Teil der hiesigen Öffentlichkeit, fühlen sie sich repräsentiert? Angela Merkel hat gesagt, sie sei auch die Kanzlerin der hier lebenden Türken. Wir wollten wissen, wie glaubwürdig die Deutschtürken diesen Anspruch finden.
Das Ergebnis ist niederschmetternd für eine Regierungschefin, die Integrationsgipfel und Islamkonferenz unterstützt: 78 Prozent der Deutschtürken empfinden Angela Merkel nicht als ihre Kanzlerin. Bei den Frauen sind es sogar 83 Prozent. Und unter den Türken mit deutschem Pass steigt die Ablehnung auf 85 Prozent. Ist das die Quittung für Angela Merkels Unterstützung des Koch-Wahlkampfes? Spiegelt sich darin eine rückwärtsgewandte Fixierung auf das Herkunftsland, die von türkischen Medien und Politikern nach Kräften befördert wird? Für das "Integrationsland Deutschland", wie die CDU es neuerdings nennt, ist es ein dramatischer Befund.
Zwei Drittel glauben, man könne guter Muslim und Deutscher sein
Er wird untermauert durch das Gefühl, kulturell nicht angenommen zu werden: 89 Prozent der Deutschtürken sind der Meinung, die deutsche Gesellschaft solle "stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen". Und ganze 93 Prozent finden es "wichtig, dass die Türken in Deutschland ihre eigene Kultur bewahren". In der starken Betonung des Eigenen kann man ein Echo der Aufforderung Erdoğans vernehmen, die Türken sollten sich nicht "assimilieren" lassen. Immerhin: Für die unter 24-Jährigen ist das nicht so wichtig. Nur 55 Prozent von ihnen und nur 49 Prozent der Abiturienten stimmen "stark zu".
Sind die dennoch bemerkenswert hohen Zahlen ein Zeichen der Selbstabgrenzung, oder stehen sie für ein kulturelles Selbstwertgefühl, das per se nichts Schlechtes sein muss? Ist das Beharren der Deutschtürken auf der eigenen Kultur etwas Normales, das nur den Deutschen mit ihrer Neigung zur nationalen Selbstkritik und -verleugnung aufstößt? Im Stolzgefälle, das unsere Umfrage aufweist, haben Deutsche und Deutschtürken etwas, das sie aneinander befremdet.
Zwei Drittel der Befragten - 65 Prozent - sind der Meinung, man könne "gleichzeitig ein guter Muslim und ein guter Deutscher sein". Bei Männern ist diese Meinung weiter verbreitet (72 Prozent) als bei den Frauen, wo sie nur jede Zweite teilt. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass es falsch ist, von Türken und Muslimen zu reden, als wären dies deckungsgleiche Gruppen. Große Teile der Deutschtürken haben offenbar eine erhebliche Distanz zur Religion. Bedenken über die Vereinbarkeit von Islam und westlicher Moderne sind keineswegs nur in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch bei den Einwanderern selbst festzustellen - und bei den Frauen in erhöhtem Maß. Für die Islamkonferenz, die hauptsächlich die Vertreter der orthodoxen Richtungen des Islams zu Wort kommen lässt, ist das ein nützlicher Hinweis darauf, dass die organisierten Muslime nicht als Sprecher aller Deutschtürken verstanden werden können.
Wie stehen die Deutschtürken zu der Kardinalforderung der Integrationsdebatte, gute Sprachkenntnisse seien der Schlüssel des Erfolgs? Satte 83 Prozent unterschreiben die These. Offenbar haben die Deutschtürken andere Prioritäten, als Erdoğan suggerierte, als er zur Gründung türkischer Schulen und Universitäten in Deutschland aufrief. Das klare Votum für Deutsch als Verkehrssprache ist eine stille Anerkennung der Notwendigkeit eigener Integrationsleistungen und mithin der Politik des Förderns und Forderns.
Zu den ermutigenden Befunden zählt des Weiteren, dass 41 Prozent der Deutschtürken angeben, mindestens zur Hälfte deutsche Freunde zu haben. Mit höherem Bildungsabschluss nimmt der Anteil noch zu. Die getrennten Welten beginnen sich also zu mischen, und das Bildungssystem ist immer noch - trotz der ethnischen Entmischung an vielen Schulen in unseren Großstädten - ein Katalysator dieser Entwicklung.
