Bildung und Migration
07.03.2003: "Viele ausländische Eltern kümmern sich zu wenig um die Ausbildung" Neue Pisa-Ergebnisse: Der Schulexperte der Grünen, Özcan Mutlu, fordert neue Studieninhalte für Lehrer und mehr Engagement von den Familien
"Viele ausländische Eltern kümmern sich zu wenig um die Ausbildung" Neue Pisa-Ergebnisse: Der Schulexperte der Grünen, Özcan Mutlu, fordert neue Studieninhalte für Lehrer und mehr Engagement von den Familien Bei einem Ausländeranteil von 20 Prozent sinkt das Leistungsniveau einer Schulklasse schlagartig, stellten die Bildungsforscher in der neusten Pisa-Studie jetzt fest. Der Schulexperte der Grünen-Fraktion, Özcan Mutlu, sieht die Verantwortung dafür nicht nur bei den Lehrern, sondern auch bei den ausländischen Familien.
Herr Mutlu, brauchen wir an Berliner Schulen eine Quotierung des Ausländeranteils, damit das Bildungsniveau wieder steigt?
Eine Quote bringt gar nichts. Wir könnten zwar die ausländischen Kinder aus Kreuzberg oder Neukölln per Bus an andere Schulen bringen, aber dafür kommen die deutschen Kinder aus Charlottenburg oder Zehlendorf noch lange nicht an die Kreuzberger Schulen. Das ist völlig unrealistisch.
Welche Lehren ziehen Sie dann aus dem Ergebnis der Pisa-Studie? Was muss man tun, wenn der Migrantenanteil über 20 Prozent liegt?
Es gibt schon heute Förderunterricht. Außerdem muss das Programm "Deutsch als Zweitsprache" ausgeweitet werden. Wir benötigen auch mehr mehrsprachige Lehrkräfte.
Aber befürchten Sie nicht, dass nun noch mehr deutsche oder auch bildungsbewusste ausländische Familien ihre Kinder an anderen Schulen anmelden?
Ja, die Gefahr besteht nach den neusten Ergebnissen der Pisa-Studie natürlich schon. Aber man muss auch sehen, dass viele Eltern schon seit Jahren so reagiert haben. Der Trend könnte sich jetzt noch verschärfen.
Wer ist dafür verantwortlich, dass das Leistungsniveau in den Klassen so rapide absinkt? Die Lehrer .
Da kommen viele Faktoren zusammen wie zum Beispiel die Schulstruktur. Die Schulen wurden in den letzten Jahrzehnten nicht befähigt, mit den Problemen fertig zu werden, die Einwanderungsgesellschaften mit sich bringen. Der Unterricht auch in Klassen mit einem hohen Migrantenanteil wird immer noch wie in den 60er- oder 70er-Jahren geführt. Mit Frontalunterricht kommt man aber nicht weiter, insbesondere wenn ein Großteil der Kinder nicht richtig Deutsch spricht.
Also reicht es, die Lehrer besser auszubilden?
Nein, das allein nicht. Aber natürlich muss auch die Lehrerausbildung verbessert werden. Viele Lehrer sind aufgeschmissen, wenn sie von der Uni in eine Klasse kommen, in der 50 oder 60 Prozent der Schüler kaum Deutsch sprechen.
Aber das ist doch auch eine Aufgabe der Eltern, der Familien .
Auch die Eltern tragen Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder. Viele ausländische Eltern kümmern sich zu wenig um die Ausbildung ihrer Kinder. Oft sind die Eltern in ihrer Schullaufbahn selbst gescheitert. Nun übertragen sie ihre Erfahrungen auf ihre Kinder. Außerdem gibt es in vielen türkischen Familien, die von Anatolien nach Berlin gekommen sind, ein anderes Bildungsbewusstsein. Mich stört vor allem, dass manche der Familien an dem Irrglauben festhalten, ohne Deutsch könnten sie zum Beispiel in Kreuzberg, zurechtkommen.
Der Schulsenator sieht das Problem auch und hat gemeinsam mit der Türkischen Gemeinde einen Elternbrief verschickt. War das eine gute Idee?
Ach der Elternbrief. Das war ein achtseitiger Brief, der in Amtsdeutsch verfasst war und dann ins Türkische, also auch in die Amtssprache, übersetzt wurde. Den haben doch 90 Prozent der Eltern nicht gelesen, der ist auf dem Müll gelandet.
Müsste sich die Türkische Gemeinde mehr dafür einsetzen, damit die Kinder frühzeitig Deutsch lernen?
Natürlich, dafür bekommen diese Organisationen doch auch ihr Geld. Sie tun einfach zu wenig.
Das Gespräch führte Christine Richter.
BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu fordert neue Schulkonzepte.




