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Ein heißes Spiel

23.06.2008: Deutschland gegen die Türkei - das wird auch ein Test der neuen Fan-Beziehungen / Tagesspiegel

Sicherheitsexperten sind besorgt, die Menschen euphorisch

Von Anke Myrrhe und Ingo Schmidt-Tychsen

Eins ist klar: Am Mittwoch geht es um viel. Und zwar nicht nur fußballerisch. Das Halbfinale Deutschland gegen die Türkei ist in vielerlei Hinsicht brisant. Seit über 50 Jahren sind die Länder nicht mehr bei einem großen Turnier aufeinander getroffen, was soll man also erwarten? Experten befürchten Ausschreitungen, besonders in den deutschen Großstädten Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg. Das Spiel ist auch ein Test für die Beziehungen zwischen Deutschen und Türken. In Berlin-Kreuzberg fahren viele Autos bereits unter deutscher und türkischer Flagge. Wird das auch am Mittwoch noch so sein? Oder verpufft die Sympathie, wenn die beiden Teams aufeinander treffen?

Özcan Mutlu glaubt, dass die neue Beziehung das Ende eines Prozesses ist. Der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus erinnert an die WM 2006. Die Türkei war damals nicht qualifiziert, weshalb viele in Deutschland lebende Türken die deutsche Nationalmannschaft angefeuert haben. "Das hat viel zur Völkerverständigung beigetragen", sagt Mutlu. "Vor ein paar Jahren hätte ich mir diese Paarung noch nicht gewünscht, aber jetzt ist Deutschland bereit dafür." Bei dem gebürtigen Türken mit deutschem Pass überragt die große Vorfreude alle Sorgen: "Ich glaube, es wird ein großes Fest."

Auch die Berliner Polizei geht von friedlichen Feiern aus, wird aber Kollegen aus anderen Bundesländern anfordern, um auf alles vorbereitet zu sein. In Hamburg wird mit Schwierigkeiten gerechnet. "Es wird etwas ruppiger zugehen, egal wer gewinnt", sagt Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Auch in der Hansestadt werden mehr Polizisten als üblich im Einsatz sein.

Eine große Public-Viewing-Veranstaltung wurde bereits aus Furcht vor Ausschreitungen abgesagt. Das Oberhausener "Centro" wird die Begegnung "aus Sicherheits- und Kapazitätsgründen" nicht zeigen, wie der Sicherheitsbeauftragte des Einkaufszentrums erklärt. "Wir haben nur Platz für 4000 Leute, rechnen aber mit 10 000, die rein wollen. Der Unmut der 6000 Ausgeschlossenen könnte gefährlich werden. Da reichen schon ein oder zwei Brandstifter, damit die Lage eskaliert."

In Frankfurt am Main gab es am 7. Juni Ausschreitungen nach der einzigen Niederlage der Türken gegen Portugal. Etwa 200 türkische Fans wüteten, die Polizei wurde mit Steinen und Flaschen beworfen. Hartmut Scherer, Polizeiführer vom Dienst in Frankfurt, rechnet für Mittwoch aber mit keiner besonderen Bedrohung. "Es werden die gleichen Vorkehrungen getroffen wie vor jedem anderen Spiel auch." Allerdings will Scherer auch nicht ausschließen, dass kurzfristig noch Public Viewings in Frankfurt abgesagt werden.

Den Sorgen der Sicherheitsexperten steht die große Euphorie der Menschen gegenüber. Ein großes, buntes Fußballfest erwartet zum Beispiel Celal Bingöl, Präsident des türkischen Fußballvereins Türkiyemspor in Berlin. "Wir leben seit 40 Jahren in Deutschland", sagt er, "ist doch klar, dass wir die deutsche und die türkische Nationalmannschaft zu gleichen Teilen anfeuern." Im Grunde sei es deswegen egal, wer gewinnt. "Was man momentan in Berlin sieht, ist bemerkenswert. Nicht nur die Türken freuen sich für die Deutschen, sondern auch umgekehrt. Das ist doch das richtige Zeichen für Deutschland, für die Integration von beiden Seiten." Zum Spiel Kroatien gegen die Türkei am Freitagabend kamen viele Deutsche mit türkischen Trikots und Fahnen ins Klubhaus von Türkiyemspor am Kottbuser Tor in Kreuzberg. Und Türken in schwarz-rot-gold sind nach Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft auf dem Kurfürstendamm schon längst nichts Außergewöhnliches mehr.

Auch der Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, sagte im DFB-Quartier in Tenero zu Befürchtungen, es könnte am Mittwoch bei Public-Viewing-Veranstaltungen in Deutschland zu Auseinandersetzungen kommen: "Ich mache mir keine Sorgen."

Die Nationalmannschaft, der derzeit alleine sieben Spieler mit Migrationshintergrund angehörten, stehe für Respekt, Toleranz und Fairness. Deshalb sei zu hoffen, dass es am Mittwoch ein tolles Spiel geben und sowohl im Stadion als auch in Deutschland friedlich zugehen werde, sagte Bierhoff.

www.tagesspiegel.de/sport/;art272,2556848

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.06.2008)

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