Einen deutschen Schwiegersohn fände jeder Zweite problematisch
Wie aber sieht es auf dem türkischen Heiratsmarkt aus, der durch Berichte über Importbräute und Zwangsehen in Verruf gekommen ist? Die Bereitschaft zur interkulturellen Ehe ist ein wichtiger Indikator für die Integration. Wir wollten darum wissen, wie die Deutschtürken es finden würden, eine deutsche Schwiegertochter oder einen deutschen Schwiegersohn zu bekommen. Nahezu die Hälfte der Befragten gab an, Probleme damit zu haben. Wobei die über 60-Jährigen erstaunlicherweise am offensten sind und die 25- bis 34-Jährigen mit 55 Prozent die größte Reserve zeigen. Die zweite Generation der türkischen Einwanderer igelt sich stärker ein als die erste. Immerhin lassen die Berührungsängste mit steigendem Bildungsniveau stark nach.
Wie sieht das Fazit der Deutschtürken aus? "Alles in allem war es richtig, dass meine Familie nach Deutschland gekommen ist": Knapp zwei Drittel stimmen dieser Aussage zu. Das ist kein schlechtes Ergebnis, doch der Blick aufs Detail zeigt auch alarmierende Tendenzen. Den über 60-Jährigen fällt es nämlich auch hier deutlich leichter, sich zu Deutschland zu bekennen, als den 25- bis 34-Jährigen. In der zweiten Generation - die die Türkei meist nur aus dem Urlaub kennt - haben viele ein ambivalentes Verhältnis zu Deutschland. Sie träumen sich weg in die Zugehörigkeit zur imaginären Heimat Türkei.
Deutschland gelingt es nicht, die Gebildeten unter den türkischen Einwanderern für sich zu gewinnen: Mit steigender Bildung sinkt die Neigung, die Einwanderung als Erfolgsgeschichte zu bilanzieren. Dies spiegelt sich wider in der Reaktion auf die Aussage: "Deutschland ist ein weltoffenes Land, in dem es jeder unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann." Auch hier sind die Höhergebildeten die Skeptischsten: Nur jeder fünfte Befragte mit Hochschulreife hält Deutschland für ein Land der Chancen. Im Schnitt jedoch stimmen immerhin zwei Drittel der Deutschtürken diesem Satz zu. Damit liegen sie über dem deutschlandweiten Trend: Der Glaube an die Chancengerechtigkeit kommt auch zunehmend den Alteingesessenen gründlich abhanden, wie alle Umfragen zeigen.
Auf dem Weg zu einem neuen Wir, das zeigt unsere Umfrage, stehen wir erst am Anfang. Es gibt aber eine Reihe von Deutschtürken, die dabei vorneweg marschieren. Sechs von ihnen bekennen sich auf den folgenden Seiten zu einem Deutschland ohne ethnische Mauern. Der 38-jährige Ali Ertan Toprak aus Recklinghausen, der mit zwei Jahren nach Deutschland kam, vertritt heute als Generalsekretär die Glaubensgemeinschaft der Aleviten. Toprak scheut das Pathos nicht: "Ja, ich habe Deutschland umarmt", schreibt er. "Ich möchte nirgendwo sonst leben."
Unsere Umfrage macht deutlich, dass noch viel geschehen muss, bis sich mehr Deutschtürken so freimütig bekennen können. Die Deutschtürken fühlen sich nicht angenommen, und viele reagieren darauf mit Rückzug. Kochs Kampagne und Erdoğans Besuch haben die Fronten verhärtet. Sie haben aber immerhin auch Klarheit geschaffen: Integration ist eine Willensfrage - für beide Seiten.
Weiterführende Links zu den Gastautoren: Emine Demirbüken, MdA (CDU)
Mehmet Daimagüler, Yale-Fellow
Ali Ertan Toprak, Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland
Die vollständigen Daten zur Umfrage finden Sie hier (PDF)




