Der Prozeß im Mordfall Sürücü in Reaktionen von Politik und Medien
Von Gilbert Schomaker und Marianne Rittner
Berlin - Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), hat als Konsequenz aus dem Sürücü-Prozeß eine offene Diskussion über die Rolle der Frau in der Türkei gefordert. Der Berliner Morgenpost sagte er: "Nur wenn sich in der Türkei etwas ändert, wird sich auch bei den Türken in Deutschland etwas ändern. Nur so werden wir ein falsches Familienverständnis wirklich bekämpfen können." Nooke verwies auf die engen Verbindungen, die viele in Deutschland lebende Türken zu ihrer Heimat hätten. Er sprach von "kulturellen Hintergründen", die die Menschen und ihr Familienbild prägten. "Deswegen muß die Rolle der Frau in der Gesellschaft in der Türkei diskutiert werden", forderte Nooke. Solche Morde dürften nicht toleriert werden. "Nicht bei uns in Deutschland und auch nicht in der Türkei." Die Europäische Union (EU) müsse die Türkei zur Einhaltung der Menschenrechte drängen. "Zur Zeit ist die Türkei nicht reif für einen EU-Beitritt", sagte Nooke. In Menschenrechtsfragen dürfe es keine Zugeständnisse geben. "Wir müssen ein Interesse daran haben, daß sich in der Türkei etwas ändert", sagte Nooke.
Für Eren Ünsal, Sprecherin des Türkischen Bundes Berlin, kann "Mord nicht hart genug bestraft werden". "Aber die Gerichtsentscheidung ist nicht zu kritisieren. Wir hoffen, daß das Urteil abschreckende Signalwirkung hat."
Özcan Mutlu (Grüne), Mitglied des Abgeordnetenhauses, fordert: "Nach dem Urteil im Mordprozeß Hatun Sürücü darf die Gesellschaft nicht zur Tagesordnung übergehen. Aufklärung und Prävention müssen weitergehen." Um die Betroffenen wirklich zu erreichen, müßten vor allem die Migranten selber aktiv werden. Mit ihnen gemeinsam müsse das Grundrecht auf Freiheit, Gleichheit und körperliche Unversehrtheit von Frauen gesichert werden, daß das Grundgesetz allen Menschen in diesem Lande garantiere. "Die Art, wie vor dem Mord an Hatun Sürücü durch ihre Familie und Brüder versucht wurde, völlige Kontrolle über das Leben der Schwester auszuüben, ist abscheulich", sagte Mutlu. "Es verbietet sich, dies kulturell oder religiös zu rechtfertigen." Und: "Wir müssen es hinnehmen, daß mit dem Richterspruch vermutlich die Rechnung der Familie aufgegangen ist und die älteren Brüder aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden mußten. Die Tatsache, daß der Mord durch den jüngsten Bruder verübt worden ist, paßt genau in das Traditionsschema, das wir von vielen Ehrenmorden kennen."
Für Günther Piening, den Berliner Integrationsbeauftragten, hat der Täter die Höchststrafe erhalten. "Das ist ein wichtiges Signal. Das Urteil hat jedoch auch einen schalen Beigeschmack, weil das Gericht die Mitschuld der Familie nicht beweisen konnte." Der Prozeß habe in der türkisch-kurdischen Community eine heftige Diskussion in Gang gesetzt. "Es wird viel über Gewalt gegen Frauen gesprochen." Für Piening ist es in diesem Zusammenhang unverständlich, daß die Bundesregierung das Geld für Integrationsmaßnahmen kürzen wolle.
"Als Außenstehende können wir nicht sehen, was sich in der Familie abspielte", sagt Celal Atac, Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin. Er verweist darauf, daß die türkische Gemeinschaft zunehmend durch Arbeits- und Perspektivlosigkeit belastet sei. "Das erschwert die Integrationsbemühungen. Wir brauchen mehr Möglichkeiten uns in die Arbeitswelt zu integrieren."
Als "Einladung zu weiteren Verbrechen" hat eine führende Frauenpolitikerin in der Türkei das Berliner Urteil gewertet. "Das Urteil ist sehr schlecht", sagte Gaye Erbatur. Solche Entscheidungen verstärkten den Druck auf Frauen. Erbatur ist Vize-Vorsitzende eines Untersuchungsausschusses im türkischen Parlament, der sich mit sogenannten Ehrenmorden befaßt.
Türkische Zeitungen werteten die Freiheitsstrafe für den Hauptangeklagten im Berliner Prozeß als milde. Zudem kritisierten sie das Verhalten der Sürücüs. Sie brachten Fotos, auf denen eine lachende Schwester des Mordopfers zu sehen war. Auf einem anderen Bild zeigte ein Bruder der Getöteten das Siegeszeichen. "Sie lachen schamlos", kommentierte etwa die Zeitung "Vatan".




